Leiter der Mordkommission war vom Fall "fast besessen"

Ex-Chefermittler Geiger schrieb Unterweger-Roman

Samstag, 13. Januar 2024 | 12:30 Uhr

Vor bald 30 Jahren, am 29. Juni 1994, ist Jack Unterweger wegen neunfachen Mordes an Prostituierten zu lebenslanger Haft verurteilt worden. Von dem einzigartigen Fall war der damalige Leiter der Mordkommission in Wien, Ernst Geiger, “fast schon besessen”, wie er im APA-Gespräch sagt. Das habe durchaus dramatische Auswirkungen auf sein Privatleben gehabt. Nun verarbeitete der pensionierte Topermittler die Causa zum Roman “Mordsmann”: “Kein Sachbuch, aber auf Fakten basierend.”

Er habe nichts dazuerfunden, betont Geiger, lediglich in manchen Fällen einige Personen zu einer einzigen fiktiven Figur zusammengefasst. So tritt im Roman eine Psychologin auf, die der Fantasie des Autors entstammt: “Aber ihre psychologischen Expertisen sind aus verschiedenen Gutachten zusammengefasst und komprimiert”, erläutert Geiger. Schonungslos der Wahrheit entsprechend, gibt er die Mordfälle wieder: Denn bisher seien “die Opfer immer zu kurz gekommen”. Außerdem wollte Geiger der Darstellung entgegentreten, der “Häfenliterat” Unterweger habe beiläufig gemordet: “Er hat die Frauen oft stundenlang in seiner Gewalt gehabt, sie gequält, misshandelt und getötet.”

Unterweger war “ein Manipulator”, hält Geiger fest, “er hat schnell erkannt, wen er manipulieren kann und wen nicht. Bei mir ist ihm das nicht gelungen, daher war er mir gegenüber auf Konfrontationskurs. Er nannte mich in seinem letzten Buch, das er im Gefängnis schrieb, Geifer statt Geiger.” Bis zum Schluss fürchtete der Ermittler, dass Unterweger davonkommt: “Er konnte lügen und hat alle an der Nase herumgeführt. Und er hatte eine große Fürsprecherschar, die ganze österreichische Kulturszene war auf seiner Seite und ein großer Teil der Medien und der Intellektuellen. Außerdem hatte er gute Anwälte.”

“Mordsmann” zeichnet ein vielseitiges Bild, beschäftigt sich mit der Persönlichkeit des Täters, mit den Folgen seines Vorgehens für seine Opfer, deren Familien und seine Geliebten, aber auch mit den Zweifeln der Polizei: “Man dachte, das kann nicht passen”, erzählt Geiger. “Der Unterweger lebt in einer schönen Wohnung, wie im Paradies, er hat jetzt alles. Er ist nach 15 Jahren vorzeitig aus der Haft, die Kulturszene liegt ihm zu Füßen, die Medien beachten ihn, er spielt Theater, er macht Lesungen und hat jede Menge von Frauen, eine Unternehmergattin kommt sogar für seinen Unterhalt auf, zahlt ihm die Wohnung und kauft ihm einen Mustang. Warum sollte das ein Mörder sein? Das schien absurd.”

Die Beamten hatte lange nur Indizien, auch das wird in dem Roman behandelt. “Die Kriminaltechnik war damals in Österreich noch auf einem Niveau, auf dem wir den Fall nicht lösen hätten können”, gesteht Geiger. In der Schweiz und in den USA erhielt man in Sachen DNA-Analysen und Forensik Hilfe. In “Mordsmann” erfährt man, wann und wie die Kriminalisten schließlich die Ermittlungen auf Unterweger fokussieren konnten.

Es war Geigers größer Fall. Dieser habe ihn immer wieder beschäftigt, auch nach dem Urteil und dem Suizid Unterwegers in der Zelle kurz danach. Das Schreiben des Romans sei “eine Herausforderung” gewesen, so Geiger, der allerdings im selben Atemzug hinzufügt: “Ich habe doch den besten Gesamtüberblick gehabt. Mir war es wichtig, als Zeitzeuge ein Gesamtdarstellung abzuliefern.” Damit soll sich seine Arbeit etwa vom Film “Jack” (2015) von Elisabeth Scharang unterscheiden, den Geiger als “romantische Verklärung” bezeichnet.

“Mordsmann” ist Geigers dritter Roman nach “Heimweg” und “Goldraub” sowie dem Sachbuch “Berggasse 41” über die Wiener Polizei in der Nazizeit – und vielleicht sein letzter: “Meine Frau sagt, ich soll endlich damit aufhören”, schmunzelt er. “Jetzt habe ich einmal genug. Die sechs Jahre seit meiner Pensionierung waren eigentlich sehr arbeitsintensiv.” Bleibt noch die Frage, ob er selbst Krimis lese: “Nein, eigentlich nicht. Ich schau mir auch keinen ‘Tatort’ an.”

Das Gespräch führte Wolfgang Hauptmann/APA

Service: Ernst Geiger, “Mordsmann”, Verlag Edition a, Taschenbuch, 464 Seiten, 21 Euro

Von: apa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz