Bradley Cooper spielt Leonard Bernstein

Bernstein-Biografie “Maestro”: Das Biopic einer großen Liebe

Sonntag, 03. Dezember 2023 | 16:08 Uhr

Eigentlich ist der Titel eine große Täuschung, schließlich geht es in “Maestro”, Bradley Coopers zweiter, exzessiver Regiearbeit, nicht primär um die von ihm gespielte Titelfigur Leonard Bernstein, sondern um eine große Liebe. Und zwar die zwischen dem Künstler und seiner Ehefrau Felicia Montealegre (Carey Mulligan). Zwei oscarwürdige Leistungen. Das Netflix-Drama kommt vor der Bereitstellung auf dem Streamingdienst am Mittwoch in die Kinos.

“Maestro” ist dabei ein Cooper-Projekt durch und durch, führte der 48-Jährige doch nicht nur die Regie und war als Ko-Drehbuchautor eingebunden, sondern er spielt oder besser verkörpert den charismatischen Künstler und Kettenraucher auch geradezu. Die Rastlosigkeit, den Überschwang, die Energie des 1990 verstorbenen Bernstein erschafft Cooper ebenso wie dessen Unsicherheiten, Ambivalenzen. Es ist eher Mimikry als eine platte Imitation, die der Schauspieler hier abliefert. Die Ausgestaltung der Rolle ist eine sichere Bank für die Oscarnominierung, die er unter anderem bereits für sein Debüt “A Star is Born” eingefahren hatte.

Leider entspann sich schon im Vorfeld des Kinostarts eine letztlich idiotische Debatte um den Umstand, dass Cooper mit Gesichtsprothesen ausgestattet spielt – was dem Schauspieler eine frappante optische Nähe zum Vorbild ermöglicht, ihm jedoch ob einer Nasenprothese den Vorwurf des jüdischen Stereotyps einbrachte. Nun lenkt das Wissen darum streckenweise den Blick der Kinozuschauer unweigerlich auf das entsprechende Organ, was die Wahrnehmung einer grandiosen Schauspielleistung unnötig stört.

Schließlich reichen Cooper und Mulligan bisweilen ein Muskelzucken im Gesicht, um Bände zu sprechen. Und diese Bände erzählen von einer ebenso innigen wie komplexen Beziehung, die über die Jahrzehnte und eine zeitweilige Trennung ob Bernsteins Affären mit Männern Bestand hatte. Die Karriereerfolge des Musikers spielen hingegen nur eine periphere Rolle. Viele der vermeintlich zentralen Stationen wie die “West Side Story” oder die legendären Kinderkonzerte werden allenfalls gestreift.

Aber auch wenn die privaten Momente im Vordergrund stehen, ist “Maestro” doch beileibe kein nüchternes Kammerspiel, wofür vermutlich schon alleine die Beteiligung von Steven Spielberg und Martin Scorsese am Projekt bürgt, die letztlich als Produzenten fungierten. Schon am Beginn steht eine grandiose Kamerafahrt, wenn sich das kleine Kämmerchen Bernsteins im nahtlosen Laufschritt zur Carnegie Hall transformiert, als der Jungdirigent den Anruf als Einspringer erhält, der ihm den Weg an die Spitze der Zunft ebnen sollte. Oder das junge Paar morpht sich in eine Musicalszene aus Bernsteins frühem Erfolg “Wonderful Town” hinein.

Hier kommt das Können von Kameramann Matthew Libatique zum Tragen, der auch für den visuellen Stil von Darren Aronofskys Erfolgen “Black Swan” oder “Requiem for a Dream” verantwortlich zeichnete. Er lässt die Kamera mal frei tänzeln, dann wieder in längeren Dialogen schlicht auf Distanz zu den Protagonisten gehen. Match Cuts wechseln sich mit weniger ostentativen Schnitttechniken, das anfängliche Schwarz-Weiß wechselt dann zu Farbe, als es auch vom historischen Bernstein Farbaufnahmen gibt.

Ungeachtet dieser optischen Opulenz lebt “Maestro” aber zentral von seinen Charakteren. Cooper gelingt der Balanceakt, die Zerrissenheit des stets unruhigen Bernstein zwischen dem nach Innen orientierten Komponisten und dem extrovertierten Dirigent auch als Brennen zwischen den vielen Interessen zu zeigen. Dass “Maestro” Bernsteins zweiten großen Kampf zwischen der Liebe zu Felicia und seinen Kinder und der zu Männern lediglich wiederholt andeutet, aber doch nicht explizit benennt, ist vielleicht der einzige Schwachpunkt des Filmes, mutmaßlich aber auch der starken Einbindung der Familie in das Projekt geschuldet.

Dies tut dem Genuss jedoch nur einen bedingten Abbruch, Cooper am Ende bei einem ekstatischen Dirigat von Mahler zu sehen, der das völlige Aufgehen des Künstlers in der Musik paraphrasiert. Oder Cary Mulligan als ebenso gütige wie verletzte Ehefrau zu erleben, die am Ende des gemeinsamen Lebenswegs vom Krebs dahingerafft wird, was Lenny letztlich an ihre Seite zurückbringt. So ist “Maestro” letztlich ein Biopic, das die Klippen des Genres in wunderbarer Weise umschifft und zwei beeindruckende Menschen über ihr Leben hinweg begleitet.

(Von Martin Fichter-Wöß/APA)

(S E R V I C E – www.netflix.com/at/title/81171868)

Von: apa