Naomi Klein warnt vor ökologischen Folgen

“KI ist eine faschistische Idee”

Montag, 24. August 2026 | 07:58 Uhr

Von: Matthias Knapp

Hoffnungsvolle Zukunftsvisionen in Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz werden zunehmend eingetrübt. Zuletzt erschütterten zwei Hacker-Attacken das Vertrauen der Öffentlichkeit massiv, die KI-Modelle zweier führender Entwickler eigenständig durchgezogen haben. Während der Einsatz von KI einerseits ungeahnte Chancen in Forschungsfeldern wie Medizin oder Astronomie verspricht, befürchten andere den Verlust von unzähligen Arbeitsplätzen und eine weitere Gefühlsverarmung in unserer Gesellschaft. Die kanadische Journalistin Naomi Klein warnt nicht nur vor ökonomischen Folgen, sondern auch vor einer ökologischen Krise, die durch KI vorangetrieben wird.

Bei einem Sicherheitstest von KI-Modellen des ChatGPT-Entwicklers OpenAI im Juli ist die Software aus der abgeschotteten Umgebung ausgebrochen und drang eigenständig in Computersysteme der Firma Hugging Face ein. Dabei verhielt sie sich wie ein Hacker. Nur wenige Wochen danach musste auch der Rivale Anthropic einen ähnlichen Vorfall einräumen. In Testläufen infiltrierte Künstliche Intelligenz von Anthropic ungeplant Computersysteme von drei Unternehmen, wie die KI-Firma mitteilte.

OpenAI tritt nun auf die Bremse und verlangsamt die Entwicklung seiner Modelle für Künstliche Intelligenz. Außerdem sollen Forschungs- und Trainingssysteme überarbeitet werden. Ob der Beunruhigung und dem öffentlichen Unmut damit der Wind aus den Segeln genommen wird, bleibt fraglich.

Zu den KI-Skeptikern zählt definitiv die kanadische Journalistin Naomi Klein, die sich kein Blatt vor den Mund nimmt. „Das Versprechen generativer KI, dass sie für uns das Denken übernimmt, ist eine durch und durch faschistische Idee“, sagte Klein unumwunden im Rahmen des KI-kritischen Podcasts „The Maybe“.

Besonders hart ins Gericht geht Klein mit Tech-Milliardären, die die Entwicklung einer Künstlichen Allgemeine Intelligenz (Artificial General intelligence – AGI) ohne Skrupel vorantrieben – eine Art digitaler Gott, der in Sekundenbruchteilen Daten verarbeitet und die Fähigkeit besitzt, jede intellektuelle Aufgabe zu verstehen oder zu lernen, die ein Mensch ausführen kann. „In der Zwischenzeit wird das Internet mit Slop (KI-generierte Medieninhalte von niedriger inhaltlicher Qualität, Anm.) überschwemmt“, kritisiert Klein.

Rechenzentren im Fokus

Während Entwicklungen in der Vergangenheit – vom Taschenrechner über Autos bis hin zum Internet – Zeile für Zeile codiert wurden, wird KI über sogenannte Datenzentren mit Informationen angefüttert und quasi herangezüchtet. Abgesehen davon, dass der Mensch damit die Kontrolle aus der Hand gibt und von der Erschaffung eines vermeintlich allwissenden KI-Gottes träumt, beschreibt Klein noch einen weiteren Aspekt als problematisch.

Mit dem Betrieb von Datenzentren geht ein massiver Verbrauch an fossilen Energien einher, da KI-Rechenzentren Unmengen an Strom benötigen, der in erster Linie aus Kernkraft und Gas gewonnen wird. Nach dem bisherigen Höchstwert von 4.195 Terawattstunden im Jahr 2025 erwartet die US-Energiebehörde EIA im laufenden Jahr einen Verbrauch von 4.268 Terawattstunden. 2027 könnte der Stromverbrauch auf 4.391 Terawattstunden klettern, berichtete die ARD.

Erste US-Bundesstaaten schoben der Entwicklung einen Riegel vor: Während New York im Juli vorübergehend den Bau weiterer sogenannte Hyperscale-Datacenter verboten hat, zog Texas Anfang August nach: Der republikanische Gouverneur Greg Abbott ordnete ebenfalls einen Baustopp für neue Rechenzentren an, zumal für die Stromkosten immer noch die Allgemeinheit aufkommt.

Um sich mit ausreichend Energie zu versorgen, versuchen Techfirmen deshalb immer öfter ihren Strom selbst zu produzieren und bauen Gaskraftwerke oder lassen stillgelegte Atomkraftwerke wieder hochfahren. Klein verweist in diesem Zusammenhang auf Elon Musk. „Die meisten hielten ihn wahrscheinlich für den profiliertesten Öko-Tech-Unternehmer des Planeten. Und genau dieser Typ beschließt jetzt, Grok mit 35 zusammengezimmerten Methangasturbinen zu betreiben – und dafür eine ganze Stadt zu vergiften“, erklärt Klein.

Wie der Guardian berichtete, hatte Musk 35 Methangasturbinen ohne Genehmigung nach Memphis bringen lassen, um ein Datenzentrum für seinen KI-Chatbot Grok zu betreiben. Umweltschützer beschwerten sich über die zunehmende Luftverschmutzung. Einerseits werde so viel Strom erzeugt, um eine ganze Stadt damit zu versorgen, andererseits würden über die Turbinen toxische und krebserregende Stoffe in die Luft gelangen.

Trump schwärmt von stromfressenden Monstern

Laut Klein sei auch Donald Trump von KI anfangs nicht begeistert gewesen. „Mittlerweile bezeichnet er sie als stromfressende Monster und meint das als Kompliment“, erklärt die Journalistin. Was seine Meinung offenbar geändert hat: Wenige Monate vor der Präsidentschaftswahl im Jahr 2024 hätten ihm einige Risikokapitalgeber aus Silicon Valley erklärt, wie viel Strom – insbesondere aus fossilen Energieträgern – sie konkret verbrauchen wollten. Dadurch sei Trump in der Lage gewesen, Ölkonzernen sichere Einnahmen zu versprechen – im Gegenzug für Wahlkampfhilfen in Milliardenhöhe. „Er hat für diese Unternehmen einen neuen Markt geschaffen“, meint Klein.

Sämtliche Einschränkungen, die unter der Administration von Joe Biden beschlossen worden seien, habe man über Bord geworfen – unter anderem die Auflage, Datenzentren nur mit erneuerbaren Energien zu betreiben. Klein sieht in der aktuellen Krise allerdings auch eine Chance: „Wir sollten uns fragen, wofür Wirtschaft und Technologie eigentlich da sind. Und wofür Menschen da sind.“

Naomi Klein hat in der Vergangenheit vor allem mit Kapitalismuskritik und ihrer Kritik an der Globalisierung für Aufsehen gesorgt. Ihr erstes Buch „No Logo“, das im Jahr 2000 kurz nach den Protesten von Globalisierungskritikern gegen das Treffen der WTO in Seattle im Dezember 1999 erschien, wurde mit über einer Million verkauften Exemplaren in mehr als 20 Sprachen weltweit ein Bestseller.

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