Israel nahm laut UNO-Bericht palästinensische Kinder bewusst in Visier

UNO wirft Israel bewusste Tötung palästinensische Kinder vor

Dienstag, 23. Juni 2026 | 12:40 Uhr

Von: APA/Reuters

Eine unabhängige Untersuchungskommission der UNO wirft den israelischen Behörden und Sicherheitskräften vor, palästinensische Kinder bewusst ins Visier genommen zu haben. Dies habe zu Völkermord, Verbrechen gegen die Menschlichkeit und Kriegsverbrechen im Gazastreifen sowie zu Kriegsverbrechen im Westjordanland geführt, heißt es in dem am Dienstag veröffentlichten Bericht. Allein im Gaza-Krieg seien rund 30 Prozent der Todesopfer Kinder. Israel wies den Bericht zurück.

Israels Vertretung bei der UNO in Genf wies die Anschuldigungen entschieden zurück. Sie bezeichnete den Bericht als weiteren “diffamierenden Propaganda-Bericht” und “verleumderische Farce”.

Der Bericht der “Unabhängigen Internationalen Untersuchungskommission für das besetzte palästinensische Gebiet, einschließlich Ost-Jerusalem, und Israel” befasst sich mit Verstößen gegen palästinensische Kinder seit Beginn des Krieges zwischen Israel und der radikal-islamischen Hamas im Gazastreifen am 7. Oktober 2023. Dem Untersuchungsergebnis zufolge wurden palästinensische Kinder während des Krieges bewusst getötet, auch nach Inkrafttreten der Waffenruhe im Oktober 2025. Dies sei ein Schlüsselelement, das die völkermörderische Absicht der israelischen Behörden und Sicherheitskräfte belege, die Palästinenser-Organisation ganz oder teilweise zu zerstören. “Die Beweise zeigen, dass palästinensische Kinder von den israelischen Sicherheitskräften gezielt ins Visier genommen und getötet wurden”, sagte der Vorsitzende der Kommission, Srinivasan Muralidhar.

Bericht: Fast ein Drittel der Todesopfer sind Kinder

Dem Bericht zufolge waren zwischen dem 7. Oktober 2023 und dem 7. Oktober 2025 mindestens 20.179 der im Gazastreifen getöteten Menschen Kinder. Dies entspreche rund 30 Prozent der gesamten Todesopfer und sei ein höherer Anteil als in früheren Konflikten. Bei den Kriegen im Gazastreifen in den Jahren 2008 bis 2009 und 2014 hätten Kinder etwa 24 Prozent der konfliktbedingten Todesfälle ausgemacht.

Die israelischen Streitkräfte hätten trotz steigender Opferzahlen unter Kindern weiterhin Munition mit großer Sprengkraft und Waffen mit Flächenwirkung in dicht besiedelten Wohngebieten eingesetzt. “Dies deutet darauf hin, dass solche Angriffe, bei denen Kinder in so hoher Zahl getötet wurden, beabsichtigt waren”, befand die Kommission. Sie geht davon aus, dass Kinder kollektiv ins Visier genommen wurden, weil die israelischen Sicherheitskräfte die Zivilbevölkerung als Ganzes mit der Hamas und anderen bewaffneten Gruppen in Verbindung brächten.

Muralidhar sagte, Israel untergrabe durch das Angreifen von Kindern die Fähigkeit des palästinensischen Volkes, zu existieren und seine Zukunft zu bestimmen. Im Bericht heißt es zudem, die von Israel im Gazastreifen geschaffenen Bedingungen, einschließlich weitreichender Angriffe, wiederholter Vertreibung und Hunger durch die Blockade von Hilfe, Nahrungsmitteln und Medikamenten, schädigten die Gesundheit und Entwicklung von Kindern schwer, was zu vermeidbaren Todesfällen und Traumata führe. Angriffe auf Gesundheitseinrichtungen beeinträchtigten das Überleben von Neugeborenen, so nähmen Fehlgeburten zu. Fast alle Kinder im Gazastreifen bräuchten psychologische Unterstützung.

Israel: Bericht ignoriert brutale Taktik der Hamas

Israel wies die Darstellung, es nehme Kinder absichtlich ins Visier, “mit größter Entschiedenheit” zurück. In einer von der israelischen Vertretung verbreiteten Erwiderung hieß es, Israel sei “stets bestrebt, den Schaden für Kinder selbst in Konfliktsituationen zu minimieren”. Der UN-Bericht ignoriere die “brutalen Taktiken der Hamas”. Zudem werde die Rolle Israels bei der Ermöglichung von Impfungen, der Einreise von medizinischem Personal und der Einrichtung von Feldlazaretten nicht erwähnt. Die Hamas, so der Vorwurf Israels, leite systematisch humanitäre Hilfe und Treibstoff für Krankenhäuser um. Die Hamas hat solche Vorwürfe zurückgewiesen.

Zunahme von Siedlergewalt im Westjordanland

Im Westjordanland, einschließlich Ost-Jerusalem, stellte die Kommission eine starke Zunahme der Gewalt durch israelische Siedler gegen palästinensische Kinder fest. Sie dokumentierte zudem Beweise für Folter, einschließlich sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt, bei Massenverhaftungen und Inhaftierungen. Insbesondere palästinensische Buben seien systematischer Misshandlung in Haft ausgesetzt. Die Kommission kam zu dem Schluss, dass dies die Verbrechen gegen die Menschlichkeit der Folter und anderer unmenschlicher Handlungen darstelle. In der Erwiderung Israels heißt es dazu, der Bericht lasse den Kontext der “ständigen terroristischen Bedrohung” außer Acht, auf die die israelischen Sicherheitskräfte reagierten.

Bereits in einem früheren Bericht vom September hatte die Kommission Israel Völkermord im Gazastreifen vorgeworfen und erklärt, Regierungsmitglieder und auch Ministerpräsident Benjamin Netanyahu hätten zu diesen Taten angestiftet. Israel hatte diese Anschuldigungen damals als “skandalös” bezeichnet.

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