"Demenz-Patienten werden oft falsch oder gar nicht behandelt"

Demenz-Patienten: Gefährliche Gabe von Beruhigungsmitteln

Dienstag, 13. November 2018 | 07:58 Uhr

Demenzerkrankungen führen zum Verlust von geistigen Funktionen wie Denken, Sprache, Urteilsfähigkeit und Orientierung. Das Wesen der Betroffenen verändert sich schrittweise stark: So beschimpft die an Demenz erkrankte Oma ihre Familie wüst. Der Opa, der an Demenz erkrankt ist, streift unruhig durch die Wohnung und verlässt diese, wenn sie nicht verschlossen ist. Angehörige leiden oftmals stark unter der Situation und wissen nicht, wie lange sie all das noch ertragen können.

Keine Beleidigungen mehr, keine schlaflosen Nächte – dies versprechen Beruhigungsmittel. Pflegerinnen, Pfleger und Angehörige von Demenz-Patienten locken die Versprechen von Benzodiazepinen, sogenannten Beruhigungsmitteln.

Viel zu oft werden Menschen mit Demenz einem Bericht der Techniker Krankenkasse (TK) zufolge falsch oder gar nicht behandelt – mit Beruhigungsmitteln statt adäquaten Medikamenten. Der Verdacht liege nahe, dass Patienten einfach ruhiggestellt würden.

Die Kasse spricht von einer “flächendeckenden Fehlversorgung”. Wie aus ihrem Innovationsreport hervorgeht, wird jeder vierte Patient mit einer Alzheimer-Demenz mit Beruhigungsmitteln statt mit Medikamenten gegen seine Demenz behandelt. Jeder zweite bleibe zudem unbehandelt.

Nur 14 Prozent der an Alzheimer erkrankten Patienten erhalten demnach einen Arzneistoff zur Behandlung ihrer Krankheit, ein sogenanntes Antidementivum. Neun Prozent werden mit einem Antidementivum und zusätzlich mit Beruhigungsmitteln behandelt, wie aus der Untersuchung von Experten der Universität Bremen hervorgeht.

Nun kommt ans Tageslicht: Viel zu leichtfertig werden Demenz-Patienten solch starke Beruhigungsmittel verabreicht. Dabei häufen sich die Erkenntnisse über schwere Nebenwirkungen, die alles noch viel schlimmer machen können.

Finnische Forscher berichten davon, wie verheerend die Gabe von Benzodiazepinen sein kann, einem gängigen Beruhigungsmittel. Die untersuchten Demenz-Patienten hatten ein um 43 Prozent erhöhtes Risiko, eine Hüftfraktur zu erleiden. Und nicht nur das: Sie liefen auch größere Gefahr, im Anschluss an die Fraktur mehr als vier Monate in der Klinik verbringen zu müssen.

Ein großes Problem in Folge der Gabe von Benzodiazepinen ist, dass die Demenz-Patienten nicht sagen können, ob ihnen etwas weh tut oder ob sie sich verletzt haben.

Schon seit Jahren warnen Experten vor dem leichtfertigen Einsatz von Benzodiazepinen und das zu Recht, denn für Menschen mit milden kognitiven Einschränkungen erhöhen sie sogar das Risiko einer Demenz. Demenz-Patienten können noch mehr ihrer ohnehin eingeschränkten kognitiven Fähigkeiten einbüßen, wenn sie die Medikamente einnehmen. Bei manchen der Patienten treten sogar sogenannte paradoxe Reaktionen auf: Nach Einnahme der Benzodiazepine nimmt ihre Unruhe noch weiter zu!

Die Situation ist besorgniserregend: Laut einer Auswertung des Wissenschaftlichen Instituts der AOK nehmen mehr als zehn Prozent der Demenz-Patienten in Deutschland diese Beruhigungspillen ein und werden nicht nach ihrem Einverständnis gefragt. Das sind sage und schreibe 150.000 Betroffene. Dabei empfehlen Spezialisten seit Jahren, Benzodiazepine ausschließlich im Notfall und allenfalls nur kurzfristig einzusetzen. Sozusagen als letzten Strohhalm, wenn Ärzte nicht mehr weiterwissen. Erschwerend kommt hinzu, dass Patienten davon abhängig werden können und an Nebenwirkungen leiden.

Klar ist, dass es allein nicht zu schaffen ist. Stundenlanges Umherlaufen – auch in der Nacht, Misstrauen, zunehmende Hilflosigkeit: Die Diagnose Alzheimer stellt Betroffene als auch Angehörige auf eine harte Belastungsprobe. Das Pflegesystem ist nicht ausreichend gerüstet, Pfleger/innen gibt es viel zu wenige. An allen Ecken wird gespart – auf Kosten der Betroffenen und der gesamten Gesellschaft; Familien und Pfleger/innen müssen zur Selbsthilfe greifen und dabei geht einiges schief.

Schätzungsweise neunzig Prozent aller Demenz-Patienten werden im Verlauf der Erkrankung aggressiv, unruhig oder leiden unter Wahnvorstellungen. Bei ihnen sollten Ärzte und Pflegepersonal zunächst nach Ursachen der Unruhe oder der Aggressionen suchen. Hinsehen, anstatt Beruhigungspillen zu verabreichen. Viele schwer demente Menschen können sich nämlich kaum noch artikulieren. Sie können nicht sagen, ob ihnen etwas wehtut. Ob sie sich verletzt haben. Ob sie auf die Toilette müssen.

Pflegerinnen und Pfleger bitten Ärzte und Ärztinnen oft um die Verschreibung von Beruhigungsmitteln für Demenz-Patienten. Ein Grund hierfür ist sicher, dass Pflegerinnen und Pfleger überlastet sind und es zu wenig Personal gibt. Personen, die den ganzen Tag im Rollstuhl sitzen und geistig weggetreten sind oder im Bett schlafen, sind leichter zu pflegen, wenn die Zeit sehr knapp bemessen ist. Hier besteht Handlungsbedarf.

Äußerst wichtig wäre auch, dass das Pflegepersonal bezüglich Demenzerkrankungen und der Kommunikation mit Demenz-Patienten geschult ist:

Eine langfristige Einnahme von Benzodiazepinen birgt das Risiko folgender Nebenwirkungen:

Müdigkeit und Schwäche
Kopfschmerzen
Schwindel
Verwirrung
Gleichgewichtsstörungen (besonders bei älteren Menschen)
Sprachstörungen
Sehstörungen, Doppelbilder
Übelkeit
Verstopfung

Benzodiazepine beeinträchtigen zudem die Fähigkeit, neue Informationen aufzunehmen. Die kognitive Leistung nimmt ab, der Person fällt es schwer, sich zu konzentrieren, Probleme zu lösen, Ideen miteinander zu verknüpfen.

Nach längerer Einnahme und plötzlichem Absetzen können sich Entzugssymptome manifestieren. Dazu zählen beispielsweise Schlafstörungen und vermehrtes Träumen, Angst, Anspannung, Erregung, innere Unruhe, Zittern und Schwitzen.

Mehr als die Hälfte aller Pflegeheimbewohnerinnen und -bewohner mit Demenz leidet an Schmerzen, das ergab eine Studie der Charité in Berlin. Erschwerend kommt hinzu, dass sich Demenz-Patienten nicht artikulieren können und man ihre non-verbalen Botschaften entziffern muss. Das sollten Mediziner und Pfleger unbedingt wissen – damit es den Patienten nicht ergeht, wie jenem demenzkranken Mann, der einst in einem Pflegeheim sieben Tage mit einem gebrochenen Bein herumlief. Er war unruhig, verweigerte jede Nahrung, schrie den ganzen Tag. Beruhigungspillen hätten dem armen Mann wohl wenig geholfen!

Verbände wie die Deutsche Alzheimergesellschaft beklagen schon seit Längerem einen Rückgang der Alzheimerforschung, die neue Therapien und Medikamente entwickeln soll. Die derzeit verfügbaren Medikamente verlangsamen nur das Fortschreiten der Erkrankung, können sie aber weder aufhalten noch heilen. Dennoch ist die Einnahme von Antidementiva sehr wichtig, um das Fortschreiten der Krankheit zu verlangsamen. Beruhigungspillen lösen das Problem gewiss nicht.

Von: bba

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