Von: luk
Brixen – Mit einem klaren Bekenntnis zu Landschaftsschutz, Klimaverantwortung und einer zukunftsfähigen Raumordnung hat der Heimatpflegeverband Südtirol bei seiner 76. Jahreshauptversammlung in Brixen zentrale inhaltliche und personelle Weichen gestellt. Im Mittelpunkt standen neben den Neuwahlen des Vorstandes auch klare inhaltliche Positionierungen – insbesondere im Bereich der Baukultur.
Ein arbeitsintensives Jahr mit klarer Haltung
Die Vollversammlung in der Cusanus-Akademie folgte einem dicht gefüllten Programm aus Tätigkeitsbericht, programmatischer Rede und Neuwahlen. Geschäftsführer Florian Trojer zeichnete das Bild eines aktiven und sichtbaren Verbandes, der Themen wie Klimaschutz, Bodenverbrauch und Baukultur konsequent in die öffentliche Diskussion eingebracht hat. Gleichzeitig wurde die Zusammenarbeit mit Gemeinden, Initiativen und Partnerorganisationen weiter vertieft.
Initiativen wie das prämierte Projekt „Ol(t)s HONDwerk“ – in Kooperation mit der Seniorenvereinigung im Südtiroler Bauernbund und dem Jugenddienst Lana-Tisens – sowie die ebenfalls prämierte Beteiligung am Kultur.Forscher!-Netzwerk gemeinsam mit dem Südtiroler Künstlerbund und der Grundschule Rodeneck unterstreichen die wachsende Bedeutung der Bildungsarbeit.
Auch die Arbeitsgemeinschaften Tracht und Mundart setzten wichtige inhaltliche Akzente: Die internationale Trachtenexkursion im vergangenen Jahr stärkte den fachlichen Austausch über regionale Grenzen hinweg, während das Jahrestreffen des Internationalen Dialektinstituts auf Schloss Goldrain Südtirol als Ort kultureller und sprachlicher Vielfalt sichtbar machte.
Heimatpflege zwischen Verankerung und Veränderung
In ihrer programmatischen Rede zeichnete Obfrau Claudia Plaikner ein klares Bild der aktuellen Entwicklung: zunehmender Flächenverbrauch, wachsender Druck durch Tourismus und Straßeninfrastruktur sowie politische Entscheidungen mit langfristigen Folgen für Landschaft und Lebensraum.
Besonders deutlich wurde dies am Beispiel des Bettenstopps. Plaikner kritisierte die jüngsten politischen Entscheidungen, die dieses zentrale Steuerungsinstrument zunehmend aufweichen:
„Innerhalb kürzester Zeit haben über 10.000 Menschen den Erhalt des Bettenstopps eingefordert. Dass diese breite gesellschaftliche Rückmeldung politisch kaum Gehör findet, ist ein problematisches Signal.“ Zugleich stellte sie klar, dass es beim Bettenstopp nicht um eine Blockade der touristischen Entwicklung gehe: „Entwicklung ist weiterhin möglich – aber innerhalb klarer Grenzen und auf Basis bestehender Strukturen. Was wir derzeit sehen, ist jedoch die Grundlage für weitere Großprojekte auf der grünen Wiese.“
Im Zentrum ihrer Ausführungen stand der Umgang mit Grund und Boden. Plaikner plädierte für eine konsequente Orientierung am Bestand, für ressourcenschonendes Bauen und für eine Baukultur, die sich an Ort und Landschaft ausrichtet. Entwicklungen, bei denen kurzfristige Interessen über das Gemeinwohl gestellt werden, seien kritisch zu hinterfragen.
Als Beispiel verwies sie auf die Olympischen Spiele: Ein Großteil der Investitionen sei in den Ausbau der Straßeninfrastruktur geflossen – und damit in Strukturen, die zusätzlichen Verkehr erzeugen, statt nachhaltige Mobilität zu stärken. Solche Entscheidungen verdeutlichten, wie stark kurzfristige Nutzungsinteressen oft über langfristige Ziele gestellt werden. Vor diesem Hintergrund stellte Plaikner die grundsätzliche Frage nach den Grenzen des Wachstums: „Muss Südtirol weiter in Volumen wachsen? Wir haben genug – wenn es gelingt, unseren Wohlstand gerechter zu verteilen und Ressourcen verantwortungsvoll zu nutzen.“
Impulsreferat von Hans Heiss: Grenzen der Baukultur
Ein inhaltlicher Höhepunkt der Versammlung war das Impulsreferat von Historiker Hans Heiss, der bereits im Vorfeld im Rahmen einer Stadtführung Einblicke in die Brixner Baukultur gegeben hatte. In seinem Vortrag „Grenzen der Baukultur“ stellte er die Maßstäblichkeit als zentrales Qualitätsmerkmal der Stadtentwicklung in den Mittelpunkt. Brixen habe sich über Jahrhunderte als kompakte, funktional gegliederte Stadt entwickelt, geprägt von Zurückhaltung und einem sensiblen Umgang mit Raum und Landschaft. Diese gewachsene Maßstäblichkeit gerate jedoch zunehmend unter Druck: Verdichtung, großvolumige Neubauten und eine teilweise spekulative Nutzung von Grund und Boden hätten sie vielerorts verdrängt. Gerade an den Stadträndern zeigten sich deutliche Brüche im Stadtbild, während gleichzeitig leistbarer Wohnraum knapp werde. Umso wichtiger sei die Rolle des Heimatpflegeverbandes, der die Maßstäblichkeit als Leitprinzip im Blick behalten und konsequent in die öffentliche Diskussion einbringen müsse.
Heimatpflege als Orientierung in unsicheren Zeiten
Auch Landesrat Philipp Achammer betonte in seinem Grußwort die Bedeutung der Heimatpflege in einer von Unsicherheiten geprägten Zeit. Es brauche Orte und Werte, die Orientierung geben und Identität stiften, ohne auszugrenzen. „Wir werden ärmer, wenn wir die wertvollen Dinge nicht schützen – in der Heimatpflege geht es darum, eine Flamme weiterzugeben, nicht Asche zu bewahren“, so Achammer. Besonders schätze er dieses Verständnis am Heimatpflegeverband; dessen Engagement im Bildungsbereich und seine kritische Stimme im gesellschaftlichen Diskurs hob er ausdrücklich hervor.
Neuwahlen: Kontinuität und neue Impulse
Im Zentrum der Jahreshauptversammlung standen die Neuwahlen der Verbandsorgane. Nach dem Rücktritt des bisherigen Vorstandes wurden die Kandidatinnen und Kandidaten vorgestellt und gewählt. Claudia Plaikner wurde als Obfrau klar bestätigt, Franz Fliri erneut zu ihrem Stellvertreter gewählt. In seiner Würdigung unterstrich Franz Fliri den außergewöhnlichen Einsatz der Obfrau:
„Es ist beeindruckend, wie viel Zeit, Energie und Leidenschaft Claudia Plaikner über all die Jahre in die Heimatpflege investiert hat – mit klaren Worten, großer Standhaftigkeit und einem unerschütterlichen Engagement.“ Er hob insbesondere ihre Fähigkeit hervor, auch unter schwierigen Bedingungen konsequent Position zu beziehen: „Trotz Gegenwind geht sie unbeirrt ihren Weg und vertritt den Verband mit großer Klarheit nach außen – das ist alles andere als selbstverständlich.“
Neben der Verbandsspitze wurde auch der Vorstand neu bestellt: Im Vorstand verbleiben Agnes Egger Andergassen, Georg Hörwarter und Johannes Ortner, neu dazugekommen sind Sigrid Piccolruaz und Anna Maria Ramoser. Zudem gehören dem Vorstand die Bezirksobleute Albert Willeit (Pustertal), Toni Puner (Wipptal), Bruna Corteletti (Überetsch/Unterland) sowie Valentine Kostner für die ladinischen Täler an. Das langjährige und scheidende Vorstandsmitglied Sepp Vieider wurde für seinen Einsatz besonders geehrt.
Heimat weiterdenken
Mit der Vorstellung der „Tracht des Jahres“ wurde die Versammlung traditionsgemäß abgeschlossen: Die Bürgertracht der Bürgerkapelle Brixen hebt sich optisch klar von der bäuerlichen Tracht ab – mit dem typischen Gehrock der Männer und dem bürgerlichen Kleid der Frauen.
Zum Abschluss formulierte Obfrau Claudia Plaikner den Anspruch des Verbandes für die kommenden Jahre: „Weniger Verschwendung – mehr Zufriedenheit: Nur wenn wir lernen, mit unseren Ressourcen bewusster umzugehen, können wir unsere Heimat langfristig sichern.“
Als Leitlinie formulierte sie die Begriffe Bewegung, Begegnung und Bildung – als Ausdruck einer aktiven, vernetzten und lernenden Heimatpflege: „Bewegung, Begegnung und Bildung sind zentrale Ankerpunkte – also sich aufzumachen, gemeinsam aktiv zu werden und neugierig zu bleiben.“
Die Jahreshauptversammlung machte deutlich, dass Heimatpflege heute weit über das klassische Verständnis hinausgeht. Sie umfasst Fragen der Raumordnung ebenso wie des Klimaschutzes, der sozialen Entwicklung und der Lebensqualität.




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