Von: luk
Bozen – Südtirols Gemeindepolitik verändert sich: Frauen sind heute stärker vertreten als noch vor 25 Jahren, doch das politische Engagement wächst nicht im selben Maß. Eine neue interaktive Online-Plattform, die am 14. April von Eurac Research vorgestellt worden ist, bereitet zentrale Daten zu den Gemeindewahlen in Südtirol von 2000 bis 2025 erstmals übersichtlich, kompakt und im Zeitverlauf auf. Das digitale Dashboard macht Entwicklungen in der lokalen Demokratie sichtbar und ermöglicht es, Trends zu erkennen, Vergleiche zwischen Gemeinden zu ziehen und sich ein eigenes Bild zu verschaffen.
Die wichtigsten politischen Entscheidungen fallen oft nicht in Rom, Bozen oder Brüssel, sondern direkt vor der eigenen Haustür: im Rathaus. Gerade deshalb ist der Blick auf die Entwicklung der Gemeindewahlen in Südtirol besonders aufschlussreich. Die interaktive Online-Plattform – das Dashboard – vereint Daten verschiedener öffentlicher Einrichtungen und zeigt unter anderem die Entwicklung von Wahlbeteiligung, Kandidaturen, ungültigen Stimmen, parteipolitischer Vielfalt sowie die Verteilung nach Geschlecht und Sprachgruppen.
Ein zentrales Ergebnis: Südtirols Lokalpolitik wird weiblicher, aber nicht vielfältiger. Während Frauen 2025 nahezu ein Drittel der Ratsmitglieder stellen und damit in den Gemeinderäten deutlich stärker vertreten sind als zu Beginn der 2000er-Jahre, bleibt ihre Präsenz in den Bürgermeisterämtern weiterhin gering. 2025 wurden 17 Bürgermeisterinnen und 99 Bürgermeister gewählt. Auch im langfristigen Vergleich zeigt sich eine deutliche Schieflage: Über alle 696 analysierten Gemeindewahlen hinweg kamen Frauen nur 56-mal ins Bürgermeisteramt, Männer hingegen 640-mal. Unterschiede zeigen sich auch beim Vergleich der Bezirke: Während im Burggrafenamt 2025 sieben Bürgermeisterinnen gewählt wurden, gibt es im Pustertal keine einzige Frau im Bürgermeisteramt.
Gleichzeitig macht das Dashboard sichtbar, dass auf lokaler Ebene zentrale Indikatoren demokratischer Beteiligung seit Jahren rückläufig sind. Die Wahlbeteiligung bei den Gemeindewahlen ist seit 2000 kontinuierlich gesunken. Auch die Zahl der Kandidaturen ist zurückgegangen; 2025 wurde mit 4.372 Kandidierenden für Bürgermeisteramt und Gemeinderat der niedrigste Wert im gesamten Beobachtungszeitraum erreicht. Besonders deutlich wird diese Entwicklung bei den Bürgermeisterwahlen: In immer mehr Gemeinden fehlt echter Wettbewerb. In beinahe jeder dritten Gemeindewahl in Südtirol tritt inzwischen nur eine einzige Person für das Bürgermeisteramt an.
Auch die parteipolitische Landschaft bleibt trotz einzelner Veränderungen stark konzentriert. Zwar hat sich die Anzahl und Bedeutung einzelner wahlwerbender Parteien und Gruppen im Lauf der Jahre verändert, in den Gemeinderäten dominieren jedoch weiterhin vor allem die Südtiroler Volkspartei und die Bürgerlisten. Ab 2015 erreicht landesweit keine weitere Partei oder Gruppe mehr als 3,6 Prozent der Sitze.
„Mit dieser interaktiven Online-Plattform wollen wir die Entwicklung der Gemeindepolitik nicht nur dokumentieren, sondern einem breiten Publikum zugänglich machen und ein Werkzeug für mehr Transparenz in der lokalen Demokratie anbieten“, unterstreicht Peter Decarli vom Institut für Public Management von Eurac Research, das das Dashboard ausgearbeitet hat.
Die Daten stammen aus den amtlichen Wahlergebnissen und Kandidierendenlisten der Autonomen Region Trentino-Südtirol und wurden so aufbereitet, dass sie einfach nachvollziehbar und vergleichbar sind. Berücksichtigt wurden die Gemeindewahlen im Zeitraum von 2000 bis 2025.
Im Rahmen der Pressekonferenz, bei der das Dashboard vorgestellt wurde, kommentierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik und Gemeinden die zentralen Ergebnisse:
Nadia Mazzardis, Vize-Präsidentin Landesbeirat für Chancengleichheit für Frauen: „Die Daten des Dashboards zeigen, dass die Beteiligung von Frauen an der Politik gestiegen ist. Um diesen Trend zu unterstützen haben wir im vergangenen Jahr gemeinsam mit Eurac Research einen Kurs für Frauen in der Politik organisiert, an dem über 80 Frauen teilgenommen haben – viele von ihnen haben anschließend kandidiert und wurden gewählt. Solche Maßnahmen können zum Wandel beitragen; doch auch die gesetzlichen Rahmenbedingungen haben eine entscheidende Rolle gespielt, insbesondere durch die Einführung von Mindestquoten für Kandidatinnen. Das Ziel ist, dass es solche Instrumente in Zukunft nicht mehr braucht: wenn das Lohngefälle überwunden ist, wenn die Elternzeit ausgewogener zwischen Vätern und Müttern aufgeteilt wird und Frauen dadurch mehr Zeit haben, und wenn es nicht mehr erforderlich ist, einen Teil dieser Zeit für die Wahrung der eigenen Rechte aufzuwenden.“
Franz Locher, Vizepräsident der Regionalregierung und Assessor für örtliche Körperschaften „Verlässliche und gut organisierte Wahlen sind das Fundament einer funktionierenden Demokratie. Dieses Dashboard ist eine wichtige Grundlage, um Entwicklungen transparent zu machen und faktenbasiert zu diskutieren.“
Dominik Oberstaller, Präsident des Südtiroler Gemeindenverbandes „Ich denke, es ist wichtig, sich solche Daten zu den Gemeindewahlen genau anzusehen, um besser zu verstehen, wo noch Aufholbedarf besteht. Gleichzeitig freut es mich, dass die Zahlen zeigen, wie die Bevölkerung in den Gemeinderäten zunehmend besser abgebildet ist: Der Anteil junger Gemeinderätinnen und Gemeinderäte steigt ebenso wie jener der Frauen, und auch die verschiedenen Berufsgruppen sind insgesamt sehr gut vertreten. Die wichtigsten Punkte, an denen wir arbeiten müssen, sind Gestaltungsspielraum, Wertschätzung und Rechtssicherheit für alle, die in den Gemeinden arbeiten.“
Cristina Pallanch, Bürgermeisterin der Gemeinde Kastelruth „Gemeindepolitik ist nichts Abstraktes – man ist mitten unter den Leuten. Genau das gefällt mir an diesem Beruf: der persönliche Kontakt, die Möglichkeit zuzuhören, etwas zu bewegen und gemeinsam Lösungen zu finden. Um mehr Frauen für Gemeinderatswahlen zu gewinnen, braucht es vor allem eines: den direkten Zugang und das persönliche Ansprechen. Ich bin überzeugt von der Frauenquote – ohne sie wäre ich heute nicht in dieser Position. Gleichzeitig darf man nicht außer Acht lassen, dass dadurch mitunter auch kompetente Männer benachteiligt werden können. Das ist bedauerlich und sollte weitergedacht werden.“




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