Ein Militärpsychiater trifft auf Hitlers rechte Hand, Hermann Göring

“Nürnberg”: Göring und der Psychiater im Duell

Samstag, 02. Mai 2026 | 05:30 Uhr

Von: APA/dpa

Gipfeltreffen zweier Oscar-Preisträger: Russell Crowe wurde 2001 für seine emotionsgeladene Interpretation des Tribuns Maximus Decimus Meridius in “Gladiator”, Rami Malek 2019 als glutvoller Darsteller der Popikone Freddie Mercury in “Bohemian Rhapsody” mit der begehrten Trophäe ausgezeichnet. Fesselnde Kinokunst bieten die beiden nun auch im Historienfilm “Nürnberg”. Ab Donnerstag im Kino.

Russell Crowe verkörpert darin den 1945/46 bei den Nürnberger Prozessen angeklagten Hermann Göring, einen der Kriegsverbrecher des faschistischen Deutschlands der Jahre 1933 bis 1945. Rami Malek hat die Rolle des US-amerikanischen Psychiaters Douglas M. Kelley übernommen, der bei diesen Prozessen des Internationalen Militärgerichtshofs die Angeklagten beurteilen soll.

Verfilmung eines Buchs, das nach “dem Bösen” sucht

Die Ereignisse um die Arbeit des Arztes hat dessen Landsmann Jack El-Hai in dem 2013 veröffentlichten Buch “The Nazi and the Psychiatrist” beleuchtet, ein Jahr später in der Übersetzung von Henriette Heise unter dem Titel “Der Nazi und der Psychiater” auf Deutsch erschienen. Kelley, der auch mit anderen Angeklagten sprach, hoffte darauf, das Böse an sich erkunden zu können. Doch er musste mühsam erkennen, dass es das “Böse an sich” nicht gibt.

Der von dem Sachbuch angeregte Spielfilm verheddert sich, so wie vor 80 Jahren wohl schon der wirkliche Douglas M. Kelley, zwischen Abscheu und Faszination. Das große Können der beiden Protagonisten erweist sich dabei als Problem. Ihre schier übermächtige Präsenz lässt die Verbrechen der Nationalsozialisten in den Hintergrund geraten. Eine weitreichende Auseinandersetzung mit dem Grauen findet nicht statt.

Russell Crowe agiert gegen sein romantisches “Gladiator”-Image

Das ausgefeilte Spiel des Hauptdarstellerduos und die punktgenau auf Psychothrill setzende Handlung drängt die Millionen Opfer der NS-Diktatur aus dem Fokus. Zwar zeigen historische Dokumentaraufnahmen in einem Schlüsselmoment zahllose Leichenberge bei der Befreiung von Konzentrationslagern. Damit wird die ungeheuerliche Dimension des industriellen Massenmords der Nazis wenigstens ein Mal deutlich benannt.

Dank Rami Maleks Charisma belauert man lange Zeit gemeinsam mit dem von ihm gespielten Kelley dessen Gegenüber Hermann Göring. Russell Crowe zeigt ihn vielschichtig und agiert damit deutlich gegen sein romantisches “Gladiator”-Image. Dennoch dürfte es vielen Zuschauerinnen und Zuschauern schwerfallen, die im Bann des überbordenden Heldenbilderbogens für ihn aufgebauten Sympathien jetzt abzulegen.

So klug und spürbar engagiert Russell Crowe auch auftritt: Man glaubt ihm den perfiden Massenmörder nicht. Der Ruhm, den sich der beliebte Hollywoodstar als Freiheitskämpfer im alten Rom erarbeitet hat, steht dem Schauspieler beim Versuch der authentisch anmutenden Darstellung eines widerlichen Menschenschinders und Mörders im Weg. Hier zeigt sich deutlich, was das geflügelte Wort vom “Fluch des Erfolgs” bedeutet. Wo Crowe ist, ist immer auch Glamour. Und der stört hier.

Ein Regisseur mit Gespür für Effekte

Für den jetzt 50-jährigen Drehbuchautor und Regisseur James Vanderbilt ist dies nach “Der Moment der Wahrheit” (2015) erst der zweite abendfüllende Spielfilm, den er auch selbst inszeniert hat. Bekannt wurde der US-Amerikaner zuvor als Autor von erfolgreichen Blockbustern wie “The Amazing Spider-Man” (2012), der zwei Jahre später herausgekommenen Fortsetzung “The Amazing Spider-Man 2: Rise of Electro” und “Murder Mystery” (2019). Der Mann hat ein Gespür für Effekte.

Genau damit dürfte er nun Leute, die sich bisher kaum oder gar nicht mit dem Terror des Nationalsozialismus auseinandergesetzt haben, an das Thema heranführen können. Es ist absolut legitim, hierzu auf die Zugkraft von beliebten Akteuren wie Russell Crowe und Rami Malek zu setzen. Etwas weniger Spannungsmache im Stil routinierter Psychothriller und dafür mehr Eintauchen in politische Zusammenhänge hätte dem Film allerdings zu größerer gedanklicher Tiefe und somit zu einer nachhaltigeren Wirkung verhelfen können.

(Von Peter Claus/dpa)

(S E R V I C E – www.polyfilm.at/film/nuernberg )

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