Von: importer
Es sind zwei der Großmeister der Malerei des 20. Jahrhunderts, die einander jedoch nie begegnet sind: Francis Bacon und Pablo Picasso. In der Albertina treffen die beiden Heroen nun aber aufeinander – in der monumentalen Herbstschau zum 250-Jahr-Jubiläum des Museums. Hier plustern sich zentrale Werke der beiden Künstler nebeneinander auf, rittern in ihrer Größe um die berechtigte Aufmerksamkeit. “Ein offener Schlagabtausch”, wie es Albertina-Generaldirektor Ralph Gleis nennt.
Dieser findet in verschiedenen Boxringen vulgo Räumen statt, die keine chronologische, sondern eine thematische Clusterung aufweisen. Dabei zeigen sich die Parallelen zwischen den beiden Malern ebenso augenscheinlich wie die Differenzen, stilistisch wie thematisch. Die wesentliche Gemeinsamkeit ist der figurative Fokus auf den menschlichen Körper in einem Jahrhundert, das diesen in der Abstraktion oftmals auflöste.
Übervater und Gegenbild
“Er war wirklich der Ansicht, die Figur neu erfinden zu können, wofür Picasso den Weg geebnet hatte”, umriss Co-Kurator Michael Peppiatt, ein langjähriger Wegbegleiter Francis Bacons, dessen Impetus. Für Bacon war der ein gutes Vierteljahrhundert ältere Picasso Vorbild, Idol, Inspiration und zugleich eine Überfigur, an der er sich abarbeitete, von der er sich distanzierte.
Beide Künstler waren Porträtisten des Menschen, dessen Komplexität beide in ihren Arbeiten zu vereinen suchten. Bacon allerdings fasst die Vielschichtigkeit seiner Figuren in Triptychen, die Varianzen eines Wesens offenbaren, während Picasso diese Varianz in lediglich ein Bild packt und den Gemalten in verschiedener Haltung fragmentiert übereinanderlegt. Bei Picasso dominiert eher der klare Strich, die Flächigkeit, wohingegen Bacon die Bewegung im Bild stärker herausarbeitet, Verwischtes und Dynamik ausstellt.
Wie anders der künstlerische Ansatz der beiden Malerfürsten war, zeigt sich nicht zuletzt am schieren Umfangs ihres Œuvres. Während der Autodidakt Bacon, der früh aus dem Elternhaus verstoßen wird und nach rastlosen Reisejahren im Nachkriegsengland zur queeren Ikone aufsteigt, am Ende seines Lebens knapp 600 Werke hinterließ, waren es beim akademisch ausgebildeten Frauenschwarm und Vielarbeiter Picasso rund 50.000.
Und doch eint die beiden Proponenten der aktuellen Albertina-Schau das Interesse am Unbewussten, dem Verborgenen des menschlichen Charakters, das sich in Lust, Leid, Fragilität und Gewalt am evidentesten zeigt. Dieses Mosaik des menschlichen Charakters erklärt auch den Untertitel der Schau, “Was macht es aus, Mensch zu sein”, der auf den ersten Blick schrecklich banal, auf den zweiten aber schrecklich treffend scheint.
71 Werke bis Ende Jänner zu sehen
Dafür hat die Albertina 71 überwiegend großformatige Werke zusammengetragen, nicht zuletzt dank vieler Leihgaben, darunter aus der Familie Picasso. Nun finden sich Hauptwerke der beiden Maler wie Bacons “Päpste” oder die Guernica-Studie “Mutter und Kind” von Picasso in der Ausstellung. Dass gerade der surrealistische Picasso hierbei viel Raum einnimmt, ist für die Picasso-gestählte Albertina dabei eine Novität. “Das ist ein Picasso, der selten Halt macht in Wien”, freute sich Gleis über die gelungene Großschau, die nun bis Ende Jänner die Kunstfreunde und -freundinnen ins Haus locken soll.




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