Von: apa
Am Donnerstagabend startet in der deutschen Hauptstadt die Berlinale mit einer glamourösen Gala in ihre 76. Ausgabe, die heuer mit starker österreichischer Präsenz aufwartet. Dazu zählt auch Regieshootingstar Adrian Goiginger, dessen neuestes Werk “Vier minus drei” am Montag im legendären Zoo Palast seine Weltpremiere feiert. Der 34-Jährige hat dabei die berührende Autobiografie von Barbara Pachl-Eberhart über den Unfalltod ihrer Familie adaptiert.
Valerie Pachner spielt die Rolle der Mutter Barbara, die mit ihrem Mann Heli (Robert Stadlober) und den beiden kleinen Kindern glücklich auf einem Hof in der Einschicht lebt, während beide Eltern als Clowns arbeiten. Bis Heli und die Kiddies an einem Bahnübergang ums Leben kommen und Barbara sich mit einem Male alleine sieht. Mit der APA sprach der Salzburger Filmemacher Goiginger (“Die beste aller Welten”) aus Anlass der Weltpremiere über den Sinn der Clownphilosophie, seinen Fokus auf die Hoffnung und darüber, weshalb dieser Film sein eigenes Leben verändert hat.
“War anfangs ein bisschen abgeschreckt”
APA: Barbara Pachl-Eberharts Autobiografie “Vier minus drei” über den Unfalltod ihrer Familie ist ein megahartes Thema – für das Buch wie für einen Film. Sind Sie selbst gar nicht zurückgeschreckt vor dem Stoff?
Adrian Goiginger: Ich war anfangs tatsächlich ein bisschen abgeschreckt und habe mir zumindest offen gelassen, ob ich wirklich Regie führen will. Ich habe selbst zwei kleine Kinder in dem Alter und hatte großen Respekt vor dieser wahren Geschichte. Als ich dann aber die erste Drehbuchfassung von Senad Halilbašić gelesen habe, war das ein großer Aha-Moment für mich, weil ich gemerkt habe, dass der Unfall zwar der Auslöser, aber nicht der Hauptinhalt ist. Es geht eigentlich viel mehr um das Leben danach und wie man wieder Hoffnung bekommt, das Leben bejaht. Und durch die Verschränkung der zwei Zeitebenen vor und nach dem Unfall steckt auch noch eine große Liebesgeschichte drin. Irgendwann dachte ich deshalb: Ich muss diese auch emotional schwierige Herausforderung einfach annehmen – denn irgendjemand muss es ja machen!
“Habe extrem viel gelernt über mich”
APA: Hat der Film kathartische Qualitäten?
Goiginger: Ich denke schon. Es ist ein großes Ziel, dass der Filme viele Menschen nachhaltig beeinflusst. Einen Umgang mit ihrem eigenen Leben, mit ihrer eigenen Trauer zu finden, eine Motivation oder Inspiration zu entdecken, wie man es vielleicht schaffen kann. Das geht mir auch so. Ich habe extrem viel gelernt über mich selbst durch den Film.
APA: Inwiefern hat Sie “Vier minus drei” verändert?
Goiginger: Ich kann jeden Aspekt des Lebens nun viel mehr schätzen und ärger mich nicht mehr so schnell. Wir leben ja in einer Gesellschaft, in der man sehr schnell unzufrieden ist – und auch ich war jemand, der sich wegen Kleinigkeiten im Straßenverkehr aufregen konnte. Diese Beschäftigung mit “Vier minus drei” hat in mir jetzt aber so eine Grunddankbarkeit geschaffen. Es geht uns so gut. Und Barbaras Fall zeigt, dass man es schaffen kann, wenn das Schicksal zuschlägt. In diesen Situationen entwickelt der Mensch auf einmal eine Kraft, die man zuvor selbst nicht für möglich gehalten hätte. Auch Barbara war vor dem Unfall kein total selbstbewusster Mensch, der mitten im Leben gestanden wäre. Aber sie ist in der Katastrophe über sich hinaus gewachsen.
“Jahrelanger Prozess der Zusammenarbeit”
APA: Trotz dieser intensiven Auseinandersetzung ist “Vier minus drei” Ihr erster Spielfilm, für den Sie nicht selbst das Drehbuch verfasst haben. Weshalb?
Goiginger: Senad Halilbašić ist ein ganz besonderer Autor und hat mit dem Drehbuch sein eigenes Baby geschaffen. Aber ich habe mich trotzdem eingemischt bei allem (lacht). Das war ein jahrelanger Prozess der Zusammenarbeit, was nicht mit jedem Autor funktionieren würde. Ab einem gewissen Punkt habe ich dann übernommen und am Set mit dem Buch gearbeitet, wie ich es immer tue.
APA: Sie haben sich in der Vorbereitung auch mit Barbara Pachl-Eberhart getroffen. Stand für Sie von Anfang an fest, dass sie zentraler Teil des Entstehungsprozesses sein muss?
Goiginger: Es war mir von vornherein total wichtig, dass sie hinter dem Projekt steht, denn der ganze Film ist so auf sie zugeschneidert, und sie ist mit Abstand die wichtigste Person in diesem Kosmos. Ich wollte nichts machen, von dem sie sich distanzieren muss und habe erst zugesagt, nachdem ich mich mit ihr getroffen hatte. Geholfen hat, dass Barbara meine vorigen Filme gemocht hat. Und sie hat verstanden, dass ein Film eine Fiktionalisierung ist, man nicht alles 1:1 umsetzen kann aus dem Buch. Sie hat uns deshalb auch die Freiheit gelassen, teilweise von der Realität abzuweichen. Zugleich hat Barbara mir einmal geschrieben, wie viel es ihr bedeutet, mit dieser Geschichte nun nicht mehr ganz alleine in der Welt zu sein. Und das finde ich einen sehr schönen Gedanken.
APA: Wie lässt sich wortlose Trauer in der Einsamkeit filmisch umsetzen?
Goiginger: Man versucht ja immer, Bilder zu finden und nicht nur Worte. Und dafür hat sich die Clownswelt von Barbara und Heli als sehr dankbar erwiesen.
APA: Zugleich ist das ein Topos, der sehr polarisiert, viele Menschen abstößt…
Goiginger: Ich war ja selber so! Bevor ich mich mit dem Roman näher beschäftigt habe, kannte ich Clowns nur aus dem Zirkus, wo ich sie nicht lustig fand – oder von Stephen King. Durch die Recherche habe ich aber verstanden, dass das viel tiefer geht, eine richtige Philosophie ist und sich schon in den frühesten Kulturen findet. Der Clown ist derjenige, der die Obrigkeit herausfordert und provoziert. Und auch in unserem Film hat Barbara in ihrer Clownfigur Heidi die Möglichkeit, Schritte zu setzen, die sie ansonsten vielleicht nicht schaffen würde.
“Einfach nur krass!”
APA: Hat das die Suche nach der Schauspielerin nicht nochmals erschwert, da Sie jemand brauchten, der die Trauer ebenso darstellen kann wie als Clownin zu improvisieren?
Goiginger: Absolut – aber Valerie Pachner ist einfach eine Wucht. Ich ziehe echt meinen Hut vor ihr und ihrer vielseitigen Leistung. Denn sie ist unglaublich mutig. Ich habe schon oft erlebt – und finde das auch okay -, dass man die ersten paar Takes ein bisschen langsamer angeht, um sich in die Szene reinzufühlen. Valerie war aber vom ersten Moment an 100 Prozent in der Emotion. Einfach nur krass!
APA: Braucht es die zwei Zeitebenen vor und nach dem Unfall respektive die Clownwelt für das Publikum, um die Trauer als solches überhaupt aushaltbar zu machen?
Goiginger: Es geht wirklich nicht ohne – und dabei bin ich kein Fan von parallelen Erzählungen gewesen und habe immer eher chronologisch gearbeitet. Aber wir haben es im Schnitt mal probiert, den Film chronologisch zu schneiden. Dann hat man aber ein ewig langes Kennenlernen und am Ende so viel Trauer, die man am Ende fast nicht aushält. Wir haben dann den Unfall doch fast ganz nach vorne geholt, damit es im Anschluss mehr um das Weiterleben und die Hoffnung geht.
“Keine technischen Hürden reinbringen”
APA: “Vier minus drei” ist stilistisch eher bei Ihren Vorgängerfilmen “Die beste aller Welten” oder “Rickerl” mit Handkamera und einer etwas rohen Ästhetik angesiedelt, weniger durchkomponiert wie “Der Fuchs” oder “Märzengrund”. Hat sich das aus der Dynamik am Set ergeben?
Goiginger: Bei “Der Fuchs” war die historische Komponente wichtig, es war aber extrem anstrengend, so zu drehen. Ich vertraue in der Regel sehr auf die Schauspieler und drehe fast alles mit zwei Kameras parallel, was auch die Möglichkeit zur Improvisation erlaubt. Ich kann mir am Schreibtisch vorher alle möglichen Einstellungen überlegen, aber ich finde, man muss am Set die Freiheit haben, davon wegzugehen. Bei “Vier minus drei” war es mir wichtig eine große Freiheit für alle vor der Kamera zu schaffen. Da die Geschichte emotional schon so fordernd ist, wollte ich nicht auch noch technische Hürden mit reinbringen, die automatisch entstehen wenn man komplizierte Shots plant.
APA: Sie arbeiten also nicht wie Hitchcock, kommen mit dem fertigen Film im Kopf ans Set und stellen ihn dann praktisch nur mehr für die Kamera nach?
Goiginger: Das könnte ich nicht. Aber was ich kann, ist, im Moment am Set spüren, was für Emotionen es jetzt in der konkreten Szene braucht und die Schauspieler irgendwie da hinzuführen, dass sie spielerisch durchleben, was jetzt wichtig ist. Denn letztlich ist es das, was mich am Kino am meisten interessiert: Emotion. Das, was zwischen den Zeilen passiert.
“Verpflichtung habe ich nur Publikum gegenüber”
APA: “Vier minus drei” feiert zwar seine Weltpremiere auf der Berlinale, aber nicht im Wettbewerb. Warum?
Goiginger: Das müssen Sie andere fragen. Ich beschäftige mich damit auch kaum, denn würde ich darüber spekulieren, was ich anders hätte machen können, dann wäre es nicht mehr ehrlich und nicht mehr die Geschichte, die ich mit dem Publikum teilen möchte. Im Endeffekt ist mir wirklich wurscht, in welcher Sektion genau der Film läuft – ich möchte nur, dass viele Menschen ihn sehen und berührt werden. Meine Verpflichtung habe ich nur dem Publikum gegenüber.
(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – www.berlinale.de/de/2026/programm/202616642.html )




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