AFI Tagung befasst sich mit digitalen Themen

Big Brother am Arbeitsplatz?

Mittwoch, 23. Mai 2018 | 12:34 Uhr

Bozen – Eine Reihe von neuen Technologien, die auf der Grundlage der digitalen und vernetzten Datenverarbeitung entstehen, revolutioniert die industrielle Produktion, jeden Wirtschaftsbereich und fast jede soziale Tätigkeit. Das AFI | Arbeitsförderungsinstitut untersucht, was die große „digitale Transformation“ der Gesellschaft für die Arbeitswelt bedeutet. „Zwischen Chancen und Gefahren besteht die Herausforderung darin, den digitalen Wandel in eine menschengerechte Richtung zu lenken“, mahnt AFI-Präsidentin Christine Pichler.

„Arbeit 4.0“ ist das Jahresthema des AFI | Arbeitsförderungsinstituts. „Mit der heutigen Tagung wollen wir die digitalen Technologien genauer kennenlernen und ganz aktuell verstehen, welche Folgen der gigantische Datenfluss des digitalen Zeitalters auf unsere Persönlichkeitsrechte hat und wie wir uns gegen einen möglichen Big Brother am Arbeitsplatz schützen können“, betonen die Veranstalter.

Einführend betont Prof. Mirco Tonin von der Freien Universität Bozen, dass „die Auswirkungen der digitalen Transformation auf die Arbeitswelt zu gleichen Teilen ein technologisches wie ein sozialwissenschaftliches Thema sind. Daraus ergibt sich die Relevanz für eine Universität, die diese beiden Aspekte sowohl in der Forschung wie in der Lehre zusammenführt.“

Marco Roveri, Forscher am Zentrum für Informations- und Kommunikationstechnologie der „Fondazione Bruno Kessler“ in Trient erklärt die aktuellen Technologien der vierten industriellen Revolution: Künstliche Intelligenz, Internet der Dinge, 3D-Drucker usw. anhand des „Polo Meccatronica Rovereto“, wo verschiedene industrielle Fertigungsprojekte mit digitaler Technologie laufen und damit auch einen regionalen Hotspot der Erprobung und Ausbildung für das digitale Zeitalter bilden. So zum Beispiel entwickelt die „intelligente Fabrik“ in Rovereto auch Bremssysteme für den Luftfahrtriesen Boeing. Um die digitale „Industrie 4.0” in Italien auf Vordermann zu bringen, müssen laut nationalem Plan rund 86.000 Ingenieure und akademisch ausgebildete Elektrotechniker, Mechatroniker usw. ausgebildet werden. Unternehmen suchen händeringend nach digitalen Fachkräften, am meisten nach Technikern für die Wartung und Kontrolle digitaler Fertigungsstraßen, Facharbeitern im Bereich Metall und Elektromechanik sowie Informatiker und Industrie-Ingenieure.  „Die vierte industrielle Revolution erfordert eine enge Zusammenarbeit zwischen Automatisierung und Digitalisierung, wie sie sich in der Integration der neuen Technologien sowohl in der Produktion als auch in der Datenverarbeitung konkretisiert, mit dem Ziel, die Produktivität zu steigern und die Arbeitsbedingungen zu verbessern. Es ist von grundlegender Bedeutung, die potenziellen Vorteile anzuführen, ohne die möglichen kritischen Aspekte ihrer Anwendung auszublenden“, erläutert der Experte Marco Roveri.

Im zweiten Vortrag von Martin Soucek, Berater der Arbeiterkammer Tirol in Innsbruck, geht es um Daten und deren Kontrolle – vor allem um die am 25. Mai in Kraft tretende europäische Datenschutzgrundverordnung (DSGVO). Algorithmen, Big Data und Videotechnik vergrößern die Möglichkeiten der Überwachung, Kontrolle und Beeinflussung von Menschen ins Unermessliche. Vor diesem Hintergrund schützt das europäische Datengesetz verstärkt die Persönlichkeitsrechte und stärkt die „informationelle Selbstbestimmung“ – zum Beispiel durch das Verbot von „Profiling“ durch Algorithmen. Wichtig auch der betriebliche Datenschutz: In Österreich zum Beispiel konnte es der Betriebsrat eines Krankenhauses ablehnen, dass die Kommens- und Gehen-Zeiten mithilfe eines Fingerscanners, also eines biometrischen Fingerabdrucks vorgenommen werden, da dies zu sehr in die Menschenwürde eingreife. „Damit es keinen Big Brother am Arbeitsplatz gibt, wird es auch zum Schutz von Belegschaften europäische Antworten geben müssen“, fordert Soucek.

Die von und AFI-Forscher Luca Frigo und AFI-Direktor Stefan Perini moderierte Tagung schließt mit einer Publikumsdiskussion und dem Blick auf die örtlichen Gegebenheiten. Am Runden Tisch diskutierten die beiden Referenten Marco Roveri und Martin Soucek mit Dominik Matt, dem Leiter des Forschungsinstituts Fraunhofer Italia in Bozen und Professor für Produktionssysteme und –Technologien an der Freien Universität Bozen, mit Johannes Brunner, Experte von IDM Südtirol sowie mit Erwin Pfeifer, Gewerkschafter im ASGB und IT-Experte.

„Die heutige Tagung hat eindrucksvoll aufgezeigt, dass die digitale Transformation der Arbeitswelt großen Nutzen, aber auch neuen Formen der Ausbeutung den Weg ebnet – denken wir an ungenügenden Persönlichkeits- bzw. Datenschutz, an die Möglichkeit der totalen Überwachung oder an die unbegrenzte zeitliche Verfügbarkeit der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Umso wichtiger ist es, die digitale Transformation aus Arbeitersicht mitzugestalten und die Roboter in eine menschengerechte Richtung zu lenken“, mahnt AFI-Präsidentin Christine Pichler.

 

Von: luk

Bezirk: Bozen

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