Von: ka
Brixen/Neustift – Am vergangenen Freitag wurde in der Engelsburg von Kloster Neustift die Ausstellung „RELATIONES – Fotografische Erkundungen des Dazwischen” eröffnet. Bis zum 29. August 2026 präsentieren 18 Künstler:innen aus Südtirol, Österreich und Deutschland Arbeiten, die den Beziehungen zwischen Menschen, Natur und Gesellschaft nachspüren. Die Ausstellung ist Teil des Jahres der Fotografie 2026.

Die beteiligten Künstlerinnen und Künstler nähern sich dem Thema aus unterschiedlichen Perspektiven. Ihre Arbeiten erzählen von Nähe und Distanz, Identität und Erinnerung, Natur und Lebensraum, gesellschaftlichen Verbindungen und Formen gemeinschaftlichen Zusammenlebens — und davon, was über das Individuelle hinauswächst und den Einzelnen als Teil von etwas begreift, das ihn einschließt oder gar übersteigt.

Ausgangspunkt ist ein Satz des hl. Augustinus: Unruhig ist unser Herz, bis es Ruhe findet in dir. Aus dem theologischen Kontext gelöst, offenbart er eine anthropologische Grundstruktur: Der Mensch ist kein in sich ruhendes Wesen. Er ist ausgerichtet auf ein Außen — auf den Anderen, auf die Welt, auf das, was ihn übersteigt. RELATIONES versammelt achtzehn fotografische Positionen, die diesem Berührtwerden nachgehen — jede aus anderem Kontext, mit anderen Mitteln, in unterschiedlicher Dringlichkeit.

Kuratorin Sandra Mutschlechner sagte bei der Eröffnung: „Beziehungen prägen unser Leben, oft ohne dass wir sie bewusst wahrnehmen. RELATIONES zeigt, wie Fotografie diese Verbindungen sichtbar macht und unseren Blick auf das Miteinander erweitern kann. Fotografie dokumentiert nicht nur Begegnungen, sondern entsteht selbst aus einer Begegnung: zwischen dem Blick der Fotografierenden und der Welt. Gerade darin liegt ihre besondere Kraft.“ Die Fotografie ist dabei nicht nur Thema, sondern Methode. Michael Schmücking bringt es auf den Punkt: „Die Fotografie zwingt mich, jetzt hinzuschauen, sofort, ohne Vorlauf.“ Katharina Theresa Mayr beschreibt, was im Moment des Schauens geschieht: „Durch den Sucher zu blicken bedeutet nicht, Distanz zu schaffen, sondern Teil eines Beziehungsgefüges zu werden.“ Und Sissa Micheli über den Augenblick, den die Kamera festhält: „Mich fasziniert der kurze Augenblick, der mit bloßem Auge nicht wahrnehmbar ist. Ich arretiere ihn, nehme ihn aus seiner Bewegung und erschaffe so Skulpturen des Moments.”

Die besondere Architektur der Engelsburg bildet den räumlichen Rahmen der Ausstellung und wird selbst zum Teil des Konzepts. Der historische Rundbau — seit Jahrhunderten Schwelle, Durchgang, Ort des Aufeinandertreffens — führt die Besucherinnen und Besucher durch drei thematische Ebenen: Im Untergeschoss stehen die unmittelbaren Beziehungen zwischen Menschen im Mittelpunkt, der Blick auf das Gegenüber und die Frage, was entsteht, wenn wir wirklich hinschauen. Der Außenumgang im Obergeschoss weitet den Fokus auf das Verhältnis des Menschen zur Welt, zur Natur und zu den fragilen Systemen, in denen wir leben. Im ehemaligen Kapellenraum richtet sich der Blick auf jene Verbindungen, die über das Individuelle hinauswachsen — kosmisch, kollektiv, dem direkten Blick entzogen.

Vier Arbeiten stehen exemplarisch für die Bandbreite der Ausstellung: Anna Anvidalfareis Fotografien setzen ein Ohr der Außenwelt aus, das Zuhören muss, und zeigen eine Figur, die sich von derselben Welt abwendet, um nach innen zu schauen — Zugehörigkeit und Ausgrenzung, Zwang und Sehnsucht nicht als Gegensätze, sondern als dasselbe Ringen. Julia Bornefelds BLACK SWAN projiziert eine gefiederte Figur an die Kuppeldecke der Engelsburg — zwischen Engelwesen und Schattenwesen, zwischen Last und Transzendenz. Schwarze Federn am Boden, Videoprojektion an der Decke: eine ortsspezifische Installation, die den Raum selbst in ein Bild verwandelt. Werner Gassers White Paper Revolution zeigt den Künstler mit einem leeren weißen Blatt — eine stille politische Geste, die Besucherinnen und Besucher einlädt, es ihm gleichzutun, sich zu fotografieren und das Bild unter #wprgasser zu teilen. Marko Zinks Serie Schwimmer und Burka zeigt Kleidung unter Wasser — Burka, Badekappen, Muschelkleid —, die sich auflöst, neue Formen annimmt, ihre soziale Bedeutung verliert. In Apnoe fotografiert, mit gekochtem Film: Körper, Material und Medium gleichzeitig im Zerfall und in der Verwandlung.

Für Prälat Eduard Fischnaller hat die Ausstellung in der Engelsburg eine besondere Bedeutung: „In-Beziehung-Stehen ist kein Thema, das wir uns für eine Ausstellung ausgesucht haben — es ist die Grundlage des klösterlichen Lebens seit der Gründung von Kloster Neustift. Die Engelsburg war immer ein Ort des Aufeinandertreffens, der Schwelle, des Durchgangs. Dass RELATIONES genau hier stattfindet, empfinde ich als stimmig und notwendig. In einer Zeit, in der Verbindungen zunehmend flüchtig werden, ist es vielleicht wichtiger denn je, innezuhalten und zu fragen, was uns wirklich trägt.“

Neben RELATIONES sind im Rahmen des Jahres der Fotografie weitere Ausstellungen in Kloster Neustift zu sehen. Im Sonderausstellungsraum des Stiftsmuseums läuft noch bis 25. Juli 2026 die Ausstellung COMMUNITAS – Spuren der Gemeinschaft mit Arbeiten von Francesca Catastini, Lorenzo Brivio, Christian Eisenberger, Miriam Raneburger und Peter Raneburger. In der Orangerie im Stiftsgarten zeigt Hanna Battisti die Fotoausstellung NATURA VIVA, noch bis 1. August 2026.
COMMUNITAS – Spuren der Gemeinschaft
8. Mai – 25. Juli 2026 | Sonderausstellungsraum Stiftsmuseum
RELATIONES – Fotografische Erkundungen des Dazwischen
27. Juni – 29. August 2026
Ort: Engelsburg, Stiftsmuseum
NATURA VIVA, Hanna Battisti
13. Juni – 1. August 2026 | Orangerie im Stiftsgarten
Öffnungszeiten: Montag bis Samstag, 10–17 Uhr (letzter Einlass: 16.15 Uhr)













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