Von: apa
Auf eine Frauenquote wie “Alessandro nell’Indie” kommt ansonsten nur die römisch-katholische Geistlichkeit: In einer reinen Männerbesetzung ging Freitagabend Leonardo Vincis barocke Oper im Musiktheater an der Wien über die Bühne – durchaus historisch korrekt. Die Fokussierung auf das Y-Chromosom ist aber so ziemlich der einzige Stein, den Regisseur Max Emanuel Cenčić hier auf dem anderen belässt, macht der 49-Jährige doch eine rasant-bunte Bollywoodshow aus dem Barockwerk.
Das kann sich Cenčić erlauben, werden Vincis Werke nicht zuletzt dank der unermüdlichen Arbeit des Countertenors und Regisseurs nach 300 Jahren des Vergessens erst seit wenigen Jahren wiederentdeckt. Den “Alessandro”, das vorletzte Bühnenwerk des 1730 jung verstorbenen Komponisten, brachte Cenčić 2022 als Intendant zu seinem Festival Bayreuth Baroque und nun in Koproduktion als Hausdebütant in der Rolle des Regisseurs auch an das Musiktheater an der Wien.
Worum geht es im auf einem Libretto von Pietro Metastasio basierenden “Alessandro”? Alexander der Große, König von Makedonien, erobert Teile von Indien und verliebt sich in die dortige Königin Cleofide, die wiederum in den besiegten König Poro verschaut ist, der wiederum als Kriegslist die Rollen mit seinem General Gandarte tauscht, der wiederum in Poros Schwester Erissena verliebt ist, die wiederum … Aber eigentlich ist das alles wurscht, wie meist in den verschachtelten Personenkonstellationen der Barockära.
Zwischen Plastikbrust und Goldpenis
Cenčić lässt es einfach krachen auf der Bühne. Täuschend echte Plastikbrüste und ein etwas weniger täuschend echter Goldpenis in Übergröße, Fahrräder in Form von Elefanten und Menschen, die aus Kisten springen, oder ein Fächertanz, der Salome alt aussehen ließe – es wird einiges aufgeboten, um das barocke Werk dynamisch zu gestalten. Noch dazu eine Rahmenhandlung im Stile des 18. Jahrhunderts, also der Entstehungszeit der Oper, die dem Spiel im grellbunten Bollywood-Gestus gegenübersteht. Vor allem trägt zu Letzterem die Tanztruppe mit der Choreografie des Inders Sumon Rudra bei. Wie peinlich fällt oft das pseudo-barocke Gehopse manch konventioneller Inszenierungen barocker Werke aus?! Hier kommen hingegen Tanzsequenzen auf die Bühne, die vor Kreativität, Witz und Können nur so strotzen.
Vor allem aber bietet der “Alessandro nell’Indie” die Gelegenheit, das gesamte Klangspektrum der Counter, von den Sopranisten bis zu den dezidierten Countertenören, zu genießen. Denn nachdem Frauen bekanntlich im Kirchenstaat des 18. Jahrhunderts nicht auftreten durften und folglich sämtliche Rollen von Männern gesungen wurden, behält die Inszenierung diese Besetzungsvorgabe bei. So gibt es toxische Männlichkeit im Frauenkleid. Der androgyne Klang des unbeherrschten Poro von Dennis Orellana steht dem weiblichen Timbre der Cleofide von Bruno de Sá oder der reschen Furie Erissena von Jake Arditti gegenüber. Dagegen fällt der Alessandro von Maayan Licht rollen- und erkältungsbedingt etwas ab.
Echte Ensembleleistung
Martyna Pastuszka führt nicht nur das {oh!} Orkiestra mit Spielwitz und Frische durch den viereinhalbstündigen Abend, sondern steht als Geigerin schließlich für ein Duett mit Poro selbst auf der Bühne. So entsteht ein echter Musiktheater-Abend, bei dem sich die gesamte Mannschaft ins Zeug legt, um ein nicht leicht zu gestaltendes Stück möglichst leichtgängig zu präsentieren.
Manch Rezitativpassage könnte, wenn nicht ganz gestrichen, so doch deutlich gerafft werden. Bisweilen erscheint das strenge Schema der Da-Capo-Arie etwas monoton. Und doch ist der “Alessandro nell’Indie” zweifelsohne eine lohnenswerte Wiederentdeckung und seine Inszenierung im Musiktheater an der Wien eine zu Recht umjubelte Interpretation. Ein echter Counter-Strike eben.
(S E R V I C E – “Alessandro nell’Indie” von Leonardo Vinci im Musiktheater an der Wien, Linke Wienzeile 6, 1060 Wien. Musikalische Leitung des {oh!} Orkiestra: Martyna Pastuszka, Inszenierung: Max Emanuel Cenčić, Bühne: Domenico Franchi, Kostüm: Giuseppe Palella, Licht: David Debrinay, Choreografie: Sumon Rudra. Mit Alessandro – Maayan Licht, Poro – Dennis Orellana, Cleofide – Bruno de Sá, Erissena – Jake Arditti, Gandarte – Stefan Sbonnik, Timagene – Nicholas Tamagna, Schauspieler – Ed Betton/Benjamin Smart. Weitere Aufführungen am 12., 14., 17., 19. und 21. April. www.theater-wien.at/de/spielplan/saison2025-26/1513/Alessandro-nellIndie )




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