Ingrid Thurnher steht bis Ende des Jahres an der Spitze des ORF

Ingrid Thurnher zur neuen ORF-Chefin bis Ende 2026 gewählt

Donnerstag, 23. April 2026 | 18:56 Uhr

Von: apa

Ingrid Thurnher ist am Donnerstag zur ORF-Generaldirektorin bis Ende 2026 gewählt worden. Sie kam mit 31 der 35 Stimmen im ORF-Stiftungsrat auf eine breite Mehrheit und war die einzige Person unter den elf Bewerbern, die zu einem Hearing eingeladen war. Sie war die Favoritin, führte sie den ORF doch schon nach dem Rücktritt von Roland Weißmann interimistisch. Nun lenkt Thurnher den ORF für weitere acht Monate. Die ORF-Wahl für die Periode ab 2027 wird auf 11. Juni vorverlegt.

“Ich freue mich sehr, dass das Votum so klar ausgegangen ist”, sagte Thurnher im Anschluss an die Wahl vor Journalisten. Sie wolle nun das Bild vom ORF zurechtrücken und das Vertrauen des Publikums zurückgewinnen, indem sie weiter nach dem Motto “Transparenz mit Konsequenz” vorgehen werde. “Ich spüre, bei schnellen Aktionen kommt auch schnell Gegenwind auf”, hielt Thurnher wohl mit Blick auf die vergangenen Wochen fest. “Nicht alles, was ich tun werde, wird alle freuen”, prognostizierte sie für die kommenden Monate.

Lederer: “Hervorragende Präsentation”

“Es ist uns ein Stein vom Herzen gefallen, dass es gelungen ist, die meisten an Bord zu holen”, hielt Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer zum deutlichen Ergebnis für Thurnher fest. Sie habe eine “wirklich hervorragende Präsentation” abgeliefert, die alles ausgeleuchtet habe, was auf den ORF zukommt.

Lediglich die beiden von der FPÖ in den Stiftungsrat entsandten Räte Peter Westenthaler und Christoph Urtz sowie der vom Land Steiermark entsandte Rat Thomas Prantner gaben Thurnher nicht ihre Stimme. Nicht mitgestimmt hat Alexander Zach. Neu war, dass aufgrund einer Gesetzesnovelle jeder der Stiftungsräte vor der Stimmabgabe eine Kurzbegründung zu seiner Wahl abgeben musste.

Thurnhers 40-jährige ORF-Karriere

Thurnher war schon vor ihrer Wahl eine der bekanntesten Persönlichkeiten des öffentlich-rechtlichen Medienhauses. Die 63-jährige gebürtige Vorarlbergerin ließ in ihrer 40-jährigen Karriere kaum eine Station im ORF aus. Ihr Weg führte sie von der Innenpolitikredaktion im Radio über Moderationen in der “ZiB”, “ZiB2” sowie “Im Zentrum” bis zur Chefredakteurin bei ORF III und schließlich zur Radiodirektorin. Vor über einem Monat übernahm sie die interimistische Führung der ORF-Geschäfte. Die Ausschreibung für die eigentliche nächste fünfjährige ORF-Generaldirektorenperiode ab 2027 erfolgt in rund einer Woche. Ob sich Thurnher bewirbt, ist offen. Am Donnerstag wollte sie sich dazu nicht äußern.

Nächste ORF-Wahl zwei Monate früher

Fixiert wurde in der Sitzung, dass die nächste ORF-Wahl um zwei Monate auf den 11. Juni vorverlegt wird. Dafür hatten sich im Vorfeld bereits Räte aus dem ÖVP-“Freundeskreis” und der FPÖ nahestehende Räte ausgesprochen. Der stv. ORF-Stiftungsratsvorsitzende Gregor Schütze erklärte am Donnerstag, dass man rasch wissen wolle, “wohin das Schiff ORF fährt”.

Ebenjene gegenwärtigen Turbulenzen am Küniglberg waren vor der Wahl Thurnhers Thema in der Stiftungsratssitzung, die in Summe deutlich über acht Stunden dauerte. Bekanntermaßen kam ein Compliance-Bericht zum Schluss, dass der Ex-ORF-Chef Roland Weißmann jene Frau, die ihm Fehlverhalten ihr gegenüber vorwirft, nicht sexuell belästigt habe. Der an der Untersuchung beteiligte Anwalt Christopher Schrank erklärte vor geraumer Zeit, dass sich der Eindruck ergeben habe, dass der Austausch für keine der beiden Seiten unerwünscht gewesen sei. Die betroffene ORF-Mitarbeiterin sieht das entschieden anders.

Weißmann wurde dennoch gekündigt. Argumentiert wurde, dass leitende Mitarbeiter auch nicht den Anschein eines unrechtmäßigen Verhaltens setzen dürften. “Ich bin wirklich entsetzt, welche Obszönitäten und Unfassbarkeiten einer Mitarbeiterin des ORF angetan wurden”, sagte Stiftungsratsvorsitzender Heinz Lederer direkt vor der Sitzung. Es könne nicht sein, dass ein Mann, der ein solches Verhalten an den Tag lege, nun definieren wolle, was eine Frau als einvernehmlich empfinde und was nicht.

“Schlacht der Rechtsanwälte”

Westenthaler berichtete von einer “Schlacht der Rechtsanwälte” in der Sitzung. Der Vortrag der Compliance-Abteilung sei “sehr umfassend und nachvollziehbar” gewesen. Im Bericht stehe wohl mehr als gegenwärtig der Öffentlichkeit bekannt.

Eine deutliche Mehrheit der Stiftungsräte beantragte in der Sitzung, dass Thurnher den Compliance-Bericht, aber auch diverse Berichte früherer Untersuchungen – darunter jene zu ORF III-Programmgeschäftsführer Peter Schöber, dem verbale Entgleisungen, Mobbing und Interventionen vorgeworfen wurden, und den früheren ORF-NÖ-Landesdirektor Robert Ziegler, der laut Vorwürfen professionelle Distanz zu ÖVP-Politikern vermissen ließ – vorlegen möge. Auch forderten sie Aufklärung rund um die Pensionsansprüche von Pius Strobl und die dazu einst in Auftrag gegebenen Gutachten.

Einsicht in Untersuchungsberichte

Laut Westenthaler wurde zugesichert, den Stiftungsräten die Berichte zur Einsicht aufzulegen. Eine diesbezügliche juristische Prüfung sei in der Sitzung erfolgt. Westenthaler zeigte sich sicher, dass die Linie, wonach leitende Mitarbeiter im ORF neuerdings gekündigt werden, wenn auch nur der Anschein unangemessenen Verhaltens vorliege, sich durchsetzen werde.

Lederer bestätigte, dass die ORF-Stiftungsräte nach “guter Vorbereitung” Dokumente einsehen werden können. Die Berichte werden aber nicht verschickt, betonte er. Thurnher betonte diesbezüglich, dass ihr Zeugenschutz “ganz wichtig” sei. “Die Vertraulichkeit bleibt gewahrt”, versicherte sie.

In der Sitzung wurden auch mutmaßliche Unvereinbarkeiten mehrerer Stiftungsräte thematisiert – darunter auch Tätigkeiten des Vorsitzenden Lederer. Er sagte vor Journalisten, dass er nach bestem Wissen und Gewissen agiert habe und keine Interessenskonflikte vorlägen. Das habe er auch immer wieder klargestellt. Mit den ORF-Redaktionsräten, die ihm als auch weiteren drei Stiftungsräten kürzlich das Misstrauen aussprachen, will er noch ein Gespräch führen.

Aufregung um Prantner

Der ORF-Redaktionsrat sprach auch dem vom Land Steiermark ins oberste ORF-Gremium entsandten Stiftungsrat Thomas Prantner das Misstrauen aus. Der “Standard” zitierte am Mittwoch aus diversen Dokumenten wie E-Mails und Notizen Prantners, die Ränke- und Machtspiele im ORF sowie Politeinfluss belegen sollen. Prantner war einst u.a. ORF-Onlinechef und bewarb sich 2021 um die ORF-Führung, blieb aber ohne Stimmen. Er soll speziell zur FPÖ gute Kontakte gepflegt und sich auch Personalwünschen und Interventionen der Partei angenommen haben.

Am Donnerstag reagierte der steirische Landeshauptmann Mario Kunasek (FPÖ) auf die jüngsten Berichte. Er kündigte gegenüber der “Kleinen Zeitung” an, ein Gespräch mit Prantner führen zu wollen. Was in den letzten Tagen ans Licht gekommen sei, “ist belastend, auch für den ORF”. Er könne ihn aber per Gesetz nicht abberufen. Ob Prantner im obersten ORF-Gremium vertreten bleibe, müsse er schon selbst entscheiden.

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