Von: luk
Bozen – Die größte jemals durchgeführte Waldsimulation sieht einen Anstieg von Bränden, Insektenbefall und Stürmen in ganz Europa voraus. Ein Forstwissenschaftler von Eurac Research ist Mitautor der Studie.
Eine kürzlich in der renommierten Fachzeitschrift Science veröffentlichte Studie prognostiziert einen deutlichen Anstieg sogenannter natürlicher Störungen – insbesondere Waldbrände, Insektenbefall und Stürme – bis zum Ende des Jahrhunderts. Hauptursache ist der Klimawandel. Der Weltklimarat IPCC sagt vorher, dass sich die Fläche der betroffenen Wälder in Europa mehr als verdoppeln wird (+122 Prozent). Im Alpenraum werden besonders die Waldbrände zunehmen.
Die Studie wurde von einem internationalen Forschungskonsortium durchgeführt, an dem auch Eurac Research beteiligt war. Möglich wurde die Untersuchung durch die große Menge verfügbarer Satellitendaten und einen innovativen Einsatz von Künstlicher Intelligenz. Das Modell berechnet die Wahrscheinlichkeit von Waldstörungen auf 185 Millionen Hektar Waldfläche in Europa – mit einer räumlichen Auflösung von 100 Quadratmetern. Für die Projektionen wurde ein sogenanntes Meta-Modell mit lokalen Simulationen trainiert: mehr als eine Million Simulationen aus 13.600 Wäldern – die umfassendste Sammlung forstlicher Simulationen in Europa. Darunter auch jene von Marco Mina, Forstwissenschaftler bei Eurac Research und Mitautor der Studie.
Konkret zeigt die Studie, dass besonders Waldbrände stark zunehmen werden: Das düsterste Klimaszenario zeigt eine Zunahme der betroffenen Fläche um 183 Prozent. Die von Schädlingen befallenen Gebiete wachsen um bis zu 83 Prozent, jene mit Sturmrisiko um zwölf Prozent. Am stärksten betroffen ist der Mittelmeerraum, doch Störungs-Hotspots finden sich in ganz Europa: Auch in gemäßigten Zonen wie dem Alpenraum werden Waldbrände zur Regel werden.
„Die zentrale Botschaft der Studie lautet: Wenn es nicht gelingt, den Klimawandel einzudämmen, indem wir die Emissionen zurückfahren, werden unsere Wälder zunehmend von Bränden und Schädlingen betroffen sein“, sagt Marco Mina, Forstwissenschaftler bei Eurac Research und Mitautor der Studie. „Die veränderten Störungsdynamiken werden zu jüngeren Wäldern führen und damit ihre Struktur und Zusammensetzung grundlegend verändern – mit Auswirkungen auf die Biodiversität und die für uns Menschen so wichtigen Ökosystemleistungen.“
Die Studie zeichnet ein klares Zukunftsbild, aus dem sich Hinweise für die Forstpolitik ableiten lassen. „Auch in gemäßigten Zonen braucht es künftig Präventionspläne gegen Brände. Außerdem sind Notfallstrategien auch für andere Störungen notwendig. Und wir müssen mehr in Ausgleichsmaßnahmen investieren, wenn Wälder ihre Ökosystemleistungen nicht mehr erbringen können“, erklärt Marco Mina. „Beispielsweise müssen dort, wo Wälder ihre Schutzfunktion nicht mehr erfüllen, Lawinenverbauungen oder Steinschlagzäune diese Aufgabe übernehmen.“
Aus Sicht des Forschers muss in der Waldbewirtschaftung verstärkt auf artenreiche und strukturell vielfältige Wälder hingearbeitet werden. „Mischwälder sind im Vergleich zu einem Reinbestand widerstandsfähiger. Reine Fichtenbestände beispielsweise, die man in unseren Bergen häufig sehen kann, sind anfälliger für Insektenbefall und Sturmschäden“, so Marco Mina. In diesem Zusammenhang startete Eurac Research kürzlich das Projekt ALPFOR-CSF in Zusammenarbeit mit dem Landesforstdienst. Ziel ist es, durch experimentelle Eingriffe in ausgewählten Dolomitengebieten die dortigen Fichtenreinbestände langfristig zu diversifizieren.
„Natürlich lässt sich die Struktur und die Zusammensetzung eines Waldes nicht von heute auf morgen verändern“, schließt Marco Mina. „Die Maßnahmen, die wir heute treffen, werden den Wäldern in 50 oder 100 Jahren helfen, widerstandsfähiger zu sein. Doch die Ergebnisse der Studie zeigen deutlich: Wenn wir nichts verändern – oder weiterhin so wirtschaften wie bisher – werden die Schäden für Wälder und Gesellschaft zunehmen. Eine Entwicklung, die wir durch den Klimawandel selbst mitverursacht haben.“




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