Von: APA/dpa
Eigentlich war Jean Ziegler immer zornig: über den Rassismus, die Ausbeutung Afrikas, die Globalisierung, die Profitgier und “die verlogene Herrschaftsschicht”. Der Genfer Soziologe war zeitlebens ein Fürsprecher der Entmachteten und ein Schreckgespenst für die Mächtigen. Zu seinem 90. Geburtstag bezeichnete er sich im April 2024 als “privilegiert unter den Privilegierten”. Jetzt ist das Schweizer “Enfant terrible” im Alter von 92 Jahren gestorben.
Wenn Benachteiligte auf der Welt verzweifelt versuchten, Gehör zu finden, war Ziegler zur Stelle. Er setzte sich für sie bei den Vereinten Nationen ein, und brandmarkte die Verursacher des Leids in zahlreichen Publikationen. Von 1967 bis 1999 war er mit einer vierjährigen Unterbrechung Abgeordneter in der großen Parlamentskammer, dem Nationalrat, für die die Sozialdemokratische Partei der Schweiz (SP). Er war Soziologie-Professor an der Universität Genf.
Er habe mit seinen Büchern Wirkung erzielt, aber der Kampf gehe immer weiter, sagte er mit 90, und zitierte den deutschen Lyriker Bertolt Brecht: “Wer kämpft, kann verlieren. Wer nicht kämpft, hat schon verloren.” Die jungen Leute erfüllten ihn mit großer Hoffnung: “Sie haben bereits ein ausgeprägtes Wissen über die Übel des Kapitalismus sowie eine bewundernswerte Fähigkeit, Widerstand zu leisten.”
In der Heimat oft als Nestbeschmutzer beschimpft
Ziegler wurde 1976 schlagartig bekannt, nachdem er in seinem Buch “Eine Schweiz, über jeden Verdacht erhaben” großen Schweizer Konzernen Profite auf Kosten der Ärmsten vorgeworfen hatte. 1990 stellte er seine Heimat als Finanzdrehscheibe des internationalen Verbrechens dar (“Die Schweiz wäscht weißer”). In “Die Schweiz, das Gold und die Toten” prangerte er 1997 die Verstrickung von Schweizer Geldinstituten mit den Nazis und den Umgang mit Guthaben von Holocaust-Opfern auf Schweizer Konten an. In seiner Heimat wurde er oft als Nestbeschmutzer und Landesverräter beschimpft.
Mehrere seiner Bücher wurden Bestseller, aber reich wurde Ziegler nie. Er musste Hunderttausende Franken wegen Verleumdung an Leute zahlen, die er angegriffen hatte. Solche Prozesse nutzte Ziegler als Bühne, um vermeintliche Machenschaften, die er nach eigenen Angaben aufgedeckt hatte, ans Licht zu bringen. Er fand immer Unterstützer, die ihm finanziell aus der Patsche halfen.
Als UN-Berater prangerte Ziegler die Produktion von Biotreibstoffen in Drittweltländern an, die auf Kosten des Nahrungsmittelanbaus gehe. Er forderte ein Bleiberecht für Hungerflüchtlinge in wohlhabenden Ländern und einen Verhaltenskodex für transnationale Konzerne.
Manchmal haute er daneben: Lange verteidigte er Pol Pot, der in den 1970er Jahren aus Kambodscha einen marxistischen Bauernstaat machen wollte und Millionen Bürger ermorden ließ. 1989 beriet Ziegler Libyens Diktator Muammar al-Gaddafi, was er im hohen Alter als Fehler bezeichnete. Er applaudierte auch dem populistischen Präsidenten Venezuelas, Hugo Chávez, und ließ kein schlechtes Wort auf Kuba kommen.
Befreundet mit Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre
Ziegler war mit 18 aus seiner gutbürgerlichen Familie mit Villa in Thun nach Paris geflohen, wurde dort zum Marxisten und war mit Ikonen der Linken wie Simone de Beauvoir und Jean-Paul Sartre befreundet. De Beauvoir verpasste dem jungen Mann seinen weltläufigen Vornamen, sagte er: Sie machte aus dem gebürtigen Hans einen Jean.
Entscheidend war für ihn auch eine Begegnung mit Che Guevara 1964, wie er oft berichtete. Ziegler chauffierte den kubanischen Guerillaführer bei einer UN-Zuckerkonferenz in Genf. Er habe mit dem “Comandante” in den Kampf ziehen wollen. Der habe ihm aber geraten, in Genf zu bleiben und “das Gehirn des Monsters” zu bekämpfen. “Ich Taugenichts wäre in kürzester Zeit tot in einem Massengrab gelegen”, sagte Ziegler einmal der “Neuen Zürcher Zeitung”. “Che hat mir das Leben gerettet und den Weg gewiesen.”




Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen