Anna Hints freut sich im Dezember über den Europäischen Filmpreis

Regisseurin Hints: “Eine Künstlerin muss Risiken eingehen”

Donnerstag, 11. Januar 2024 | 10:28 Uhr

Es ist ein erstaunlicher Erfolgslauf, den die estnische Regisseurin Anna Hints mit ihrem Dokumentarfilm “Smoke Sauna Sisterhood” derzeit hinlegt. Das Werk, in dem die 40-jährige Filmemacherin Frauen im Rahmen einer Rauchsauna über die verschiedenen Aspekte des Frauseins in unserer Zeit sprechen lässt, wurde beim Sundance Festival, beim Europäischen Filmpreis als auch bei der Viennale mit dem Fipresci-Preis ausgezeichnet. Am Freitag läuft das Werk in den heimischen Kinos an.

Aus diesem Anlass sprach Anna Hints mit der APA über die Sauna als Safe Space des Ausdrucks, wortkarge Männer und die Frage, wie man einen Kameramann bei 90 Grad am Leben hält.

APA: Man könnte “Smoke Sauna Sisterhood” als ein Porträt des Frauseins in unserer Zeit verstehen. War das Ihr Ziel bei der Konzeption?

Anna Hints: Ich bin zu Beginn eher von dem konkreten Raum der Rauchsauna ausgegangen. Ich komme ja ursprünglich von der Bildenden Kunst. Insofern fasziniert mich die Frage des Raumes auch im Film. Wie kann man Geräusche, Gerüche, Atmosphäre wirklich gut übertragen?

APA: Die Rauchsauna als Spielfläche spielt ja tatsächlich eine zentrale Rolle im Film. Stellt dieses Setting in Ihren Augen primär einen Safe Space für ihre Protagonistinnen dar oder ist er eher eine Bühne für Katharsis?

Hints: Eigentlich ist die Rauchsauna beides. Für mich persönlich ist die Rauchsauna ein Schutzraum. Und mein Ziel bei meinem Film war, diese Empfindung in den Kinoraum zu transponieren. Das Publikum soll sich im dunklen Kinosaal ähnlich fühlen – und von den Reaktionen des Publikums her zu urteilen funktioniert das. Ich habe schon viele Menschen getroffen, die den Film mehr als sechs Mal gesehen haben, weil er in ihnen etwas auslöst!

APA: Wenden sich dabei eher Frauen oder Männer an Sie?

Hints: Ich bekomme tatsächlich mehr Feedback von Zuschauerinnen, aber durchaus auch von Männer. Die verwenden dann allerdings meist weniger Worte. Von Frauen bekomme ich teils lange persönliche Briefe, während die Männer kommen und sagen: “Der hat mich berührt. Danke.” (lacht) Aber es haben mich tatsächlich schon Männer gefragt, ob ich nicht den Film “Smoke Sauna Brotherhood” drehen könnte. Das zeigt mir schon, dass es ein tiefes Bedürfnis nach diesen sicheren Räumen gibt, das jenseits von Geschlechtern existiert.

APA: Sie erfüllen also gleichsam die Rolle einer Therapeutin für viele…

Hints: So würde ich mich natürlich nicht nennen, aber ich glaube schon, dass Kunst das Potenzial der Heilung hat. Und ich merke an “Smoke Sauna Sisterhood”, dass ein abgedrehter Film nicht etwas Abgeschlossenes sein muss, was ja viele glauben. Jedes Mal, wenn er gezeigt wird, ist er anders. Er wird letztlich immer neu im Kontakt mit einem neuen Publikum geboren. Für mich ist die Verbindung zwischen Theater als Medium des Augenblicks und Film mittlerweile sehr deutlich.

APA: Das bedeutet, der Impetus, Frauen eine Stimme zu geben, war durchaus entscheidend für Sie in der Konzeption?

Hints: Ich war vor der Planung in einem Schweigekloster, wo ich 26 Tage lang nicht sprechen durfte. Und dort habe ich die Erfahrung gemacht, dass man, wenn man still sein muss, sich der inneren Stimmen bewusst wird. Ich habe damals begonnen zu sortieren, zu wem diese einzelnen Stimmen in meinem Kopf gehören und ob meine eigene Stimme überhaupt existiert oder schlicht der Chor aus diesen anderen Stimmen ist. Und ich hatte in diesem Prozess die Vision, Frauen ihre Stimme zu geben. Was bedeutet es, in den Frauenkörper geboren zu sein?

APA: Wollten Sie bestimmte Themen im Film haben und haben Ihre Protagonistinnen entsprechend ausgesucht oder war der Prozess umgekehrt?

Hints: Am Beginn stand meine eigene Schwesternschaft, also mein Freundinnenkreis. Wir haben damals festgestellt, dass wir in diesem Setting Geschichten miteinander teilten, die wir vorher noch nie erzählt hatten. Und dann hat das Ganze Fahrt aufgenommen, und auch andere Frauen haben mich kontaktiert.

APA: Mit wenigen Ausnahmen zeigen Sie nie die Gesichter der Frauen, die ihre Geschichte erzählen. War das eine dramaturgische Entscheidung oder der Wunsch Ihrer Protagonistinnen?

Hints: Beides. Ich habe den Frauen diese Option gelassen, weil Estland sehr klein ist. Viele hatten Angst, dass sie erkannt würden, wollten aber ihre Geschichten teilen. Die Geldgeber waren allerdings sehr skeptisch, da man im Dokumentarfilm sonst ja primär auf sprechende Köpfe setzt. Ich habe das verstanden, weil das Ganze auf dem Papier vielleicht keinen Sinn macht – auf der Leinwand aber schon! Dadurch wird auch eine gewisse Universalität möglich. Das Schräge war dann, dass im zweiten Jahr Kadi Kivilo an Bord kam – und dezidiert mit ihrem Gesicht zu sehen sein wollte. Und schon war ich in einem Dilemma, hatte ich doch mittlerweile einen Film ohne Gesichter im Kopf! (lacht) Aber ich habe dann festgestellt, dass Kadi eine brillante Zuhörerin ist, was den Zuschauern gleichsam einen Anknüpfungspunkt auf der Leinwand gibt.

APA: Sie zeigen dabei nackte Körper, ohne dass diese sexualisiert sind. Wie schafft man es als Filmemacherin, den “männlichen Blick” zu vermeiden?

Hints: Ich bin ja ausgebildete Fotografin und interessiere mich deshalb immer sehr für das Bild beim Film. Die Kamera ist ja nie objektiv, egal was jemand behauptet. Und so haben mein Kameramann Ants Tammik und ich mit meinem Körper in der Rauchsauna Testaufnahmen gemacht, um unseren visuellen Schlüssel zu finden, mit dem ich und dann auch die anderen Frauen sich sicher fühlen können.

APA: Und dieser Blick wird vom Publikum weltweit auch so verstanden?

Hints: Nicht immer. Nach einer Vorführung kam einmal eine ältere Dame auf mich zu und meinte: “Der Film ist wirklich nicht sexualisiert, weil die Körper ja so hässlich sind.” (lacht) Was für eine sexualisierte Aussage! Ich wollte mich zuerst aufregen, habe mir dann aber gedacht: Was für eine großartige Gelegenheit für ein Gespräch! Letztlich ist dieser Satz ja ein Symbol dafür, wie so viele von uns auf ihren eigenen oder allgemein den Frauenkörper blicken und diese bewertende Sicht internalisiert haben. Wir müssen unsere eigenen Körperbilder von der Gesellschaft wieder zurückgewinnen!

APA: Noch eine ganz praktische Frage: Wie haben Sie dafür gesorgt, dass Ihr Kameramann den Dreh überlebt? Immerhin musste er stundenlang bei 90 Grad eine Kamera bewegen…

Hints: Die Grundregel war, dass jeder und jede aus der Sauna gehen kann, wenn nötig. Ants hatte stets nasse Kleidung an und die Kamera war in Eis eingepackt. Insofern gab es eigentlich nur einen gefährlichen Moment. Einmal haben Ants und ich vor dem eigentlichen Dreh den Rauch in der Sauna gefilmt und ganz verzückt auf die schönen Bilder am Bildschirm geblickt, und draufgeschaut, weiter draufgeschaut und weiter draufgeschaut. Und irgendwann habe ich realisiert: Wir müssen hier raus! Wir haben draußen dann kotzen müssen vor Sauerstoffmangel. Wir haben unsere Lektion gelernt. (lacht)

APA: “Smoke Sauna Sisterhood” ist ein sehr persönliches Projekt. Was kann nach solch einem Werk für Sie als nächstes kommen?

Hints: Ich möchte definitiv weiterhin als Regisseurin arbeiten. Das Medium Film passt einfach zu mir. Ich liebe die Arbeitsweise im Kollektiv, während ich mich in der Bildenden Kunst immer alleine gefühlt habe. Ich muss mich jetzt nur darum kümmern, wie ich die Zeit finde, auf meine inneren Stimmen wieder zu hören im momentanen Strudel rund um “Smoke Sauna Sisterhood”. Man muss sich immer erst einmal leer machen, um etwas Neues entstehen zu lassen. Was auch immer es sein wird, muss es gewissermaßen aus mir heraus wachsen. Ich könnte mir nicht vorstellen, etwas zu drehen, dass nicht persönlich mit mir verbunden ist. Insofern möchte ich mich nicht dem Druck von außen unterwerfen, der in Richtung “größer, teurer, schneller” geht. Ich muss meinen eigenen Pfad finden, den ich als nächstes beschreiten möchte – auch auf die Gefahr hin, damit zu scheitern. Als Künstlerin muss man Risiken eingehen.

(Das Gespräch führte Martin Fichter-Wöß/APA)

Von: apa

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