Amanda Jovanovic überträgt San Marinos Beitrag in ihre eigene Sprache

Sign Performances: Die ESC-Songs sichtbar machen

Mittwoch, 22. April 2026 | 10:57 Uhr

Von: apa

“Wir kleben nicht an den Wörtern, sondern wir machen aus der Geschichte des Songs eine visuelle Story, die wir dann in einer Gebärden-Performance zeigen”, skizziert Alice Hu Xiaoshu ihre Kunstform. Im Rahmen des 70. Eurovision Song Contests werden diese Woche 35 sogenannte Sign Performances für alle ESC-Acts produziert. Diese wurden beim Wiener ESC 2015 eingeführt, und in Österreich will man auch weiterhin Vorreiter in Sachen Inklusion und Barrierefreiheit sein.

Sechs gehörlose Performer und Performerinnen interpretieren die ESC-Lieder und kreieren in Zusammenarbeit mit Coaches eine Performance für das ebenfalls gehörlose Publikum. Diese Interpretationen werden für alle 35 ESC-Acts bei den Halbfinalshows und beim Finale auf ORF 2 Europe sowie auf ORF ON ausgestrahlt.

Zwei der Performerinnen, Alice Hu Xiaoshu und Amanda Jovanovic, waren am Dienstag im ORF-Zentrum am Küniglberg, um ihre Performances aufzunehmen. Im Gespräch mit der APA bestätigt Alice Hu, dass Sign Performance eine eigene Kunstform sei: “Sie folgt der Gehörlosenkultur und unserer Muttersprache, der Gebärdensprache. Da geht es darum, Musik, Poesie, visuelle Anteile und Sprache 3-D visuell darzustellen. Es soll für die gehörlose Community so sein, dass sie den Song hört, also nicht nur den Text, sondern den gesamten Song visuell nachvollziehen kann.”

“Sign Performance ist viel freier”

Das klassische Gebärdendolmetschen basiert auf der worttreuen Übertragung des Gesprochenen in Gebärdensprache – die Sign Performance geht darüber weit hinaus. Die Performerin Jovanovic betont den Unterschied zwischen ihrer Arbeit und dem klassischen Dolmetschen: “Dolmetscher übersetzen Sprache, das heißt was gehört wird, Wort für Wort in Gebärdensprache. Sign Performance ist viel freier.” Das Ziel sei, dem gehörlosen Publikum zu ermöglichen, den Song als Ganzes zu erfassen.

Bei einem Casting im Jänner wurden die Künstlerinnen und Künstler von einer Fachjury ausgewählt. Die Erarbeitung der Performances begann mit der Zuteilung der jeweiligen Acts. Alice Hu meint: “Wir müssen natürlich auch als Künstler und Künstlerinnen schauen, ob der Stil des Songs, ob Rock oder Pop oder eher eine Ballade, zu uns passt und wir uns gut anpassen können.” Der Text sei das Wichtigste bei der Entwicklung der Performances, aber ebenso werden andere Elemente in die Performances miteinbezogen: “Wir schauen uns auch das Musikvideo an: Wie bewegt sich der Sänger oder die Sängerin auf der Bühne? Welche visuellen Signale gibt es? Was sind die Ziele, die in der Musik verfolgt werden? Wir entwickeln eine Geschichte, und unsere Geschichten haben wir mit den anderen Performerinnen und Performern besprochen.” Alice Hu ergänzt: “Das ist natürlich ein herausfordernder Prozess, mit einem großen Anteil an Recherchearbeit. Da brauche ich Unterstützung. Die Performance muss auch vom Rhythmus genau mit dem Song zusammenpassen. Wichtig ist: Wir machen nicht LBG, also lautsprachbegleitendes Gebärden. Wir kleben nicht an den Wörtern, sondern wir machen aus der Geschichte des Songs eine visuelle Geschichte.”

“Wir sind Augenmenschen”

Neben den nationalen Gebärdensprachen wie der Österreichischen Gebärdensprache (ÖGS) gibt es auch die International Sign – obgleich auch diese in ihrer Arbeit keine Rolle spiele, wie Jovanovic betont: “Es gibt weltweit viele Gebärdensprachen, die beeinflussen uns eigentlich nicht, weil das Ziel ist nicht, einen Song in Gebärdensprache zu präsentieren, es ist auch keine internationale Gebärde, sondern eine sehr bildhafte Sprache, eine visuelle Form, sodass wir möglichst weltweit verstanden werden.”

ESC-Acts sind häufig in den unterschiedlichen Nationalsprachen gehalten, die visuelle Umsetzung ermöglicht das Verständnis des Songinhalts, auch ohne die Landessprache zu beherrschen. Die Wahlwienerin Alice Hu unterstreicht diesen Vorteil: “Hörende verstehen ja oft den Text nicht, aber durch die Visualität können Gehörlose trotzdem den Inhalt erfassen, obwohl die Songs in den unterschiedlichen Landessprachen sind.”

Doch wie können gehörlose Performerinnen Musik für ihre Arbeit überhaupt erspüren? Projektleiterin Judith Weißenböck beschreibt, wie die Performerinnen und Performer während der Produktion unterstützt wurden: “Während der Aufzeichnung der Performances stehen Jovanovic und Xiaoshu auf einer Plattform, die den Rhythmus des Songs durch Vibrationen spürbar macht.” Um Musik zu erleben, spielen für gehörlose Menschen Vibrationen und visuelle Eindrücke eine wichtige Rolle. Alice Hu: “Viele Gehörlose gehen ja auch gern zu Konzerten oder in Discos und spüren die Musik über die Vibrationen. Es ist natürlich auch der visuelle Eindruck, den man von den Lichtern und dem Geschehen auf der Bühne hat.” Laut Jovanovic seien sie Augenmenschen, es sei alles spannend, was visuell wahrnehmbar ist.

Beitrag zur Barrierefreiheit

Das umfassende ESC-Inklusionskonzept beinhaltet für das Finale und beide Halbfinalshows Untertitelung, Audiodeskription, ÖGS-Dolmetschung und eben die Sign Performances. Alice Hu meint, dass ihre Performances einen wichtigen Beitrag zur Barrierefreiheit darstellen würden: “Wenn es keine Sign Performances gibt, werden gehörlose Menschen an den Rand gedrängt und diskriminiert. Das Angebot folgt auch der UN-Behindertenkonvention.”

Die Aufnahmen werden allen Sendern der Teilnehmerländer kostenfrei zur Verfügung gestellt. “Es freuen sich alle Medienanstalten, dass es das gibt”, beschreibt Michael Krön, Executive Producer des ESC, gegenüber der APA den ESC als inklusives Projekt: “Der ganze ESC ist Inklusion von seiner Idee her. Er soll alle Menschen, die es in Europa gibt, zusammenbringen, schon seit seiner Gründung, und man schafft das immer besser. Inklusion ist selbstverständlich wahnsinnig wichtig, aber nicht nur beim ESC, sondern generell.”

(Das Gespräch führte Lili Androsch/APA)

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