Die Gewalt eskaliert zunehmend

Schulproteste in Frankreich halten weiter an

Freitag, 02. Oktober 2026 | 17:27 Uhr

Von: importer

Nach tagelangen teils gewaltsamen Schulprotesten in Frankreich versucht die Regierung, die Lage in den Griff zu bekommen. Bildungsminister Édouard Geffray will mit Vertretern von Gymnasiasten und Studierenden zusammenkommen, um über deren Forderungen zu sprechen. Justizminister Gérald Darmanin droht hingegen, Eltern sollten für die durch ihre Kinder bei den Demonstrationen entstandenen Schäden zahlen. An mehr als 500 Schulen gingen die Proteste Berichten zufolge weiter.

Dabei kam es am Rande erneut zu Gewalt. Im ostfranzösischen Belfort wurde ein Polizist demnach brutal angegriffen. Nach Angaben von Innenminister Laurent Nuñez laufen Ermittlungen zu versuchter Tötung. Geffray zufolge sollten heute rund 400 Gymnasien geschlossen bleiben und stattdessen Fernunterricht anbieten. Im Umfeld der geschlossenen Schulen wurden Medienberichten zufolge Demonstrationen verboten.

Proteste auch an Universitäten

Seit Tagen machen Schülerinnen und Schüler an Frankreichs Gymnasien ihrem Ärger über marode Schulgebäude und zu wenig Lehrpersonal Luft. Mittlerweile wird auch an Universitäten demonstriert. Immer wieder kam es bei den Protesten auch zu Ausschreitungen. Dem Innenministerium zufolge schlagen die Proteste in “städtische Unruhe” um. Einsatzkräfte würden angegriffen, Brände gelegt und Zerstörung angerichtet. Tausende Menschen wurden festgenommen.

Schüler beklagen desolate Zustände

Den Anfang nahmen die Proteste an Gymnasien im Großraum Paris. Dann breiteten sie sich, Berichten zufolge auch durch soziale Medien, auf das ganze Land aus. Die Forderungen waren mitunter sehr verschieden: Es ging um Handys an Schulen, zu wenig Zeit fürs Mittagessen, zu voll gepackte Schultage. Immer wieder aber kamen die Schülerinnen und Schüler auf ein Thema zu sprechen: Es fehle schlicht an Geld. Sie beklagten heruntergestürzte Decken, dass es in die Schule hineinregne, kaputte Toiletten und zu wenig Lehrkräfte.

Ein als ungerecht empfundenes Schulsystem

Zentral ist dabei ein Gefühl von Ungerechtigkeit, gerade in ärmeren Gegenden. Die Schüler dort fühlen sich abgehängt und fürchten, dass eine Unterfinanzierung der öffentlichen Schulen ihre Chancen, an eine gute Uni zu kommen und so später einen gut bezahlten Job zu ergattern, noch weiter schmälert.

“Die Schule wird in Frankreich nicht mehr als Instrument der Chancengleichheit empfunden”, sagte die Soziologin Anne Muxel von der Elitehochschule Sciences Po im Sender France Culture. Die Vorstellung, dass die Schule zum sozialen Aufstieg verhelfen könne, gehe stark zurück. “Die Menschen glauben nicht daran und die Jugendlichen noch weniger.” Auch der Soziologe Vincent Tiberj sagte im Sender France Info, die Ungleichbehandlung verschiedener Gymnasien sei eine Sorge der Schüler.

Im Vergleich zu Österreich ist das französische Bildungssystem deutlich hierarchischer. Die Plätze an besonders gut angesehenen Unis sind stark umkämpft. Viele setzen für bessere Chancen auf eine der zahlreichen Privatschulen.

Zukunftsangst und Verzweiflung nähren Protest

Hinzu gesellt sich ein allgemeiner Unmut. “Es gibt eine Art Überdruss, der im Land ausgedrückt wird, weil man das Gefühl hat, dass es immer schwieriger wird, würdig zu leben”, sagte Patrick Vassort von der Universität Caen im Sender France 3. Der Forscher für soziale Bewegungen sieht eine sehr beängstigende Lage für Jugendliche. Denn neben Sorgen, nicht an eine gute Uni zu kommen, gebe es zahlreiche weitere Sorgen wie den Klimawandel. Bei der Jugend steige die Verzweiflung und schlage sich mitunter auch in Gewalt nieder. “Wenn es eine zu tiefe Verzweiflung gibt, sieht man keine andere Lösung mehr, um sie auszudrücken”, sagte Vassort.

Gibt es eine Eskalationsspirale?

Neben gewalttätigen Jugendlichen wurde im Verlauf der Proteste auch die Polizei kritisiert. Tausende Menschen wurden bei den Demonstrationen festgenommen, gegen einzelne Einsatzkräfte wird ermittelt. Obwohl die Regierung betont, Polizei und Gendarmerie würden zurückhaltend vorgehen, werfen andere ihnen übermäßige Gewalt vor.

Fabien Truong, Soziologe an der Universität Paris 8, zufolge ist das Verhältnis der Demonstranten zur Polizei mitunter belastet. Immer wieder seien Jugendliche in ärmeren Gegenden rassistischen Polizeikontrollen ausgesetzt. Hinter den aktuellen Zusammenstößen lägen daher auch teils tiefergehende und seit langem gärende Konflikte, sagt er im Sender France Culture.

Regierung macht Vorwürfe und lädt spät zum Dialog

Die Regierung moniert mittlerweile, dass der Protest gekapert und vom ultralinken Spektrum angestachelt werde. Auch mischten sich Krawallmacher unter die Demonstranten, hieß es teils von politischen Verantwortlichen. Zwar werden auch Schulen, für deren Erhalt die jungen Leute eigentlich auf die Straße gehen, und Feuerwehrwagen zur Zielscheibe, doch wie viele Unruhestifter wirklich unter den Demonstranten sind und wie sehr die Wut schlicht wächst, ist schwer zu sagen.

Klar ist allerdings, dass die Regierung eher spät auf die Demonstranten eingegangen ist. Bildungsminister Geffray setzte zunächst auf einen Dialog mit Schulleitern. Erst als die Lage bereits eskalierte, kündigte er an, Vertreter von Gymnasiasten und Studierenden zu treffen, wie deren Gewerkschaften gefordert hatten.

Regierung fürchtet Ausweitung der Proteste

Die Regierung warnt nun vor Unruhen und hat offenbar Angst, dass der Protest wächst. Der Soziologe Patrick Bruneteaux von der Universität Paris 1 schrieb in der Zeitung “L’Humanité”, die Jugend sei schon immer eine Bedrohung für die Mächtigen gewesen. Sicherlich werden bei der Regierung zudem Erinnerungen an die Jugendunruhen im Sommer 2023 wach. Zwar ging es dabei nicht um Bildungspolitik, doch hatte die Regierung damals große Probleme, der Lage Herr zu werden und dürfte um jeden Preis verhindern wollen, dass sich eine solche Situation wiederholt – zumal sieben Monate vor der Präsidentschaftswahl.

Wie lange der Protest anhält und ob die Gewalt zunehmen wird, ist unklar. Soziologe Tiberj zufolge verliefen die Demonstrationen an vielen Schulen ohnehin friedlich. “Natürlich gibt es Ausschreitungen, aber diese Ausschreitungen sind nur ein Teil der Geschichte und vielleicht ein kleiner.”

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