Erdbeben in der Türkei

Sind die vielen Toten “nur” Schicksal? – eine Stadt zeigt anderes Bild

Montag, 20. Februar 2023 | 08:01 Uhr

Erzin – Das Erdbeben in der Türkei und Syrien hat nach aktuellem Stand über 46.000 Leben gefordert, über 40.000 sind es allein in der Türkei. Seit das Beben das Land erschüttert hat, taucht immer wieder die Frage auf: Hätten die vielen Toten verhindert werden können? Ein Blick in die Stadt Erzin zeigt, dass nicht nur Schicksal im Spiel war.

Die Provinz Hatay hat das Erdbeben in der Türkei schwer getroffen, berichtet die Online-Ausgabe des Merkur: Wie an so vielen Orten im Land fielen Gebäude in zahlreichen Städten wie Kartenhäuser in sich zusammen. Die Stadt Erzin liegt inmitten der betroffenen Region, doch dort gibt es erstaunlicherweise kein einziges Todesopfer zu beklagen.

Grund dafür ist offenbar die gewissenhafte Arbeit von Bürgermeister Ökkeş Elmasoğlu, der sich in Fragen der Bausicherheit nicht beirren ließ. Das Beispiel Erzin zeigt auch, welche Verantwortung die AKP um Präsident Erdogan für die Folgen der Naturkatastrophe trägt und was man möglicherweise hätte verhindern können.

Der 44-jährige Bürgermeister der Stadt mit 42.000 Einwohnern gehört der kemalistischen Oppositionspartei CHP an. Seit 2019 ist er im Amt. Für die Tatsache, dass Erzin deutlich weniger schwer getroffen wurde, als andere Städte, hat er eine ebenso einfache wie plausible Erklärung, die er auch öffentlich im türkischen Fernsehen kundtat: „Ich habe keine illegalen Bauten und Bautätigkeiten zugelassen. Manchmal hat man sich über mich geärgert und mich spöttisch gefragt, ob ich der einzige Anständige im Land sein wolle. Ich habe also ein reines Gewissen. Ich habe keine illegalen Bauten zugelassen.“

Der Bürgermeister hat seine Arbeit in Fragen der Bausicherheit nach bestem Wissen erledigt und damit wohl zahllose Leben gerettet. In der Türkei ist er inzwischen zur Symbolfigur avanciert. Elmasoğlu ist davon überzeugt: Viele Erdbebentote hätten verhindert werden können.

„Die Bauaufsicht in der Türkei funktioniert nicht. Wenn vorschriftsmäßig gebaut wird, stürzt ein Haus nicht so schnell ein“, erklärte der Bürgermeister gegenüber der Süddeutschen Zeitung. Vor den Wahlen hat man in der Türkei Bauherren, die sich eigentlich strafbar gemacht haben, bisweilen Straffreiheit gewährt. Im Jahr 2019 hatte Präsident Recep Tayyip Erdogan eine Amnestie für fehlerhafte Bauwerke genehmigt. Durch den „Baufrieden“ wurde fehlerhaften Bauten im Nachhinein abgesegnet. Wie sich nun zeigt, sind die Folgen verheerend.

Elmasoğlu glaubt, es sei zu einfach, nur den Bauherren die Schuld zu geben. Die gesamte Verantwortung werde den Bauunternehmern und den Besitzern der Häuser selbst überlassen“, erklärte er der Süddeutschen Zeitung gegenüber: „Viel zu viele Neubauten werden genehmigt. Oft werden sie nach Bauende gar nicht vor Ort besichtigt, sondern nur anhand von Fotos abgenommen. Das ist also ein Glücksspiel, wie eine Lotterie. So kann man doch keine Baukontrolle machen.“

Seit dem Erdbeben wird die Kritik an der politischen Führung in der Türkei immer lauter. Auch der Umgang der Regierung mit der Erdbebensteuer ist Gegenstand aktueller Debatten, weil sie offenbar überwiegend nicht dort ankam, wo sie sollte.

Ökkeş Elmasoğlu betont außerdem, dass es in Erzin keine Hochhäuser und fast nur Einfamilienhäuser gebe. Dies habe die Stadt begünstigt. Selbst einige Schwarzbauten aus der Zeit vor seinem Amtsantritt seien verschont geblieben. Doch Erzin hatte nicht einfach nur „Glück“. Der Bürgermeister hat klare Vorstellungen, was für die Sicherheit getan werden muss. Er sagt, dass Schwarzbauten konsequent abgerissen werden müssten: „Wenn man zehn abreißt, baut keiner mehr fahrlässig. Alle Verantwortlichen müssen vor Gericht. Die Bauwirtschaft muss von der Einflussnahme der Politik befreit werden.“

Diese Denkweise liegt in der Türkei offenbar noch in weiter Ferne: Noch kurz vor dem Beben hatte die Regierung laut Elmasoğlu über weitere Amnestien nachgedacht. Nun wächst der öffentliche Druck jedoch.

Von: mk

Kommentare

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18 Kommentare auf "Sind die vielen Toten “nur” Schicksal? – eine Stadt zeigt anderes Bild"


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N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 9 Tage

In Italien wird ganz genau das gleiche passieren! Nachträglich wird dann die Schuld vom Einen zum Anderen geschoben werden. Ob Erdbeben oder Bauten an und in der Nähe von gefährlichen Vulkanen…Dafür muss man kein Hellseher sein.. Es wird ein Massaker werden. Noch könnte man was tun, aber niemals glaube ich, dass was getan wird!

Dagobert
Dagobert
Kinig
1 Monat 9 Tage

N.G.
Moll ban Vesuv untn werd genau sell passiern, sollte er ausbrechn.

krokodilstraene
krokodilstraene
Superredner
1 Monat 8 Tage

@ N.G.
Wer keine Ahnung hat, wovon er spricht, sollte besser nicht sprechen!!!

Zussra
Zussra
Tratscher
1 Monat 8 Tage

Neapel stet af an Supervulkan, genau wie do Yellostone Nationalpark! La lebm in Neapel hundottausende Leit, viel in illegal gebautn Haiso! 😱

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 8 Tage

@krokodilstraene Welches Problem hast du denn? Was in meiner Argumentation stimmt denn nicht?

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 8 Tage

@krokodilstraene Na dann lies erst und komm wieder wrnn dir etwas dazu einfällt! Nichts anderes steht un meinem Kommentar!

https://www.deutschlandfunk.de/schlechte-bausubstanz-trotz-erdbebengefahr-100.html

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 8 Tage

@krokodilstraene Zudem hab ich “Bau” grins , gelernt! Ich weiß wovon ich rede!

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 8 Tage

@Zussra Na ja, wenn dieser ausbricht haben wir nicht nur hier ein Problem sondern weltweit.

krokodilstraene
krokodilstraene
Superredner
1 Monat 8 Tage

na wenn du’s gelernt hast, umso schlimmer!!

Dagobert
Dagobert
Kinig
1 Monat 9 Tage

Wie man sieht: Geld regiert die Welt und über Leben und Tod!
Ob all diese Leute, die sich “bestechn” hobm glott,
glücklich sein?

Staenkerer
1 Monat 9 Tage

jo,, jo, i wett a poor große € scheine und de aussicht auf de kreuzchen aufn wohlzettl lossn sicher a in italien gor monchen comunalpolitiker und deren bau-aufsichtsbeomten, und nit lei de ban bauen, erblinden!
und wenns um de €scheine oder wahlzettlkreuzchen geat isch südtirol ohne zweifel a italien, vor ollem wenns um de stondorte und der größe der bauten geat!

honga
honga
Superredner
1 Monat 9 Tage

klingt gerade so als ob die meisten gebäude ab 2019 gebaut wurden. aber auch bei uns werden gerne der günstigste statiker, baufirmen und geologen beauftragt die zu allem ja sagen. kurzfristig gesehen natürlich günstiger.

krokodilstraene
krokodilstraene
Superredner
1 Monat 8 Tage

auch der günstige statiker wird ganz sicher nicht am falschen ort sparen!
und übrigens ist der günstige statiker nicht günstiger, wenn die aufirma beim eisen spart!
man sollte schon wissen, wovon man spricht!!!

Zugspitze947
1 Monat 9 Tage

Wenn man als Baufachmann diese TRümmer sieht bleibt einem die LUftweg ! Denn soooooooooo Viel Baupfusch und enstchieden zu WENIG STAHLarmierungen habe ich noch nicht gesehen 😡👌😢 Da kann der Despot ERDOGAN mal berechtigte Todesurteile für seine Baukumpane erlassen 😡👌

6079_Smith_W
1 Monat 9 Tage

Man erinnere sich (diese Geschichte liegt schon Jahre zurück): um Material zu sparen wurde Plastikflaschen und andere Dinge in den Beton gemischt.

Es wurden ja nach dem Erbeben einige Bauunternehmer festgenommen. Viele andere sich ins Ausland geflohen.

Gredner
Gredner
Kinig
1 Monat 9 Tage

Der Bürgermeister ist erst 44 Jahre alt… Ich glaube nicht, dass alle Gebäude erst unter seiner Legislatur gebaut wurden. Es wurde also schon vor ihm gewissenhaft gebaut.

xXx
xXx
Kinig
1 Monat 8 Tage

Wurde seine Stadt erst ab 2019 erbaut, ansonsten ist es nur scheußlicher Wahlkampf auf Kosten der vielen Opfer.
Baupfusch war sicher ein sehr großes Problem, das ist Unumstritten, aber dieser Mann rühmt sich für eine geologische Anomalie, die seine Stadt geschützt hat.

Neumi
Neumi
Kinig
1 Monat 8 Tage

Vielleicht erinnern sich die Leute in einem Jahr noch an diese Bilder, wenn sie über die zu restriktiven Bauvorschriften und die viele Bürokratie jammern.

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