Von: apa
Komplexitätsforscher Peter Klimek sieht die Versorgung mit Öl, Gas und weiteren Gütern in Europa trotz der kriegsbedingten Hormuz-Blockade und damit der Sperre einer der weltweit wichtigsten Schifffahrtsrouten aufrecht. “Die momentanen Lieferkettenunterbrechungen sehe ich nicht als wesentliches Risiko an. Das müsste schon mehrere Monate dauern, bis wir ein Versorgungsthema haben”, sagte er im Gespräch mit der APA. Gravierender seien die Auswirkungen auf die Preise.
“Die Effekte, die wir spüren, sind indirekte Effekte. Für uns (in Österreich, Anm.) ist es mit Blick auf die Versorgung mit Gütern wenig relevant, dass keine Schiffe die Straße von Hormuz passieren können und da die Lieferketten unterbrochen sind, weil wir sowohl was Energieträger als auch andere Produkte anbelangt kaum direkte Abhängigkeiten haben. Was wir spüren, sind die Preise und das latente Rezessionsrisiko”, so der Forscher vom Austrian Supply Chain Intelligence Institute (ASCII).
Keine Versorgungsmängel zu erwarten
Im Moment könne sich Europa etwa mit Blick auf Öl und Flüssiggas (LNG) aus strategischen Reserven oder alternativen Bezugsquellen bzw. über alternative Routen versorgen. Weitere wesentliche Güter wie Stahl, Aluminium und Düngerprodukte, die über die Meerenge transportiert werden, seien vor allem für den asiatischen Markt bestimmt. Der Krieg im Iran müsste sich also schon “zu einem Flächenbrand auswachsen”, um zu ernsthaften Versorgungsmängeln bei Öl und Gas in Europa zu führen.
Verschiebungen durch den Iran-Krieg ortet Klimek vor allem in der Geopolitik. So habe sich die Position Russlands als Energieproduzent wieder gestärkt, während die EU neuerlich wirtschaftlichen Risiken ausgesetzt sei. Relevant seien auch die aktuell eingeschränkten und damit verteuerten Fracht- und Tankerkapazitäten, die “vor allem vom asiatischen Markt und insbesondere China angezogen werden”, deren Energieversorgung stärker von der Meerenge abhänge. “Was man da jetzt beobachtet, ist, dass sich Tankerkapazität aus der Golfregion auf andere Routen verschiebt. Es stellt sich daher in weiterer Folge die Frage, “wer die Transportkapazitäten besser mobilisieren kann, sobald die Straße wieder aufgeht”, erläuterte er. Im Fall einer längeren Kriegsdauer würde sich für Europa möglicherweise eine stärkere LNG-Abhängigkeit von den USA ergeben, ergänzte der Experte.
Rotes Meer und Suezkanal
“Weniger kritisch” in puncto Versorgungssicherheit wäre es aus Sicht von Klimek auch, sollte sich die Houthi-Miliz verstärkt am Krieg beteiligen und die Schifffahrt durch das Rote Meer bzw. den Suezkanal einschränken. “Die Transportmengen durch den Suezkanal sind jetzt schon auf niedrigerem Niveau als vor einiger Zeit”, verwies er auf entsprechende Angriffe in vergangenen Jahren. Außerdem sei bei Einschränkungen eine Umfahrung über Afrika möglich – im Ernstfall würden aber auch hier die Transportkosten steigen und sich die Preissituation damit weiter verschärfen, gab er zu bedenken.
Versicherer ausschlaggebend bei Blockaden
Generell seien schon bei relativ abstrakten Bedrohungslagen Einschränkungen im Schiffverkehr möglich, sagte Klimek. Ausschlaggebend seien hier schon vor einer faktischen Blockade vor allem die Versicherer, die ihren Versicherungsschutz für die Schiffe relativ rasch zurückziehen würden. “Nur wenige Unternehmen trauen sich dann wirklich durch.” Im aktuellen Fall hatten dies einige große Versicherungsunternehmen schon am vergangenen Montag angekündigt.




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