"Ein Exzellenzbetrieb wurde zerschlagen"

Landtag gegen neue Geburtenstation in Sterzing

Donnerstag, 01. Dezember 2022 | 13:29 Uhr

Bozen – Im Südtiroler Landtag wurde heute ein Antrag von Peter Faistnauer zur Wiedereröffnung der Geburtenstation in Sterzing abgelehnt.

“Das Krankenhaus Sterzing ist überaus wichtig für die Gesundheitsversorgung der Bevölkerung im Wipptal”, bemerkte Peter Faistnauer (Perspektiven Für Südtirol). “Ginge es nach dem Willen der Bevölkerung, wäre die Geburtenstation dort nie geschlossen worden.” Diesbezüglich habe LH Kompatscher selbst von einer “großen offenen Baustelle” gesprochen, ohne konkrete Angaben zur Begründung der Schließung zu machen. Er wies darauf hin, dass es nach der Schließung des Geburtshauses zu zahlreichen Kündigungen des Personals gekommen sei, und er führte das Beispiel des Krankenhauses von Cavalese an, das zunächst geschlossen und dann wieder eröffnet wurde.
Sven Knoll (Süd-Tiroler Freiheit) erinnerte an die Aussagen der damaligen Landesrätin, dass die Geburtenstation für Mütter gefährlich sei, was er als beleidigend empfand, und erinnerte an die Proteste der Bürger gegen die Schließung, mit der die Gesundheitsversorgung in der Umgebung verschlechtert worden sei. Ohne die peripheren Krankenhäuser wäre es gerade in der Coronazeit schlimm um die Gesundheitsversorgung gestanden.

Franz Ploner (Team K) sprach sich für die Wiedereröffnung des Geburtshauses aus, das im November 2016 geschlossen worden war, obwohl die Kriterien des von der Staats- und Regionalkonferenz aufgestellten Leistungsplans erfüllt waren, mit der Begründung, “die Qualität des Geburtsprozesses zu verbessern” und Kosten zu senken. Die Kaiserschnittrate lag damals bei etwa 22 Prozent, obwohl den Bedürfnissen der Mütter große Aufmerksamkeit geschenkt wurde. Gerade in den ländlichen Gebieten und in Bezug auf die Geburtshilfe spielten die peripheren Krankenhäuser eine Schlüsselrolle bei der Gewährleistung der Gesundheitsversorgung. Die Lega, Koalitionspartner der SVP, habe im Wahlkampf immer wieder die Wiedereröffnung der Geburtenstation gefordert, daraus sei nichts geworden.

Eine Geburtenstation brauche einen 24-Stunden-Dienst, stellte Franz Locher (SVP) fest, man brauche also Personal für das Wochenende und die Nacht. Er sei absolut dafür, den peripheren Raum zu stärken, aber es sei auch für das Personal nicht förderlich, wenn an vielen Tagen nichts zu tun sei. Eine Krankenhausabteilung sollte auch ausgelastet sein.

Die Diskussion darüber sei bereits in der letzten Legislaturperiode geführt worden, und sie sei auch oft entglitten, erklärte Brigitte Foppa (Grüne). Die damaligen Töne könne sie nicht mittragen, wohl aber das Anliegen. Die Sicherheit der Frauen müsse Vorrang haben, und Sterzing habe sich immer an der Kante bewegt, sei meistens auch darüber gelegen. Sterzing habe auch regen Zulauf aus anderen Landesteilen gehabt, das Angebot sei von Frauen aus dem ganzen Land geschätzt worden.

Marco Galateo (Fratelli d’Italia) sprach sich für eine Wiedereröffnung aus, die Sterzinger Geburtenstation sei auch über Italien hinaus bekannt und gefragt gewesen. Man habe dann durch Personalabbau dafür gesorgt, dass Sterzing weniger gefragt war und so unter die notwendige Fallzahl gerutscht sei.

Gerhard Lanz (SVP) wollte auf ein Gesundheitssystem hinweisen, dass im Großen und Ganzen gut funktioniere. Eine Geburtenstation brauche eine gewisse personelle Ausstattung. Derzeit fehlten in vielen Bereichen Fachkräfte. Oft würden Spitzenkräfte weiteres Personal anziehen, mit ihrem Weggang würde aber die ganze Struktur wieder an Attraktivität verlieren. In Summe habe man aber ein gut funktionierendes System.

Es müsse vor allem geprüft werden, ob man die nötige Belegschaft und die nötige Geburtenzahl für eine Wiedereröffnung habe, meinte Andreas Leiter Reber (Freiheitliche).
Paula Bacher (SVP) meinte, Frauen sollten dorthin gehen, wo sie gut betreut werden, und nicht in das erstbeste Spital. Die Bewertung sei breiter angelegt.
Magdalena Amhof (SVP) erinnerte daran, dass der Entscheid, die Geburtshäuser 2016 zu schließen, nicht leichtgefallen sei. Die Frauen seien aber nicht allein gelassen worden: In Sterzing sei ein Projekt entwickelt worden, das die Frauen vor und nach der Geburt unterstütze und begleite: Es gebe Hebammen, die neue Mütter während des gesamten ersten Lebensjahres ihres Kindes besuchen. In der gesamten Region herrscht ein großer Mangel an Kinderärzten, und wenn man bedenkt, dass mindestens vier Erstbetreuer erforderlich sind, um einen sicheren Geburtsort offen zu halten, stellt sich die Frage nach den Ressourcen, um die Sicherheit von Müttern und Babys zu gewährleisten: Die Entscheidung von 2016 wurde genau deshalb getroffen, um die Verantwortung für diese Sicherheit zu übernehmen.

LH Arno Kompatscher erinnerte an die Anfeindungen, die es bei der Schließung der Geburtenstation gegeben habe. Überall in Europa gebe es Proteste, und überall gebe es dasselbe Problem. Es sei verständlich, dass man eine wohnortnahe Geburtenstation haben wolle. Aber als Frauen von überall her nach Sterzing zur Entbindung gefahren seien, habe die Entfernung kein Problem dargestellt. Dieser Zulauf sei auch auf Kosten des Gesundheitssystems anderswo erfolgt. Die Sicherheit hänge auch von den Geburtenzahlen ab, vor allem, wenn es um komplizierte Fälle gehe. Und hier sei der Personalengpass ein Problem. Bei einem kürzlichen Treffen mit Ärzten und Pflegebediensteten sei der Wunsch geäußert worden, man möge sie arbeiten lassen und nicht dauernd von Notstand reden, sie hätten auch gewünscht, nicht mehr so viel mit der Beantwortung von Landtagsanfragen beschäftigt zu sein.

Peter Faistnauer erinnerte daran, dass Cavalese auch mit 150 Geburten offen sei. Fakt sei, dass mit Sterzing ein Exzellenzbetrieb zerschlagen worden sei. Er hoffe, dass die Landesregierung wenigstens dem vorgeschlagenen Arbeitstisch zustimme.

Der Antrag wurde mit 16 Ja und 19 Nein abgelehnt.

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare
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PuggaNagga
1 Monat 30 Tage

Interessant ist dass die „Bösen“, also di Fratelli d‘ Italia, die sogenannten Faschisten für eine Wiederöffnung der Geburtenstation ist, während von den Guten, den Essevupi nur Ablehnung kommt.
Der Kommentar von Lanz ist die Tinte nicht wert auf dem es geschrieben ist. Das Gesundheitssystem funktioniert nämlich alles andere als gut. Ewiglange Wartezeiten, überlastetes Personal, Einsparungen, Stellenabbau, rausgeeckeltes Personal usw.
Ist sowas zufriedenstellend? Ich sage nein, aber ein Politiker sieht das offenbar mit anderen Augen.

el_tirolos
el_tirolos
Superredner
1 Monat 30 Tage

da gebe ich dir Recht, das einzige das gut Funktioniert ist der Wechsel der Angestellten in die Privatwirtschaft…

Paladin
Paladin
Superredner
1 Monat 30 Tage

Tja, das sagst du besser nicht so laut. Merke: Links = immer die Guten, immer im Recht – Rechts = immer die bösen, haben grundsätzlich Unrecht.
Dabei sollte man darin erinnern, dass eine Demokratie von der Abwechslung und dem Austausch lebt! Sonst wäre es keine Demokratie.
Interessant an diesem Artikel auch, dass hier die SVP-Frauen sich gegen die Geburtenstation aussprechen, soviel zur weiblichen Solidarität. Politik wird hier am Bürger vorbei betrieben, aber neu ist das sicher nicht. Ob es nächstes Jahr Konsequenzen gibt? Es darf bezweifelt werden.

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 30 Tage

Die sogenannten Faschisten SIND Faschisten! Nur weil ein guter Vorschlag im Raum steht, entschuldigt das in keinster Weise was sie sonst so tun!

“Ich fürchte nicht die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Faschisten, sondern die Rückkehr der Faschisten in der Maske der Demokraten.“ Theodor W. Adorno (angeblich)

krokodilstraene
Tratscher
1 Monat 30 Tage

Wer an den Bedürfnissen des Volkes vorbei Politik betreibt, wird bei den nächsten Wahlen hoffentlich den entsprechenden Denkzettel bekommen!!

el_tirolos
el_tirolos
Superredner
1 Monat 30 Tage

leider nicht, denn vor den Wahlen verspricht die SVP wieder einen Beitrag für die Landwirtschaft und den Tourismus und schon sind alle Skandale vergessen…

Italo
Italo
Universalgelehrter
1 Monat 30 Tage

@el_tirolos Des wor schun zu Kaisers Zeiten aso

pingoballino1955
pingoballino1955
Universalgelehrter
1 Monat 30 Tage

Diesesmal wird es heiss ab 2023 für die SvP,die üblichen” Zuggerlen” vor den Wahlen werden nicht mehr reichen!

Privatmeinung
Privatmeinung
Superredner
1 Monat 30 Tage

Vielleicht gehts nach den nächsten Wahlen leichter.

el_tirolos
el_tirolos
Superredner
1 Monat 30 Tage

Es gibt noch 1 Krankenhaus in derselben Situation wo eine Geburtenstation geschlossen wurde… Innichen, warum wird darüber nicht gesprochen? Da hat das Wipptal wohl eine Bessere Lobby als das Hochpustertal

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 30 Tage

Entweder das oder die liebe Konkurrenz kann dort eh nicht Fuß fassen. Es geht wie immer mal wieder nur um Wählerstimmen.

letzwetto
letzwetto
Tratscher
1 Monat 30 Tage

Keine pfleger haben wir, das ist das problem

Rudolfo
Rudolfo
Kinig
1 Monat 30 Tage

Die SVP macht, mit einigen Ausnahmen😉, Politik gegen ! die Interessen der BürgerInnen. Wenn sich das nicht im nächsten Jahr rächt. Allerdings sollte sich die Opposition ihre “Begründungen” auch besser überlegen. Denn damit zu argumentieren, dass ein Teil der “Kunden” teilweise “von weit entfernt” kam, ist Wasser auf die “Kosten- und Belegungsmühle” der SVP…

Pasta Madre
Pasta Madre
Tratscher
1 Monat 30 Tage

Es ist Entsetzlich die Kommentare unserer Politiker zu lesen.
2 Beispiele:
Gert Lanz prahlt von gut Funktionierender Sanität???
Wo denn??

Arno behauptet das die hohe Auslastung der Geburtenabteilung Sterzing vorher auf Kosten von anderen Abteilungen war,

Ja ich kann mich gut errinern.
Aus der Bozner Gegend und Umgebung sind viele nach Sterzing gependelt um eine stressfreie Geburt zu geniesen.

Aber wie wenns Neid der Bozner wäre,
Was gut funktioniert muss vernichtet werden.

Deshalb erstickt Vozen im Verkehr.

Mikeman
Mikeman
Kinig
1 Monat 30 Tage

wenn Schafe wiederum Schafe wählen dann hat man eben solche Zustände also braucht sich niemand zu wundern!!

Horatio
Horatio
Neuling
1 Monat 30 Tage

Olls selber tian wellen dor LH und sette Entscheidungen gegen Volk treffen, traurig. I hoff wenn er selber net soffl isch noch 10 Johr za lossen dass es Volk woas wos es za tian hot. Es wichtigste Resort, nämlich des der Gesundheit in Südtirol innerholb von a por Johr so an die Wond za fohren isch schun traurig. 

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 30 Tage

Es war nicht der LH der dieses Resort an die Wand gefahren hat, das ist vollkommener Unsinn. Die Weichen für die Schwierigkeiten in der das Sanitätswesen jetzt steckt, wurden schon vor Jahrzehnten gestellt durch falsche politische Entscheidungen, nicht nur in Südtirol, sondern Italien und Europaweit als man begonnen hat, Krankenhäuser in wirtschaftliche Betriebe mit Gewinnorientierung umzubauen, weil die Gesundheitsversorgung zu viel kostet und das Geld nicht mehr da ist. Und das Geld ist nicht mehr da, weil zu viele in erster Linie in die eigene Tasche wirtschaften.

woasnitolls
woasnitolls
Grünschnabel
1 Monat 30 Tage

nach den Aussagen einiger Politiker, die die Schließung der Geburtenabteilung für eine gute Sache halten… wie können Politiker, die von den Notwendigkeiten der Frauen, und anderen medizinischen Abläufen überhaupt keinen blassen Schimmer haben, nur beurteilen ob eine Krankenhausabteilung ein Recht auf Weiterbestehen hat?
Wieso können sich diese Politiker nicht von den Fachkräften der Medizin beraten lassen?
Irgendwie geht es dort zu, wie beim Viehhandel …. und die Leidtragenden sind wieder mal das Volk, auf das überhaupt nicht gehört wird.

So ist das
1 Monat 30 Tage

Die Politik hat die Sanität zu Tode gespart und die Dienste mehr als verschlechtert 😳

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 30 Tage

Ich denke, eine Wiedereröffnung der Geburtenabteilung in Sterzing ist vollkommen ausgeschlossen, mit welchem Personal denn? ist ja auch die Pädiatrie in Sterzing nur mehr Ambulanzbetrieb. Man muss froh sein, wenn die noch vorhandenen Abteilungen bestehen bleiben und das ganze Haus nicht zum Gesundheitshaus degradiert wird. Die Geburtenabteilung wurde geschlossen, weil der Politik einfach die Kosten zu hoch waren für die paar Geburten, und davon kamen ein beachtlicher Teil der Frauen aus anderen Provinzen. Schade, sehr schade…aber die Gesundheitspolitik steht vor dermaßen großen Problemen, da ist eine geschlossene Geburtenabteilung noch das kleinste.

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