Resümee der Südtiroler Landschaftsarchitekten

Landschaftsentwicklung als Luxus der Zukunft?

Montag, 18. Februar 2019 | 17:06 Uhr

Bozen – In Südtirol scheint die Landschaft nur einzelnen Kategorien zu gehören, so die Südtiroler Lanschaftsarchitekten: den Bauern und/oder den Touristikern. Wenn Schutz verlangt werde, gelegentlich den Ökologen und Verwaltern. Selten der breiten Bevölkerung. Dieses Spannungsfeld und diese Interessenkonflikte kamen bei der Tagung am 15. Februar in Meran zur Sprache. Die Südtiroler Landschaftsarchitekten sehen ihren Auftrag darin, alle Akteure an einen Tisch zu versammeln.

Die Südtiroler Landschaftsarchitekten (LAS) haben am vergangenen Freitag im Meraner Bürgersaal ihre zweite Großveranstaltung abgehalten: paesaggissimo02. 2011 hatte man den Fokus auf „Raum in der Stadt“ gelegt, diesmal auf die provokante Frage „Landschaftsentwicklung = Luxus der Zukunft?“. Antworten darauf sind aufgrund der Entwicklungen des letzten Jahrzehnts dringend notwendig, und so folgte dem Aufruf ein zahlreiches Publikum.

Aktive Landschaftsentwicklung, nicht nur Bannzonen

2020 tritt das neue Gesetz für Raum und Landschaft in Kraft. Lang wurde im Vorfeld gemeinsam mit allen Beteiligten debattiert, und so ist das Ergebnis ein Kompromiss. Auch wenn Ansätze zu erkennen sind, die Stärkung der Landschaftsentwicklung ist nicht in das Gesetz eingeflossen, im Gegensatz zum passiven Landschaftsschutz im Sinne von Bannzonen, Ausweisung von Biotopen und Festlegung von Verboten. Selbst Frank Weber, Direktor des Ressorts für Raumentwicklung, Landschaft und Denkmalpflege, meinte während der Podiumsdiskussion: „Wir haben keine Pläne, die entwickeln, wir haben Unterschutzstellungspläne.“

Ziel der Landschaftsarchitekten ist es nun, den aktiven Landschaftsschutz als geplante und durchdachte Gestaltung von Landschaftsräumen doch noch gesetzlich zu verankern und zwar in den Durchführungsbestimmungen. Für eine gesteuerte Entwicklung wird ein Instrumentarium benötigt, etwa mit klaren Leitbildern auf Gemeindeebene.

Fazit der Tagung ist auch eine Landschaftsentwicklung für Südtirol, die behutsam im Umgang mit den natürlichen Ressourcen ist, mutig im Durchsetzen von Nachhaltigkeit, kreativ im Akzentesetzen und sich Abheben von derzeitigen Trends im Alpenraum (siehe “Alpenrambazamba”) und schließlich kooperativ im Sinne einer gemeinsamer Lösungsfindung (alle Stakeholder an einen Tisch).

„Natur ist für uns Menschen in vielerlei Hinsicht ein unverzichtbarer Ökosystemdienstleister, gratis noch dazu. Ohne aktive Landschaftsentwicklung gerade im hochsensiblen Alpenbereich wird dieser Dienstleister geschwächt“, so Erich Tasser vom Institut für Alpine Umwelt der Eurac.

Wirtschaftlichkeit darf nicht mehr das erste Maß sein

In Zukunft geht es darum, die Interessen aller unter einen Hut zu bringen, so der Grundtenor vieler Referenten. Die Vorarlberger Tourismustrendforscherin Aurelia Kogler nannte die gängige Forderung nach Wachstum gefährlich; diesem wirtschaftlichen Diktat sei eine Spirale negativer Entwicklungen gefolgt. Der Tourismus habe zwar nicht nur in die eigene Tasche gewirtschaftet, sondern auch der Abwanderung aus alpinen Gegenden entgegengewirkt, doch letzthin auch zur Zerstörung von natürlichen Freiräumen beigetragen. Echter Luxus im Tourismus sei eine intakte Natur, Raum, Stille und Authentizität. Dies seien Alleinstellungsmerkmale und nicht eine Inszenierung der Berge.

Kooperation statt Konkurrenz im Sinne des Weitblicks

Um schwierige Aufgaben zu lösen, braucht es interdisziplinäre Ansätze. Soweit eine der Botschaften von George Descombes, Schweizer Koryphäe der Landschaftsarchitektur, bekannt für die innovative Renaturierung und Gestaltung der Aire bei Genf in einen Flussgarten. Natur- und Kulturlandschaft leben hier in Osmose. Der Mensch hat der Natur Raum gegeben, und diese hat einen für Menschen faszinierenden Freiraum geschaffen, der in ständigem Wandel begriffen ist. Beide profitieren von diesem Freiluft-Labor und Wassergarten. Auch der deutsch-italienische Pionier im grünen Städtebau, Andreas Kipar, spricht sich für eine kooperative Haltung aus, die Kirchturmdenken ablöst. Und die Tourismusexpertin Aurelia Kogler fordert von Bauernschaft und Touristikern eine friktionsfreiere Zusammenarbeit – es seien sich ergänzende, nicht konkurrierende Systeme.

Wir haben ein Luxusproblem: zu viel Geld

In Südtirol wird noch viel gebaut, erschlossen, verplant. Das ist ein Indiz für Reichtum. „Kultur misst man allerdings vor allem an Investitionen im öffentlichen Raum, der allen gehört und dringend grüne Freiräume braucht“, unterstreicht Andreas Kipar, dessen engagiertes Plädoyer dem „großzügig“ Denken gilt. Bei der Landschaftsentwicklung bedeute dies, auch den Nachbarn und die Zukunft mitzudenken.

Visionen fehlen: in Zusammenhängen denken

Unberührte Natur: Nur bei acht bis neun Prozent der Südtiroler Landschaft kann man von „naturnah“ sprechen. Der Rest sind land- oder forstwirtschaftliche Flächen oder Siedlungslandschaften. Die letzten Jahrzehnte waren geprägt von Intensivierung der Landwirtschaft im Tal und von Intensivierung der Freizeitlandschaft am Berg. Das Fazit der Veranstaltung: Gegensteuern und zwar mit einem ganzheitlichen Ansatz, der künftige Auswirkungen berücksichtigt. Und zuerst die Grundsatzfrage beantworten: Was wollen wir?

Die Tagungsunterlagen von paesaggissimo02 mit sämtlichen Referaten sind in Kürze auf der neuen LAS-Webseite nachzulesen: www.las.bz.it

Was und wer steckt hinter der Bezeichnung LAS?

Der Verein „LAS – Landschaftsarchitektur in Südtirol/architettura del paesaggio Alto Adige“ wurde 2005 gegründet. Seine derzeit 18 Mitglieder, alles ausgebildete Landschaftsarchitekten und Landschaftsarchitektinnen, setzen sich auf freiwilliger Basis für eine breite Sensibilisierung in Bezug auf Landschaftsarchitektur und Freiraumgestaltung als Beitrag zur Baukultur ein. Sie bezwecken die Erhaltung und nachhaltige Entwicklung der Südtiroler Natur-, Kultur- und Stadtlandschaft, wie in der Europäischen Landschaftskonvention des Europarates von 2000 definiert. Der neue Webauftritt: www.las.bz.it

Von: bba

Bezirk: Bozen

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