Hamas könnte auch männliche Geiseln freilassen (Symbolbild)

Weitere Freilassung von Geiseln und Gefangenen erwartet

Mittwoch, 29. November 2023 | 11:58 Uhr

Die Hamas im Gazastreifen wird voraussichtlich im Laufe des Tages erneut Geiseln freilassen. Im Gegenzug dürfte Israel palästinensische Gefangene freilassen. Die Angehörigen der betroffenen Geiseln seien bereits informiert worden, berichtete der israelische Sender Kan am Mittwoch. Israelische Medien berichteten unter Berufung auf das Büro des Ministerpräsidenten, dass Israel von der Hamas eine Liste mit den Namen der Geiseln erhalten hat, die freigelassen werden sollen.

Eine Stellungnahme dazu war von der israelischen Regierung nicht zu erhalten. Mittwoch ist der letzte Tag der auf sechs Tage verlängerten Feuerpause im Gazastreifen. Der Vermittler Katar bemüht sich aber bereits darum, die Feuerpause noch einmal auszuweiten.

Israel hatte mitgeteilt, die Feuerpause könne weiter verlängert werden, sofern die Hamas weiterhin mindestens zehn israelische Geiseln pro Tag freilasse. Am Dienstagabend hatten die Islamisten zehn Israelis sowie zwei Ausländer aus ihrer Gewalt entlassen, darunter auch eine 75-jährige Frau, deren Antrag auf die österreichische Staatsbürgerschaft vor dem Abschluss steht. Sie war mit einem mittlerweile verstorbenen Österreicher verheiratet. Kurze Zeit später ließ Israel 30 Palästinenser aus dem Ofer-Gefängnis im besetzten Westjordanland und einem Internierungslager in Jerusalem frei.

Ein ranghohes Mitglied der islamistischen Hamas kündigte am Mittwoch die Freilassung zweier weiblicher Geiseln mit russischer Staatsangehörigkeit an. Hamas-Anführer Mussa Abu Marsuk sagte einem Radiosender im Gazastreifen, die Freilassung erfolge außerhalb des Abkommens mit Israel und als Geste an den russischen Präsidenten Wladimir Putin. Die Frauen sollen demnach am Mittwoch zusätzlich zu zehn israelischen Geiseln freigelassen werden.

Die israelischen Geiseln sollen im Gegenzug zur Entlassung von 30 weiteren palästinensischen Häftlingen aus israelischen Gefängnissen freikommen. Die Hamas hatte bereits am Sonntag einen 25-jährigen israelisch-russischen Doppelstaatsbürger ohne Gegenleistung entlassen. Bisher hat die Hamas 81 Israelis und Ausländer im Austausch für 180 palästinensische Häftlinge freigelassen. Nach israelischen Angaben werden noch mehr als 150 Geiseln im Gazastreifen festgehalten, darunter ein zehn Monate altes Baby.

Die Geiseln gehörten zu den etwa 240 Personen, die von Hamas-Kämpfern bei ihrem überraschenden Angriff auf den Süden Israels am 7. Oktober verschleppt wurden. Nach israelischen Angaben wurden dabei rund 1.200 Menschen getötet.

Mittlerweile ist einem Insider zufolge im Gespräch, nicht mehr nur wie bisher Frauen und Kinder unter den Geiseln freizulassen, sondern auch Männer und Angehörige des israelischen Militärs.

Das Golfemirat Katar, Ägypten und die USA vermitteln in den Gesprächen über die Feuerpause. Am Dienstag waren CIA-Direktor William Burns und der Chef des israelischen Auslandsgeheimdienstes Mossad, David Barnea, nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur in Doha eingetroffen, um mit dem katarischem Ministerpräsidenten Abdulrahman Al Thani über eine Ausweitung der Pause zu sprechen. Katar hat gute Kontakte zu der Organisation. In dem Golfemirat lebt die Hamas-Führungsspitze.

Vor dem Auslaufen der Feuerpause sprach sich die Gruppe sieben wirtschaftsstarker Demokratien (G-7) in der Nacht zum Mittwoch für eine Verlängerung des Abkommens aus und forderte die Freilassung aller Geiseln. “Wenn es längere Pausen gibt, die über diese zwei Tage hinausgehen, dann wissen Sie, dass wir dafür sind, und wir werden weiter daran arbeiten”, sagte der Kommunikationsdirektor des Nationalen Sicherheitsrats der Vereinigten Staaten, John Kirby. Die US-Regierung wolle, dass alle Geiseln freikommen. Dasselbe forderten die G-7-Außenminister der USA, Deutschlands, Frankreichs, Italiens, Japans, Großbritanniens und Kanadas.

Washington hoffe, dass weitere Geiseln mit US-Staatsbürgerschaft freikommen, sagte Kirby. Bisher ist ein vier Jahre altes US-amerikanisches Mädchen, das die Ermordung seiner Eltern beim Hamas-Massaker miterlebte, unter den Freigelassenen gewesen. Die Regierung geht davon aus, dass noch zwei weitere Frauen mit US-Staatsbürgerschaft festgehaltenen werden. Weitere sieben mit einem US-Pass gelten als vermisst – es ist nicht klar, ob sie unter den Geiseln sind.

Netanyahu bekräftigte trotz laufender Feuerpause das Ziel der militärischen Zerstörung der Hamas. Wie lange die Feuerpause dauern könne, sagte er nicht. “Wir haben vereinbart, dass die Frauen und Kinder und die ausländischen Geiseln zuerst freigelassen werden. Nachdem das geschehen ist, werden wir die Kämpfe fortsetzen”, sagte Netanyahu dem Sender Welt TV in einem am Dienstag veröffentlichten Interview. Die Hamas habe die schlimmsten Morde verübt und werde das wieder tun, sagte der konservative Regierungschef. “Wir haben überhaupt keine Wahl, als die Hamas zu vernichten”, sagte er. Dabei werde Israel weiter alles dafür tun, Zivilisten im Gazastreifen möglichst zu schonen. Allerdings sind dort nach Hamas-Angaben schon fast 15.000 Menschen getötet und rund 36.000 verletzt worden. Weitere 7.000 Bewohner des Küstenstreifens gelten als vermisst.

Unterdessen erklärte der türkische Präsident Recep Tayyip Erdogan den israelischen Ministerpräsidenten Benjamin Netanyahu persönlich zum Verantwortlichen für die Toten im Gazastreifen erklärt. “Netanyahu, der eine der größten Gräueltaten des letzten Jahrhunderts begangen hat, ist bereits als Schlächter von Gaza in die Geschichte eingegangen”, sagte Erdogan am Mittwoch in Ankara. Dieser “Schandfleck” hafte nicht nur an Netanyahu, sondern auch jenen, die ihn bedingungslos unterstützt hätten. Erdogan sagte auch, die Aussagen der israelischen Regierung ließen nicht darauf hoffen, dass die aktuelle Feuerpause in einen langfristigen Waffenstillstand münden werde.

Von: APA/dpa/Reuters