Von: luk
Bozen – Trotz geopolitischer Spannungen und steigender Energiepreise zeigt sich die Südtiroler Wirtschaft robust. Für 2026 erwartet das AFI ein eher moderates Wirtschaftswachstum von +0,9 Prozent.
AFI-Direktor Stefan Perini dämpft übermäßigen Optimismus: „Es gilt zu betonen, dass diese Daten die Auswirkungen der jüngsten Entwicklungen des Krieges im Iran noch nicht in vollem Umfang widerspiegeln. Ausgang und Dauer des Konflikts können sämtliche Konjunkturprognosen vollständig auf den Kopf stellen.“
Das AFI stellt eine gute Nachricht voran: “Selbst in Zeiten zunehmender geopolitischer Instabilität und Volatilität an den Finanzmärkten zeigt die Weltwirtschaft ein hohes Maß an Resilienz. Will heißen: Der Welthandel expandiert weiter, trotz erratischer US-Zollpolitik. Der Grund: Die starke Differenzierung der Zollsätze nach Produkttyp und Herkunftsland hat die negativen Effekte auf den Außenhandel der USA spürbar abgefedert. Sie eröffnete Unternehmen die Möglichkeit, höhere Abgaben durch Ausweichstrategien, etwa über Importe aus Drittländern mit geringerer Zollbelastung, zu umgehen.”
Die Iran-Krise als Zünglein an der Waage
Aktuell werde die Weltkonjunktur durch den Iran-Krieg und den dem damit einhergehenden sprunghaften Anstieg der Rohöl- und Erdgaspreise belastet. Internationale Lieferketten seien durch die Schließung des maritimen Korridors in der Meeresenge von Hormus gefährdet.
Internationale Forschungsinstitute machen die Auswirkungen des Iran-Krieges von der Intensität der Energiepreissteigerungen und von der Dauer des Konflikts abhängig. Eine Absenkung der Wirtschaftswachstumsrate für den Euroraum für 2026 um etwa einen halben Prozentpunkt sowie ein Anstieg der für 2026 erwarteten Inflation um rund 1,5 Prozentpunkte gilt laut AFI als gesichert. In den amtlich veröffentlichten Monats-Inflationsraten werde der Energiepreisanstieg allerdings bislang noch nicht abgebildet.
Als Reaktion auf den Energiepreisschock könnten sich die Zentralbanken veranlasst sehen, die Leitzinsen anzuheben, wodurch die Finanzierungskosten steigen und die Kreditnehmer zusätzlich belastet würden. Der zarte wirtschaftliche Aufschwung in Europa käme somit zum Erliegen. Zudem steht, bedingt durch Entlastungspakete für Familien und Unternehmen, eine Aufweichung der EU-Haushaltsregeln im Raum. Derzeit befinden sich sieben EU-Mitgliedsstaaten in einem Defizitverfahren, darunter Italien und Frankreich.
Ebenso gilt die Abwahl Victor Orbans in Ungarn als positives Signal für eine steigende Handlungsfähigkeit der EU. Positive Perspektiven bieten zudem der Abschluss verschiedener Handelsabkommen der EU mit den Mercosur-Staaten, mit Indien, Australien und Indonesien.
Im Basisszenario rechnet die Projektgruppe Gemeinschaftsdiagnose für 2026 mit folgenden Wirtschaftswachstumsraten: Euroraum: +0,9 Prozent; Deutschland: +0,4 Prozent; Italien: +0,5 Prozent; Österreich: +0,8 Prozent.
Südtirols Wirtschaft: 2025 war ein gutes Jahr
Mittlerweile liegen laut AFI alle relevanten wirtschaftlichen Eckdaten bezogen auf 2025 für Südtirol vor: “Das quantitative Wachstum am Südtiroler Arbeitsmarkt setzte sich auch 2025 fort. Im Schnitt waren 2025 exakt 235.283 Personen unselbständig beschäftigt (+2,0 Prozent zu 2024). 40 Prozent des Beschäftigungswachstums ist auf das Gastgewerbe zurückzuführen. Die Erwerbstätigenquote belief sich im Jahresschnitt 2025 auf 73,9 Prozent, die Arbeitslosenrate auf lediglich 1,8 Prozent.”
“Im Tourismus wurde 2025 die Marke von 38 Mio. Nächtigungen geknackt und ein neuer Rekordwert erzielt (+3,1 Prozent). Die Inflation blieb in Bozen im abgelaufenen Jahr mit 2,2 Prozent im Normalbereich (auf nationaler Ebene lag sie 0,7 Prozentpunkte darunter). Im Jahresverlauf drehte hat sich die Kreditdynamik ins Positive. Mit einem durchschnittlichen Anstieg von 0,8 Prozent gegenüber 2024 zeigt sich, dass die Unternehmen wieder vermehrt investieren. Selbst der Außenhandel erzielte im schwierigen konjunkturellen Umfeld Zuwächse, wobei die Importe (+14,1 Prozent) hierbei deutlich stärker wuchsen als die Exporte (+0,8 Prozent).” Mit seiner BIP-Schätzung für 2025 liegt das AFI (+0,8 Prozent) im unteren Bereich – vorsichtiger als ASTAT (+0,9 Prozent) und WIFO (+1,1 Prozent).
Stimmung der Arbeitnehmenden: Grundzuversicht bleibt intakt
Südtirols Arbeitnehmende bleiben laut AFI auch im Frühjahr 2026 vorsichtig optimistisch. “Perspektivisch erwarten für die Südtiroler Wirtschaft 33 Prozent der Befragten eine Verbesserung der Situation, 49 Prozent eine gleichbleibende, 18 Prozent eine Verschlechterung. Der Vertrauensindex bleibt mit +9 im positiven Bereich, auf demselben Niveau des Vorquartals. Darüber hinaus gehen die Befragten davon aus, dass die Zahl an Arbeitslosen stagnieren dürfte. Das wahrgenommene Risiko, den Arbeitsplatz zu verlieren, steigt hingegen überraschend an und erreicht mit einem Indexwert von 51 einen historischen Negativrekord. Die Perspektiven, einen gleichwertigen Job zu finden, bleiben allerdings positiv.”
Durchwachsen bleibe die finanzielle Situation von Arbeitnehmer-Familien: “29 Prozent geben an, Schwierigkeiten zu haben, mit dem Lohn über die Runden zu kommen (Index: -4). Hinsichtlich der Sparmöglichkeiten in den nächsten zwölf Monaten gehen 44 Prozent der Befragten davon aus, keine Rücklagen bilden zu können (Index: +6). Beide Indikatoren liegen in etwa im langfristigen Durchschnitt der entsprechenden Reihe.”
Schlechte Stimmung im produzierenden Bereich
Einmal mehr zeigen sich Arbeitnehmer, die im Verarbeitenden bzw. im Baugewerbe beschäftigt sind, in ihren Einschätzungen zurückhaltend bzw. äußern sich mehrheitlich negativ. Dieses Muster ziehe sich durch alle Indikatoren. Inwiefern dieses Bild auf die internationale Konjunktur zurückzuführen ist (z.B. Auftragseinbrüche) oder strukturelle Veränderungsprozesse (Robotik, Automatisierung, Einsatz von KI) antizipiert, wird das AFI in vertiefenden Analysen eruieren.
BIP-Prognose: Mit +0,9 Prozent auch 2026 moderates Wachstum für Südtirols Wirtschaft
Viele Rahmenbedingungen bleiben laut AFI für die Südtiroler Wirtschaft auch 2026 günstig – darunter der solide Arbeitsmarkt mit Vollbeschäftigung. “Die Kreditdynamik zog 2025 wieder an und dieser Trend dürfte sich auch 2026 fortsetzen. Ein gut dotierter Landeshaushalt (8,8 Mrd. Euro) wirkt stabilisierend auf Südtirols Konjunktur. Der Grundoptimismus von Südtirols Arbeitnehmer mit Blick auf die gesamtwirtschaftliche Entwicklung in den nächsten zwölf Monaten ist eine gute Voraussetzung. Die instabile Lage im Nahen Osten erhöht die Attraktivität naher Tourismusdestinationen in Europa, wovon Südtirol sogar profitieren könnte.”
“Der größte Risikofaktor ist momentan der Rohöl- und Erdgaspreis bzw. daraus entspringende Versorgungsengpässe, mit Auswirkungen auf die Inflation und einer nachgelagerten Anhebung der Leitzinsen. Selbstredend würde sich eine Einbremsung der internationalen Konjunktur negativ auf den Südtiroler Außenhandel auswirken”, so das AFI weiter.
All diese Entwicklungen, Negativszenarien miteingeschlossen, würden allerdings aktuell noch nicht in den volkswirtschaftlichen Eckzahlen abgebildet. Für 2026 hält das AFI vorerst an seiner Wirtschaftswachstumsprognose von +0,9 Prozent für die Südtiroler Wirtschaft fest. Im Vergleich mit den Partnerinstituten platziert sich die AFI-Prognose somit im Mittelfeld (ASTAT: +1,0 Prozent; WIFO: Schwankungsbreite zwischen +0,5 Prozent und +0,9 Prozent).
Stellungnahme von AFI-Präsident Stefano Mellarini
„Wir stellen fest, dass sich die Südtiroler Wirtschaft trotz der schwierigen Lage auf den internationalen Märkten weiterhin gut behauptet und damit ihre hohe Widerstandsfähigkeit unter Beweis stellt. Anlass zur Sorge geben hingegen die seit mehreren Monaten zunehmend verhaltenen Einschätzungen der Beschäftigten im Verarbeitenden Gewerbe und im Bau, die in diesen Sektoren neue historische Tiefststände erreichen.“




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