Politisch einflussreich: ein ehemaliger Künstler an der Seite Putins

“Der Magier im Kreml”: Einblick in Russlands Machtelite

Sonntag, 05. April 2026 | 06:17 Uhr

Von: APA/dpa

So richtig wohl scheint sich der britische Filmstar Jude Law in der Rolle des russischen Präsidenten Wladimir Putin nicht zu fühlen. Der Kinofilm “Der Magier im Kreml” kommt nach der Weltpremiere beim Festival in Venedig am Donnerstag nun in die österreichischen Kinos. Er zeigt, wie aus dem Geheimdienstchef der mächtigste Mann Russlands wird. Olivier Assayas zeichnet dabei ein Porträt der russischen Machtelite, das teilweise sogar unterhaltsam ist.

Es geht um die 1990er Jahre in Moskau, als die Russen nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion und dem Ende des Kommunismus erstmals Demokratie und Freiheit voll auskosten können. Aber es herrscht Chaos – und ein dem Alkohol ergebener Präsident Boris Jelzin, dem immer mehr die Kontrolle entgleitet. In der schwierigen Lage sieht der Milliardär Boris Beresowski die Rettung schließlich in Wladimir Putin, der als Chef des Inlandsgeheimdienstes FSB erst Ministerpräsident und dann Jelzins Nachfolger wird.

Zentrale Figur im Film ist Wadim Baranow, der als “Magier”, als Strippenzieher ganz maßgeblich Putin bei seinem Aufstieg und der Konsolidierung der Macht zur Seite steht. Im echten Leben geht es hier um Wladislaw Surkow, lange Putins Berater, als schillernde Figur im politischen Machtspiel bekannt, der sich schon vor einiger Zeit ins Private zurückzog. Im Film ist Baranow, gespielt von Paul Dano, ein rückgratloser Intellektueller, an dem wenig “Magisches” ist.

Versuch eines ausgewogenen Bildes

Als bekannt wurde, dass Putin von einem prominenten westlichen Schauspieler verkörpert wird, löste das in Moskau teils Vorfreude aus – wohl auch mit Blick auf die Romanvorlage von Giuliano Da Empoli, dem es nicht vordergründig um Kritik an Russland geht. Im Mittelpunkt steht der Versuch, ein ausgewogenes Bild davon zu zeichnen, wie Machtstrukturen funktionieren.

Jude Law schaut stets etwas grimmig drein als Putin, erlaubt ihm auch manchmal menschliche Züge – etwa beim Wasserski oder bei einer Terrassenparty am Schwarzen Meer. Law selbst sagte, der Sinn dieser Rolle “besteht nicht darin, mit Dreck zu werfen, sondern einfach eine Geschichte zu erzählen”. Es ist die Geschichte eines Putins, der Russland wieder aufrichtet und mit dem Krieg in Tschetschenien vor dem Zerfall bewahrt. Gedreht wurde übrigens im benachbarten EU-Staat Lettland.

Regisseur Assayas hält sich dabei in großen Teilen an wahre historische Begebenheiten – etwa den Untergang des Atom-U-Boots “Kursk”, als Putin keine gute Figur machte. Er bedient sich aber auch immer wieder abgenutzter russischer Klischees (Frauen in Pelzmützen) und fiktiver Elemente – wie zum Beispiel in der Schlussszene. Sie wirkt so, als sollte ein zu positiver Eindruck von Putin zerstört werden.

Assayas muss aber auch mit Rücksicht auf Persönlichkeitsrechte und mögliche Klagen der Protagonisten einige wichtige Namen ändern. Nicht nur Surkow – Putins einstiger Strippenzieher – heißt hier anders, auch der frühere Ölmagnat und Oligarch Michail Chodorkowski ist verfremdet als Dmitri Sidorow.

Putin lässt Sidorow festnehmen, weil der ihm die Stirn bietet – als politisches Signal auch dafür, dass er sich von den Oligarchen nichts sagen lässt. Im wahren Leben gehört Chodorkowski nach langer Haft im Straflager bis heute in seinem Exil zu den wichtigsten Geldgebern der Opposition gegen Putin.

Putin kommt gut weg

Regisseur Assayas nimmt Russland und Putin ernst, begegnet dem Machtgefüge in dem Riesenreich mit Respekt. So hat es auch der Kreml gern. Insgesamt kommt der Präsident, der das Land seit mehr als 25 Jahren führt und 2022 seinen Angriffskrieg gegen die Ukraine begann, vergleichsweise gut weg. Das ist kein Vergleich zu dem Film “Putin. Krieg wird kommen” des polnischen Regisseurs Patryk Vega, der den Kremlchef zuletzt als blutrünstiges Monster mit Hilfe künstlicher Intelligenz auf die Leinwand brachte.

Als Kinoheld ist Putin aber kein Novum. 2008 erschien der russische Film “Ein Kuss – nicht für die Presse” über Putins Jahre beim Geheimdienst, seine Zeit als KGB-Offizier in Dresden und seine damalige Ehefrau Ljudmila und die beiden Töchter. Das war eine klare Hommage.

Putins Sprecher Dmitri Peskow sagte vor der Weltpremiere voriges Jahr, es sei “gesetzmäßig”, dass Putin als bedeutender Politiker auch im Film vorkomme. “Putin ist einer der erfahrensten und erfolgreichsten Staatschefs der Welt, ein Weltführer, dessen Einfluss auf das Weltgeschehen kaum zu überschätzen ist”, sagte er. Neue Erkenntnisse gibt es in dem Leinwandepos aber nicht.

Putin selbst äußert sich immer wieder abschätzig über westliche Kinofilme; er will “traditionelle Werte” dargestellt sehen. Gerade erst ordnete er wieder an, ausländische Filme per Quotierung zu beschränken, russische Filme länger auch in den Kinos spielen zu lassen. Dabei gab es unlängst Berichte, nach denen die meisten russischen Filme Flops seien an den Kinokassen.

Dürfte trotzdem nicht nach Russland kommen

In die russischen Kinos dürfte der Film schon wegen der aus der Luft gegriffenen Schlussszene wohl nicht kommen. Zudem gibt es wegen der Sanktionen im Zuge von Putins Krieg gegen die Ukraine überhaupt nur noch wenige westliche Filme in den Kinos. Aber die Russen schauen auch verbotene Filme – perfekt synchronisiert – auf Piratenseiten im Internet.

Und die Filmkritik? Der prominente russische Filmexperte Andrej Plachow lässt kaum ein gutes Haar an dem Film. Allenfalls habe sich Jude Law Beifall verdient, teilweise spiele er Putin sehr authentisch. In der Zeitung “Kommersant” schreibt er nach der Premiere in Venedig: “Diejenigen, die einen Skandal erwartet hatten, sehen sich enttäuscht. Hier herrscht geradezu vorsichtige politische Korrektheit.” Der Film sei “irgendwie blass, ganz und gar nicht ausdrucksstark, ohne echte Überzeugung und ohne starke Gefühle”.

(Von Ulf Mauder/dpa)

(S E R V I C E – https://constantin.film/kino/der-magier-im-kreml/ )

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