Von: som
Paris – Die Psychologie und Wissenschaft liefern überzeugende Gründe für die Anziehungskraft des Strandes. Über den reinen Genuss hinaus ermöglichen Küstenlandschaften unserem überlasteten Gehirn, sich von ständigen geistigen Anforderungen zu erholen. Die rhythmischen Geräusche, der weite Horizont und die sanften Sinneseindrücke bieten eine dringend benötigte Auszeit, die Ruhe und ein gesteigertes Wohlbefinden fördert.
Meeresbiologen wie Dr. Wallace J. Nichols erforschten die positive Wirkung von Wasser auf das Gehirn. Gleichzeitig zeigten Psychologen wie Rachel und Stephen Kaplan mit ihrer „Attention Restoration Theory“, dass insbesondere Gewässer durch ihre sogenannte sanfte Faszination die mentale Regeneration fördern.
Auch der französische Arzt und Pionier der Geburtsmedizin Dr. Michel Odent schrieb in seinem Buch „Wasser und Sexualität“ über die tiefgehende, urtümliche Verbindung zwischen dem Menschen und dem Wasser – von unserer evolutionären Herkunft im Meer bis hin zu intimen menschlichen Erfahrungen.
Ausgangspunkt für Michel Odents Forschungen war seine Arbeit in der Geburtsklinik von Pithiviers, südlich von Paris, wo er beobachtete, dass Frauen während der Wehen instinktiv warmes Wasser aufsuchten. Nach seiner Auffassung reduziert Wasser die Aktivität des Neokortex und aktiviert tief verankerte Reflexe des Stammhirns. Durch den Auftrieb und den Wegfall der Schwerkraft können ursprüngliche, mit Geburt, Fruchtbarkeit und Sexualität verbundene Instinkte leichter zum Ausdruck kommen. Odent sieht darin auch eine Erklärung für die kulturübergreifende Symbolik des Wassers: In Mythen und psychologischen Deutungen gilt das Meer seit jeher als Sinnbild des Unbewussten, der Fruchtbarkeit und des Ursprungs allen Lebens.
Ein zentraler theoretischer Ansatz im Buch ist die Beschäftigung mit der Wasseraffen-Hypothese. Odent greift die Idee auf, dass sich die Vorfahren des Homo sapiens in einer Phase ihrer Evolution an ein Leben an Küsten- und Meeresübergängen angepasst haben. Dies erklärt laut ihm spezifisch menschliche Merkmale, die ihn von anderen Primaten unterscheiden, wie zum Beispiel die relative Haarlosigkeit. Außerdem würde es ebenfalls die instinktive Leichtigkeit und Entspannung erklären, die Menschen im Wasser empfinden und die auch von der Psychologie viele Male aufgegriffen wird.
Wasser als medizinisches und kulturelles Bedürfnis
Die besondere Bedeutung des Wassers zeigt sich heute in zahlreichen wissenschaftlichen Disziplinen. In der Medizin wird es zur Schmerzlinderung bei Geburten und in der Rehabilitation eingesetzt, während Psychologen nachweisen, dass die Nähe zu Seen, Flüssen oder dem Meer Stress reduziert und das Gehirn in einen entspannten Zustand versetzt. Auch die Neurobiologie beschreibt angeborene Reaktionen wie den Tauchreflex oder den Schwimmreflex von Neugeborenen, die auf unsere evolutionäre Verbindung zum Wasser hinweisen.
Die Anziehungskraft des Wassers spiegelt sich auch in unserer Lebensweise wider. Die ältesten Hochkulturen entstanden an Flüssen und Küsten, und bis heute zählen Immobilien mit Wasserblick weltweit zu den begehrtesten und teuersten Lagen. Für viele Wissenschaftler ist dies ein Hinweis darauf, dass Wasser nicht nur eine lebenswichtige Ressource, sondern ein tief im Menschen verankertes biologisches und kulturelles Bedürfnis ist.
Diese Erkenntnisse legen nahe, dass das Konzept der Ökologie über den reinen Naturschutz hinausgeht. Es versteht den Menschen als Teil eines größeren Zusammenhangs, in dem Natur, Körper, Psyche und Geist untrennbar miteinander verbunden sind. Der Umgang mit der Natur könnte oft auch den Umgang mit uns selbst widerspiegeln.
Ein fehlendes Bewusstsein für Körper, Psyche und Geist kann ebenso zu einem Verlust innerer Balance führen wie ein fehlendes Bewusstsein für die natürlichen Kreisläufe unserer Umwelt.




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