Madrid: Proteste gegen Wohnungsnot nach Zwangsräumung von 87-Jähriger

Von Zwangsräumung betroffene Spanierin Maricarmen gestorben

Mittwoch, 07. Oktober 2026 | 22:17 Uhr

Von: importer

Die Zwangsräumung ihrer Wohnung in der spanischen Hauptstadt Madrid hatte landesweite Massenproteste und schließlich Neuwahlen ausgelöst: Nun ist die 87-jährige Maricarmen Abascal gestorben. “Wir bedauern mitteilen zu müssen, dass Maricarmen heute gestorben ist”, teilte der Mieterverband am Mittwoch mit. Nach der Zwangsräumung war Maricarmen wegen Erschöpfung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Die größten Gewerkschaften Spaniens riefen inzwischen zu einem Generalstreik auf.

Ministerpräsident Pedro Sanchez sprach auf der Kurznachrichtenplattform X sein Beileid aus: “Eine Umarmung auch an all jene von uns, die diesen Verlust heute als ihren eigenen empfinden.” Der Minister für Territorialpolitik, Angel Victor Torres, erklärte, die 87-Jährige sei zu einem Symbol für viele Familien, Ältere und junge Menschen geworden, die darum kämpften, ein Eigenheim zu erwerben oder in ihren Wohnungen bleiben zu können.

Gesundheitsministerin Mónica García äußerte sich ebenfalls auf X. “Dein Kampf hat in ganz Spanien das Bewusstsein wachgerüttelt und eine Zündschnur entzündet, die nicht mehr erlöschen wird. Deine Würde und dein Mut weisen den Weg”, schrieb sie. Die Mietergewerkschaft würdigte Abascals Einsatz: “Nun, nach ihrem Tod, bleibt uns das Beispiel ihres Kampfes und das Vermächtnis, das Maricarmen hinterlassen hat.” Man werde vor allem das in Ehren halten, was sie stets gefordert habe: “Kämpft, kämpft weiter für das, was euch gehört.”

Gewerkschaften: Generalstreik am 11. November

Die spanischen Gewerkschaften UGT und CCOO wollen vor den vorgezogenen Parlamentswahlen die Aufmerksamkeit auf der Wohnungskrise zu halten und fordern die Bürger auf, am 11. November “für bessere Löhne, für menschenwürdigen Wohnraum und für Preiskontrollen angesichts einer Inflation, die unsere Kaufkraft untergräbt”, auf die Straße zu gehen.

Die Massendemonstrationen, die in einem Protestcamp im Zentrum von Madrid gipfelten, hatten sich an der Zwangsräumung der Wohnung von Maricarmen am 23. September entzündet. Die alte Frau war auf einer Trage aus ihrer Wohnung in Madrid geholt worden, nachdem ein Investor den Mietpreis nach Angaben des Mieterverbands um 275 Prozent auf 2.650 Euro erhöht hatte. Maricarmen hatte seit mehr als 70 Jahren in ihrer Wohnung gelebt.

Zum Höhepunkt der Proteste hatte Maricarmen sich aus dem Krankenhaus an die Demonstranten gewandt. “Ich habe es nicht geschafft, mein Haus zu verteidigen, aber ich habe dafür gekämpft, damit auch andere für das kämpfen, was ihnen zusteht”, sagte sie vom Krankenbett aus. In einem Onlinevideo rief sie die Protestierenden auf, den Widerstand fortzusetzen: “Ich bitte euch alle um Mut, kämpft, verteidigt das, was euch gehört.” Später wurde zwar eine Einigung über ihre Rückkehr in die Wohnung erzielt, Maricarmen überlebte das aber nur wenige Tage. “Diese Lösung kommt zu spät”, erklärte der Mieterverband. “Eine völlig vermeidbare Situation nach einem qualvollen Prozess.”

Landesweit Empörung und Wut

Der Fall hatte landesweit Empörung und Wut ausgelöst. “Wir sind alle Maricarmen”, stand auf Plakaten bei den Demonstrationen danach. Ihr Schicksal hatte auf besonders drastische Weise das Ausmaß der Wohnungsnot und Mietenexplosion in dem Land vor Augen geführt. Der Mieterverband erklärte nun, Maricarmens Fall sei eine Zäsur “in der Geschichte dieses Landes” gewesen.

Der sozialistische Ministerpräsident Pedro Sánchez, der eine Minderheitsregierung anführte, wollte daraufhin seine Vorschläge gegen die Wohnungskrise im Parlament durchsetzen, brachte aber keine ausreichende Mehrheit zustande. Zur Bekämpfung der Wohnungsnot im Land sah das Maßnahmenpaket unter anderem ein Moratorium für Zwangsräumungen bis 2030 und die automatische Entfristung von zeitlich befristeten Mietverträgen vor.

Am vergangenen Montag verkündete Sánchez dann Neuwahlen für Ende November. Derzeit liegen die oppositionelle konservative Volkspartei PP und die ultrarechte Partei Vox in Umfragen vorne. Die Maßnahmen der Regierung zum Mieterschutz waren am Widerstand von PP und Vox sowie von der katalanischen Unabhängigkeitspartei Junts gescheitert. Sánchez hofft nun offenbar darauf, dass die Wähler das rechte Lager dafür im November abstrafen werden – und dass sein linkes Lager mit dem Thema Wohnungskrise punkten kann.

Sánchez und PSOE von zahlreichen Skandalen erschüttert

Allerdings ist Sánchez in Spanien aktuell nicht sehr beliebt: Seine Regierung und die sozialistische Regierungspartei PSOE wurden von zahlreichen Skandalen erschüttert, zuletzt sorgte außerdem die Migrationskrise in der nordafrikanischen Exklave Ceuta für großen Unmut in der Bevölkerung.

Eine Umfrage der vergangenen Woche des Meinungsforschungsinstituts 40dB sieht die PSOE derzeit mit 27,4 Prozent auf dem zweiten Platz hinter der PP mit 31,6 Prozent. Die einwanderungsfeindliche Partei Vox kommt auf 18,4 Prozent. Sánchez’ linker Koalitionspartner Sumar steht demnach bei 5,6 Prozent, die Linkspartei Podemos bei 2,7 Prozent.

PP und Vox hätten damit nach jetzigem Stand eine klare Mehrheit. Die beiden Parteien haben auf regionaler Ebene bereits eine Reihe von Bündnissen geschlossen.

Drastisch gestiegen Mieten als Problem Nummer 1

Drastisch gestiegene Mieten und Wohnraummangel sind Umfragen zufolge für die Spanier schon seit geraumer Zeit das Problem Nummer eins im Land. Laut dem Immobilienportal Idealista haben sich die Durchschnittsmieten in Spanien in zehn Jahren fast verdoppelt.

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