Von: apa
Barbara Pachl-Eberhart ist das vielleicht Schlimmste passiert, das einem Menschen widerfahren kann – durch einen Unfall seine gesamte Familie zu verlieren. Die Wienerin hat über diesen Schicksalsschlag 2012 ihre Autobiografie “Vier minus drei” veröffentlicht. Der österreichische Regieshootingstar Adrian Goiginger hat dieses Werk nun verfilmt und am Montag zur Weltpremiere bei der Berlinale gebracht – und hat mit Valerie Pachner eine grandiose Hauptdarstellerin zur Verfügung.
Pachl-Eberharts Buch wurde nicht zuletzt deshalb zum Bestseller, weil es nicht in der statischen Trauer der Katastrophe verharrt, sondern auch zeigt, wie die Autorin danach mit Optimismus ihren eigenen Weg zurück ins Leben findet. Und dieser keineswegs leicht kreierte Duktus gelingt nun auch Goiginger in seinem Film.
Goiginger verschränkt zwei Zeitebenen
Dies bewerkstelligt der 34-jährige Filmemacher (“Die beste aller Welten”) vor allem damit, dass er die Geschichte seiner Hauptfigur Barbara nicht chronologisch schildert, sondern zwischen dem Unfall samt der großen Trauer und den glücklichen Zeiten davor wechselt. So erzählt “Vier minus drei” auch die Liebesgeschichte der gescheiterten Schauspielschülerin Barbara (Pachner) und des passionierten Clowns Heli (Robert Stadlober), die aufs Land ziehen und dort die beiden Kinder Fini und Thimo bekommen.
Es ist ein Leben, das auch seine Tiefen und Probleme hat, ist Heli doch der Künstler, der Träumer, der als Clown die Menschen verändern möchte, aber wenig Erfolg hat. Sie ist eher die Pragmatikerin, die als Clownin bei den Roten Nasen arbeitet, um die Familie durchzubringen. Es ist vor allem aber ein Leben, in dem viel Lachen und Leichtigkeit herrscht – bis Heli im Auto mit den Kleinen von einem Zug erfasst wird.
Die quälende Ungewissheit
Wie Barbara von der Katastrophe erfährt, entblättert sich langsam. Goiginger zeigt die quälend lange Ungewissheit nach der Nachricht vom Unfall, das sukzessive Schwinden der Hoffnung, dass zumindest eines der Kinder überlebt. Barbaras Welt bricht zusammen. Sie verliert ihren Job bei den Roten Nasen, weil ihr nicht zugetraut wird, dass die Menschen in ihr jemand anderen sehen als die Mutter, die ihre Kinder verloren hat.
Und “Vier minus drei” traut sich, Trauer so zu zeigen, wie sie ist. Nicht pittoresk, nicht elegant, nicht hübsch. Der Film thematisiert Barbaras Impuls, möglichst schnell wieder schwanger zu werden und sei es mit einem Unbekannten im Auto bei einem Festival ebenso wie das Verzweifeln an der Ungerechtigkeit des Schmerzes. Phasen der Hoffnung können einem Tief weichen, wenn das letzte Pausenbrot für die Kinder im Kühlschrank entdeckt wird. Auch dass Freundin Sabine (Stefanie Reinsperger) sie mit einem Schauspieler (Hanno Kofler) verkuppeln möchte, ist teils zum Fremdschämen und darin wiederum ganz menschlich.
Brillantes Solo von Pachner
Goiginger verschneidet die zwei Zeitebenen vor und nach dem Unfall und stellt dabei kein idyllisches Postkartenmotiv gegen das unsagbare Leid des Verlusts. Genau aus dieser Konstellation heraus erschafft er Nähe und Zugänglichkeit. Vor allem ist “Vier minus drei” aber ein schmerzliches, brillantes Solo von Valerie Pachner, die mit der Rolle ihre vielleicht beste Leinwandleistung bisher zeigt. Die 38-Jährige lässt mit ihrem Gesicht Abgründe aufscheinen, ohne diese auszustellen. Und ihr gelingt, die Ebene der wortlosen Trauer ebenso brillant wie jene der Clownswelt, die Goiginger als Gegenwelt dazu positioniert.
Schritt für Schritt findet Barbara letztlich einen neuen Zugang zum Leben, in dem die Liebe zu ihrer Familie nach wie vor ihren Platz hat, aber sie selbst ein neues Kapitel aufschlägt. Dass “Vier minus drei” gänzlich unpathetisch zeigt, dass Barbara zwar eine ungewöhnliche Frau, aber kein Übermensch ist, macht den bei aller Schwere tröstlichen und letztlich lebensbejahenden Charakter dieses Films aus, der am 6. März in die österreichischen Kinos kommt.
(Von Martin Fichter-Wöß/APA)
(S E R V I C E – www.berlinale.de/de/2026/programm/202616642.html )




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