Von: Sophia Molitor
Bozen – Fachkräftemangel, Brain-Drain und die demografische Entwicklung stellen den Arbeitsmarkt in Südtirol, aber auch in ganz Italien vor große Herausforderungen. Gleichzeitig zeigt sich in Italien ein paradoxer Befund: Während in vielen Regionen Arbeitskräfte fehlen, sind Arbeitslosigkeit und insbesondere Jugendarbeitslosigkeit weiterhin hoch. Für SVP-Landtagsabgeordnete Waltraud Deeg ist das ein deutliches Zeichen dafür, dass die bisherigen Wege zum Berufseinstieg überdacht werden müssen.
Im Dezember 2025 lag die Jugendarbeitslosenquote in Italien bei 20,5 %. Und regional ist die Situation teilweise dramatisch: Für 2024 weist Eurostat für Kalabrien 31,4 % und für Kampanien 30,3 % Jugendarbeitslosigkeit aus. Hinzu kommt das NEET-Problem: 2025 waren in Italien 13,3 % der 15- bis 29-Jährigen weder beschäftigt noch in Ausbildung oder Weiterbildung. „Italien darf den demografischen und arbeitsmarktpolitischen Widerspruch nicht dadurch lösen, dass Menschen länger im Erwerbsleben bleiben sollen. Es muss vor allem dafür sorgen, dass junge Menschen früher und besser in den Arbeitsmarkt kommen”, ist Deeg überzeugt.
„Wenn wir erkennen, dass wir ein Problem haben, müssen wir auch den Mut haben, etwas zu ändern. Es kann nicht sein, dass auf der einen Seite Arbeitskräfte fehlen und auf der anderen Seite junge Menschen keinen Einstieg in den Arbeitsmarkt finden”, betont Deeg. „Junge Menschen brauchen Chancen statt jahrelanger Warteschleifen.”
Ausbildung stärker mit Praxis verbinden
Deeg fordert deshalb einen früheren und zugleich besser begleiteten Einstieg junger Menschen in die Arbeitswelt. Ausbildung und praktische Arbeit sollten stärker miteinander verbunden werden. Junge Menschen sollen einen Teil ihrer Ausbildung direkt im Betrieb absolvieren können und dafür einen Lohn erhalten und sozialversichert sein.
„Wir brauchen nicht weniger Bildung, sondern andere und vielfältigere Bildungswege. Nicht jeder junge Mensch braucht denselben Weg. Entscheidend ist, dass jeder junge Mensch eine berufliche Perspektive bekommt”, erklärt Deeg.
Ein solcher Ansatz würde mehrere Probleme gleichzeitig angehen: Junge Menschen hätten früher ein eigenes Einkommen und könnten Berufserfahrung sammeln. Unternehmen könnten ihren Fachkräftenachwuchs stärker selbst ausbilden. Gleichzeitig würden junge Menschen früher an den Arbeitsmarkt und das Sozialversicherungssystem gebunden. Dies hätte sicherlich auch in Südtirol sehr positive Effekte auf dem Arbeitsmarkt.
Weiterbildung über das gesamte Berufsleben
Gleichzeitig brauche es ein deutlich flexibleres System der beruflichen Weiterbildung. Qualifizierung dürfe nicht mit dem Schul- oder Studienabschluss enden. Gefragt seien modulare, berufsbegleitende und möglichst unkomplizierte Angebote, mit denen sich Menschen auch später im Berufsleben weiterentwickeln, höhere Qualifikationen erwerben oder in einen anderen Beruf wechseln können.
„Eine moderne Erwerbsbiografie verläuft nicht mehr geradlinig. Menschen wechseln Berufe, steigen nach Familien- oder Pflegezeiten wieder ein oder müssen sich aufgrund des technologischen Wandels neu qualifizieren. Dafür brauchen wir ein Bildungssystem, das diese Übergänge ermöglicht und nicht durch Bürokratie erschwert”, betont Deeg.
Davon könnten junge Menschen ebenso profitieren wie Berufsumsteiger, Wiedereinsteiger und Menschen mit praktischen Fähigkeiten, die bisher keinen klassischen Bildungsweg eingeschlagen haben.
„Jung und Alt dürfen nicht gegeneinander ausgespielt werden” Für Deeg darf die Antwort auf den demografischen Wandel zudem nicht darin bestehen, Jung und Alt gegeneinander auszuspielen. Die Erfahrung älterer Beschäftigter sei wertvoll und müsse stärker an die nächste Generation weitergegeben werden. Gleichzeitig müsse jungen Menschen ein früherer Einstieg ermöglicht werden.
„Wir brauchen einen neuen Generationenvertrag am Arbeitsmarkt: Die Älteren geben Erfahrung weiter, die Jungen bekommen früher Chancen und die Betriebe erhalten die Möglichkeit, Fachkräfte selbst auszubilden”, sagt Deeg.
Dafür brauche es eine grundlegende Kursänderung: weniger starre und bürokratische Bildungswege, mehr Durchlässigkeit zwischen Schule, Ausbildung und Beruf sowie Weiterbildung über das gesamte Erwerbsleben.
„Wir müssen früher in den Beruf kommen, Ausbildung stärker mit Praxis verbinden und Qualifizierung ein Leben lang ermöglichen. Damit könnten wir gleichzeitig Jugendarbeitslosigkeit und Fachkräftemangel bekämpfen. Das wäre eine Chance für Italien – und auch für Südtirol”, so Deeg abschließend.




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