Von: Ivd
Innsbruck/Lana – Nachdem der Innsbrucker Pfarrer Anno Schulte-Herbrüggen im ORF über seinen sexuellen Missbrauch durch einen Anhänger des Deutschordens in Lana sprach, meldeten sich binnen weniger Tage 16 weitere Betroffene bei der unabhängigen Ombudsstelle der Diözese Innsbruck. Manche Fälle liegen Jahrzehnte zurück, andere ereigneten sich erst kürzlich.
Schulte-Herbrüggen hatte vor einer Woche erstmals über Übergriffe gesprochen, die sich vor vierzig Jahren während seiner Priesterausbildung im Haus des Deutschen Ordens in Lana zugetragen haben sollen. Der damals neunzehnjährige Seminarist war einem inzwischen verstorbenen Ordensführer ausgeliefert, der in seinem Zimmer gezielt übergriffig wurde.
„Ich bin zwar der erste Priester in Österreich, der diesen Schritt wagt, aber ich bin überzeugt, ich bin nicht der Einzige“, sagte der heute sechzigjährige Pfarrer. Seine Vermutung hat sich bestätigt: Viele der neuen Meldungen betreffen kirchliche Einrichtungen.
Schuldzuweisung brachte ihn zum Schweigen
Das eigentliche Drama spielte sich jedoch nach der Rückkehr ab. Als sich Schulte-Herbrüggen einem Mitbruder anvertraute, erfuhr er eine zweite Traumatisierung: Man gab ihm die Schuld und teilte ihm mit, die homophilen und pädophilen Neigungen des Täters seien ohnehin bekannt. Diese Reaktion brachte ihn jahrzehntelang zum Schweigen.
Gertraud Walder, Leiterin der Ombudsstelle für Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch, berichtet von einer bemerkenswerten Resonanz. Neben den Opfermeldungen hätten sich auch viele Menschen gemeldet, die ihre Unterstützung bekunden wollten. „Dies zeigt, dass es den Wunsch gibt, offen darüber zu sprechen, damit man auch dafür sorgen kann, dass Gewalt in dieser Form nicht mehr vorkommt.“
Späte Anerkennung
Die Diözese Innsbruck würdigte Schulte-Herbrüggens Mut ausdrücklich. Dass er seine persönliche Geschichte öffentlich mache, sei „ein starkes Zeichen für Offenheit und Verantwortung“. Die Begleitung und Unterstützung aller Betroffenen sei selbstverständlich, sämtliche Schritte würden in enger Abstimmung mit zuständigen Stellen innerhalb und außerhalb der Diözese gesetzt.
Update
Die Diözese stellte inzwischen klar, dass es sich bei den sechzehn Meldungen nicht ausschließlich um neue Fälle handelt. Zehn der Betroffenen hatten bereits früher Missbrauchserfahrungen gemeldet, viele davon wurden von der Unabhängigen Opferschutzkommission bereits bearbeitet oder entschädigt. Drei Meldungen sind tatsächlich neu und betreffen Nordtirol (fünf waren bereits bekannt); weitere stammen aus Südtirol (drei zum Teil gemeldete) und Deutschland (fünf zum Teil gemeldete und entschädigte).




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