Eine langjährige Urlauberin erzählt im Interview, was aus Südtirol geworden ist

“Hau ab! – Selbst die Berge wehren sich”

Samstag, 29. August 2026 | 08:37 Uhr

Von: Sophia Molitor

Bozen – Zum Kräftespiel zwischen Naturschutz und Tourismus im Hochgebirge hat sich auch eine Urlauberin aus Nordrhein-Westfalen geäußert, die seit ihrer Schulzeit regelmäßig ihre Ferien in Südtirol verbringt. Im Interview mit Südtirol News gibt sie einen interessanten, aber auch erschreckenden Einblick in den Wandel, den sie über die Jahrzehnte beobachtet hat.

Auch der Künstler Biancoshock aus Mailand hat sich kürzlich mit diesem Thema auseinandergesetzt und an zwei Stellen auf der Straße zwischen Südtirol und Belluno ein Straßenschild in eine scharfe Botschaft verwandelt (im Bild). Aus „Tornante“, das die kurvenreiche Bergstraße ankündigt, wurde „Tornatene“ – frei übersetzt: „Hau ab!“. Der Künstler hatte eigenen Angaben zufolge das Gefühl, dass bereits die Berge selbst diese Haltung gegenüber dem Massentourismus äußern würden.

Für die deutsche Urlauberin sind die überfüllten Orte inzwischen ein Grund, nur noch in der Nebensaison – Ende April oder im Oktober – nach Südtirol zu kommen.

„Der normale, naturverbundene Wanderer ist für das aktuelle Marketing uninteressant geworden. Das Klientel, das man heute in den Bergen findet, hat sich massiv verändert. Es handelt sich offenbar um Leute, die dauerhaft bespaßt werden müssen – mit E-Bike-Touren, Wellnessprogrammen und Fahrradtouren, um den Sonnenaufgang an den Stoanernen Mandln zu sehen, obwohl man den Weg dorthin auch zu Fuß gehen könnte“, gibt die Urlauberin zu bedenken.

Auch die zunehmende Überlastung des öffentlichen Verkehrs beobachtet sie mit Sorge. „Mein Mann und ich mussten teilweise bereits um 8.00 Uhr in der Früh den Bus von Algund nach Meran nehmen, um überhaupt noch einen Platz zu bekommen. Ansonsten fahren die Busse inzwischen einfach an uns vorbei, ohne anzuhalten, weil so viele Menschen Schlange stehen“, erzählt sie.

Vom ursprünglichen Hof zum Luxusangebot

Besonders deutlich zeigt sich der Wandel für sie in der touristischen Entwicklung vieler Orte. „Schöne Höfe mit einer kleinen Gästekarte sind ein Jahr später zu riesigen Bauten geworden, mit überdimensionalen Spa-Bereichen und Angeboten, die man normalerweise eher in Disneyland erwarten würde. Am Pragser Wildsee muss man heute einen Parkplatz über eine App reservieren, um überhaupt noch dorthin zu gelangen. Auch in St. Magdalena stehen die Busse bis ins Tal. Dort steigen die Leute aus, fotografieren die Geisler und fahren anschließend gleich wieder weiter. Ich kenne St. Magdalena noch wegen des Speckfests.“

Sulden und Trafoi empfindet sie noch als ursprünglich, während sich etwa in Kastelruth der Radtourismus stark verändert habe. „Teilweise muss ich als Wanderin sogar zur Seite springen, wenn die Fahrräder kommen. Die Radwege sind inzwischen besser gepflegt als manche Wanderwege – manchmal hat man sogar das Gefühl, dass der Bikeweg wichtiger ist als der Wanderweg“, beobachtet sie.

Die Urlauberin kritisiert dabei nicht, dass immer mehr Menschen die Schönheit Südtirols entdecken. Vielmehr stellt sie die Frage, ob viele Besucher noch verstehen, was sie dort eigentlich suchen. „Überall verwandeln sich einst schöne, natürliche Höfe in Luxuspaläste, die Menschen, die in Südtirol einfach zur Ruhe kommen möchten, nicht mehr ansprechen.“

Seit wann hat sich der Tourismus verändert?

Spannend wird die Frage, seit wann dieser Wandel deutlich sichtbar geworden ist. Für die Urlauberin könnte die Coronazeit eine entscheidende Rolle gespielt haben.

„Die Coronazeit scheint viele Menschen, die zuvor für einen Luxusurlaub weit verreist sind, an leichter erreichbare Orte gezogen zu haben. Viele sind vielleicht bei Reisezielen wie Südtirol geblieben, weil sie erkannt haben, dass es hier genauso schön sein kann wie an Orten auf der anderen Seite der Welt. Gleichzeitig hat die intensive Zeit zu Hause dazu geführt, dass in den sozialen Netzwerken verstärkt über die Natur als Rückzugsort gesprochen wurde. Das hat offenbar Menschen angezogen, die kein wirkliches Bewusstsein für eine einfache Wanderung haben, bei der das Handy auch einmal in der Tasche bleibt. Vor allem aber hat es Menschen angezogen, die früher ganz andere Urlaube gemacht haben und heute zwar die Schönheit von Orten wie Südtirol erkennen, das Ursprüngliche und Einfache, das diese Orte ausmacht, aber nicht wirklich zu schätzen wissen“, gibt die Urlauberin zu bedenken.

Ihre Beobachtungen zeigen vor allem eines: Südtirol hat sich verändert – und damit auch die Art, wie viele Menschen die Landschaft erleben. Wo früher Ruhe, Natur und das Ursprüngliche im Mittelpunkt standen, sieht sie heute zunehmend Luxusangebote, Inszenierung und touristische Unterhaltung. Es gehe ihr dabei nicht darum, den Tourismus grundsätzlich infrage zu stellen, betont sie. Vielmehr vermisse sie jene Form des Reisens, bei der man in die Natur geht, um Abstand vom Alltag zu gewinnen – und nicht, um das nächste Erlebnis für das Handy festzuhalten.

Bezirk: Bozen

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