Von: mk
Tschernihiw – In der ukrainischen Region Tschernihiw hat ein Zwölfjähriger heldenhaften Mut bewiesen. Wie die Washington Post berichtet, rettete er seine Geschwister – und vermutlich wohl auch sein Dorf – vor einem russischen Drohnenangriff.
Anatolij Prokhorenko wollte eines Abends auf einem Birnenbaum für einen Nachbarn einen beschädigten Ast entfernen, als er das mittlerweile allzu vertraute Summen eines Quadrikopters vernahm. Russland überzieht bekanntlich regelmäßig auch die Zivilbevölkerung im angegriffenen mit Raketen- und Drohnenangriffen, um den Widerstandsgeist zu zermürben – laut Genfer Konvention ein Kriegsverbrechen.
Die Region Tschernihiw befindet sich im Norden der Ukraine. Anatolijs Heimatdorf, wo vorwiegend Bauern leben, liegt nur elf Kilometer von Russland entfernt und war schon häufiger Ziel der unbemannten Flugobjekte.
Anatolij beobachtete, wie sich die Glasfaserdrohne dem Haus der siebenköpfigen Familie näherte. Dicht über dem Boden steuerte der Quadrocopter eine Gruppe von Gebäuden an, wo seine jüngeren Geschwister mit anderen Kindern im Hof spielten. Dem Jungen blieb nicht viel Zeit, um zu reagieren.
Glücklicherweise hatte erst im Herbst beim Sammeln von Brennholz mit seinem Vater die Bekanntschaft eines Soldaten geschlossen. Der Sprengstoffspezialist hatte dabei Anatolij drei verschiedene Techniken gelernt, um das glasfaserartige Material russischer Drohnen zu durchtrennen, ohne sich die Haut aufzuschneiden. Seinem Rat zufolge müsse man bis 15 zählen, nachdem die Drohne vorbeigeflogen sei. Erst dann könne man sich an der Schnur zu schaffen machen, weil man sich außerhalb des Sichtfelds der Drohne befinde.
Nun wusste Anatolij: Die damalige Lektion kann nicht nur sei eigenes Leben retten, sondern auch das seiner Geschwister. Der Zwölfjährige sprang vom Baum herunter, lief der Drohne hinterher und bekam die Glasfaser-Schnur zu fassen. Wie der Soldat es ihm gezeigt hatte, machte er eine Schlaufe und zog leicht daran. Obwohl er die Anweisungen aufgrund der Eile nicht komplett beherzigen konnte, schaffte er es, die Schnur durchzureißen, worauf die Drohne abseits der Häuser in sumpfiges Gelände stürzte.
Für Anatolij hat sein Einsatz jedoch nicht nur positive Folgen. Zwar wird er in der Ukraine als Held gefeiert. In russischen Telegram-Kanälen wurde er laut Washington Post allerdings zur Zielscheibe erklärt. Er und seine Familie waren gezwungen, ihr Heimatdorf zu verlassen und in eine Zweizimmerwohnung in der Regionalhauptstadt zu ziehen, die zwei Autostunden weiter südlich liegt.
Russland nutzt seit 2024 vermehrt Glasfaser-Drohnen, die mittlerweile Strecken von 20 bis 40 Kilometer zurücklegen können. Ihr Vorteil ist: Da die Flugobjekte nicht auf Funksignale angewiesen sind, lassen sie sich nicht von elektronischen Störsignalen aus der Bahn werfen.
Ukraine zieht im Technologie-Wettstreit davon
Drohnen sind mittlerweile im Ukraine-Krieg auch an der Front zum alles bestimmenden Faktor geworden, wobei die Ukraine derzeit beim Innovationswettlauf zumindest leicht die Nase vorn zu haben scheint. Einerseits geht es um die Reichweite der Drohnen, die mittlerweile Ziele tief im russischen Kernland treffen: Als Reaktion auf die russische Offensive griff die Ukraine Großstadtregionen wie Sewastopol und Moskau an. Die Attacken sind für Russland sowohl psychologisch als auch wirtschaftlich ein Problem, wie Sicherheitsexperte Frank Umbach gegenüber n-tv erklärt.
Laut Militärexperte Guido Schmidtke macht die Ukraine jedoch nicht nur bei den Deep-Strike-Kapazitäten, sondern auch bei der Luftabwehr enorme Fortschritte. „Die Ukraine verfügt vermutlich über das weltbeste Luftverteidigungssystem“, erklärt der Experte gegenüber der Welt. Unter anderem nutze die Ukraine Mikrofone, um die Kamikaze-Drohnen im Anflug zu detektieren. Das Ganze sei gepaart mit Künstlicher Intelligenz, die darauf mobile Drohnen-Abfangteams losschickt oder es steigen Flugzeuge auf, die Abfang-Drohnen ausgestattet sind.
Auch an der Front punkten die Ukrainer mit technischer Überlegenheit: Während Russland weiterhin unzählige Soldaten und viel Kriegsmaterial hinopfert, treibt die Ukraine den Einsatz von unbemannten Bodensystemen (UGVs) massiv voran, um menschliche Truppen bei Logistik-, Pionier- und Kampfeinsätzen zu entlasten. Die Palette der Bodendrohnen reicht von kleinen Transportrobotern bis hin zu schwer bewaffneten Plattformen. Auch deren Einsätze werden teilweise von KI koordiniert.




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