Sensibilisierungsaktion

Sortenvielfalt in der Landwirtschaft erhalten und nutzen!

Donnerstag, 13. September 2018 | 13:13 Uhr

Pfatten/Bozen – Der Bevölkerung aufzeigen, wie wichtig Sortenvielfalt in der Landwirtschaft ist – das ist ein gemeinsames Anliegen der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, des Vereins Sortengarten Südtirol und des Versuchszentrums Laimburg. Im Rahmen einer gemeinsamen Aktion haben sich einige Bäuerinnen am Mittwoch über die Tätigkeiten des Versuchszentrum Laimburg in den Bereichen Sortenzüchtung und Erhaltung alter Landsorten informiert.

In der Landwirtschaft spielt die Sortenvielfalt eine bedeutende Rolle. Die Bevölkerung für die Sortenvielfalt zu sensibilisieren und über den Wert aller Sorten zu informieren ist ein gemeinsames Anliegen der Südtiroler Bäuerinnenorganisation, des Vereins Sortengarten Südtirol und des Versuchszentrums Laimburg. Die Südtiroler Bäuerinnen bewahren ihre Schätze, hüten ihre Samen und vermehren sie weiter. Der Verein Sortengarten Südtirol informiert und berät auf ganzheitliche Weise zu den Themen Sorten- und Artenvielfalt sowie zur Vielfalt gefährdeter Nutztiere. Das Versuchszentrum Laimburg führt als wissenschaftlicher Partner Versuche und Forschungsprojekte zur agronomischen und qualitativen Charakterisierung der Sorten durch, sichert die Erhaltung alter lokaler Sorten in seinen Genbanken und untersucht, welche Eigenschaften der alten Sorten für Neuzüchtungen genutzt werden können.

Die drei Institutionen haben nun ihre Kräfte gebündelt, und wollen durch gemeinsame Aktionen die Sortenvielfalt zum Thema machen, um den Erhalt alter Sorten und deren Vermehrung sicherzustellen, damit in den Gärten und Äckern der Südtiroler Bäuerinnen die Kulturpflanzenvielfalt erhalten bleibt.

Sensibilisierung durch Vernetzung und Austausch

Um die Diskussion über alte Sorten anzuregen, verschiedene Player zu vernetzen und den Austausch zu fördern, hatten die drei Institutionen bereits auf der Messe AgriAlp 2017 unter dem Stichwort „Schätze der Mutter Erde – Schütze die Mutter Erde“ eine gemeinsame Aktion gestartet. „Es ist wichtig, unsere alten lokalen Sorten und das Wissen über die eigene Saatgutgewinnung zu erhalten, um unsere Schätze der Erde zu schützen“, betonte Landesbäuerin Hiltraud Erschbamer. „Mit dieser Aktion wollen wir die Bevölkerung über dieses grundlegende Thema, das unsere Ernährung und damit uns alle ganz direkt betrifft, sensibilisieren.“

Am Mittwoch wurde nun ein weiterer Schritt unternommen: Einige Bäuerinnen nahmen an einer speziell zusammengestellten Führung am Versuchszentrum Laimburg teil und informierten sich über die Themen Sortenzüchtung und Erhaltung alter Landsorten. „Es ist dies ein weiterer Schritt zum gemeinsamen Austausch und zur Vernetzung“, betonte Manfred Hofer, Obmann des Vereins Sortengarten Südtirol. „Wir möchten die Bäuerinnen zur Diskussion über unsere alten Sorten anregen, den Austausch vergessener Obst- und Gemüseschätze untereinander vorantreiben, uns vernetzen und ausgehend von den Bäuerinnen letztendlich die gesamte Bevölkerung dafür sensibilisieren, wie wichtig die Sortenvielfalt ist.“

Nach einer Einführung durch Walter Guerra, Leiter des Instituts für Obst- und Weinbau am Versuchszentrum Laimburg, informierten Edmund Ebner von der Arbeitsgruppe „Pomologie“ und Manuel Pramsohler, Leiter der Arbeitsgruppe „Acker- und Kräuteranbau“, die Bäuerinnen über die Tätigkeiten des Versuchszentrums bezüglich Sortenzüchtung sowie Erhaltung und Nachbau alter Sorten.

Tätigkeiten des Versuchszentrums Laimburg zur Agrobiodiversität

Die Agrobiodiversität ist einer der vier Themenschwerpunkte bzw. „Säulen“, in denen das Versuchszentrum Laimburg tätig ist. „Grundgedanke unseres Bereichs Agrobiodiversität“ ist, dass nur perfekt angepasste, sorgfältig ausgewählte Sorten einen maximalen Ertrag bei hoher Qualität und geringem Aufwand an Pflanzenschutzmitteln ermöglichen“, erklärte der Leiter des Instituts für Obst- und Weinbau Walter Guerra. Darum befasst sich das Versuchszentrum Laimburg intensiv mit Sortenprüfung, Sortenzüchtung und der Selektion geeigneter Klone. Bei der Sortenzüchtung und Selektion kommen vorwiegend klassische Methoden zum Einsatz, werden jedoch mit modernen molekularbiologischen Diagnosemethoden ergänzt, um die Effizienz dieser Verfahren zu steigern. Darüber hinaus befasst sich das Versuchszentrum mit der Aufwertung alter lokaler Sorten und Arten sowie der Ausweitung des Kulturenspektrums durch die Nutzung bereits vorhandener genetischer Ressourcen. „Hier geht es darum, alte Sorten aufzubewahren und zu nutzen, die besten Eigenschaften zu erkennen und wieder zur Anwendung zu bringen“, erklärte Guerra.

Das Laimburger Apfelsortenzüchtungsprogramm

Die wechselnden Anforderungen des Marktes verlangen eine laufende Anpassung des Apfelsortiments, um die Wettbewerbsfähigkeit zu erhalten. Aufgabe der Arbeitsgruppe Pomologie des Versuchszentrums Laimburg ist die Prüfung, Züchtung und Konservierung neuer und alter Apfelsorten und -unterlagen. Geachtet wird dabei auf Fruchtqualität und günstige Baumeigenschaften. Die Arbeitsgruppe hat rund 250 neue Apfelsorten und -unterlagen aus aller Welt in Prüfung, erhält, beschreibt und untersucht über 100 alte lokale Apfelsorten und konserviert virusfreies und sortenechtes Vermehrungsmaterial für die Südtiroler Baumschulbetriebe. Seit 1997 führt das Versuchszentrum Laimburg ein eigenes Apfelsortenzüchtungsprogramm, um angepasste Sorten zu entwickeln, die in ihren Fruchteigenschaften den Anforderungen des Konsumenten entsprechen. Ein besonderes Augenmerk liegt dabei auf der Resistenz gegenüber Schaderregern. Aus dem Programm wurden bisher die beiden Sorten Lb17906 und Lb4852 zum Europäischen Sortenschutz angemeldet. Die Tätigkeit der Arbeitsgruppe wird mit den lokalen Produzenten, Vermarktern, Baumschulen und Sortenverwaltern abgestimmt. Durch ihre aktive Mitarbeit in der europäischen EUFRIN-Arbeitsgruppe der Sortenprüfer, Kontakte mit Apfelzüchtern aus aller Welt und ihrer Teilnahme an europäischen Forschungsprojekten tauschen sich die Experten des Versuchszentrums auch auf internationaler Ebene aus.

Sortenwebseite bietet Informationen zu mehr als 100 Apfelsorten

Der Apfel weist eine so große Sortenvielfalt auf, dass selbst erfahrene Pomologen manchmal Schwierigkeiten bei der Bestimmung der Sorten haben. Um alte und neue Apfelsorten eindeutig identifizieren zu können, hat das Versuchszentrum Laimburg im vom Europäischen Fonds für Regionale Entwicklung (EFRE) geförderten Projekt APFEL-FIT eine Datenbank mit rund 540 molekulargenetisch abgesicherten Profilen von Referenzsorten aufgebaut. Darüber hinaus haben Experten des Versuchszentrums im EFRE-Projekt POMOSANO die grundlegenden wissenschaftlichen Daten zu Inhaltsstoffen und geschmacklichen Eigenschaften alter, neuer und rotfleischiger Apfelsorten sowie von deren Säften erarbeitet. Um die in diesen Projekten erarbeiteten pomologischen, chemischen und sensorischen Informationen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat das Versuchszentrum Laimburg das Webportal http://pomosano.laimburg.it/ eingerichtet. Auf diesem Portal finden sich detaillierte Informationen zu Herkunft und Synonymen, zum agronomischen Profil und zur Fruchtkonsistenz moderner, schorfresistenter, alter und rotfleischiger Apfelsorten. Darüber hinaus gibt die Seite Auskunft über die geschmacklichen Eigenschaften der aus diesen Sorten gewonnenen Fruchtsäfte. Aktuell enthält die Webseite Informationen und Fotos zu rund 100 Apfelsorten und wird laufend um die im Rahmen der Sortenprüfungen gewonnen Informationen erweitert.

Genbanktätigkeit zu Getreidelandsorten

Was das Getreide anbelangt, wurde am Versuchszentrum Laimburg im Jahr 1993 mit der systematischen Sammlung von Landsorten begonnen. „Landsorten sind traditionelle Sorten, die sich an die Anbaubedingungen ihrer Herkunftsregion angepasst haben und ein lebendiges Natur- und Kulturerbe darstellen“, erklärt Manuel Pramsohler, Leiter der Arbeitsgruppe „Acker- und Kräuteranbau“. Im Bereich Getreide wurden bis zum Jahr 2016 insgesamt 147 Landsorten aus Südtirol gesichert. Für jede gesammelte Landsorte sind die relevanten Informationen zu ihrer Herkunft, die sogenannten „Passportdaten“, in einer Datenbank gespeichert und es liegt auch eine Fotodokumentation vor. Falls die Informationen zur traditionellen Nutzung noch verfügbar sind, wurden diese durch das Erfahrungswissen des Erhalters der Landsorte dokumentiert. Die Tätigkeiten des Versuchszentrums Laimburg im Bereich Genbank beinhalten die sachgemäße Aufbewahrung und Erhaltung der Landsorten. Dafür wird gereinigtes und getrocknetes Saatgut bei -20 °C gelagert, um die Keimfähigkeit so lange wie möglich sicherzustellen. Das Saatgut wird an zwei Standorten fachgerecht aufbewahrt: in der Genbank am Versuchszentrum Laimburg und in der Genbank des Landes Tirol in Innsbruck. Die doppelte Aufbewahrung an getrennten Orten soll das Risiko eines Verlusts der Sammlung minimieren. In regelmäßigen Zeitabständen wird die Keimfähigkeit überprüft. Stellt sich dabei eine verringerte Keimfähigkeit heraus, werden die Sorten im Freiland vermehrt um somit den Genbankbestand weiterhin zu sichern. In den letzten vier Jahren wurden durchschnittlich 60 Landsorten (Sorten und Linien) pro Jahr vermehrt, um den Genbankbestand weiterhin zu sichern. Die Genbanktätigkeiten sind mit der Bearbeitung von Projekten zur Charakterisierung des gesammelten Sortiments eng verknüpft. In den letzten Jahren hat das Versuchszentrum Laimburg mehrere Forschungsprojekte zu den Eigenschaften der Getreide-Landsorten Roggen und Dinkel und den Buchweizen-Landsorten durchgeführt. Ziel dieser Charakterisierung ist die agronomische und qualitative Beschreibung der gesammelten Landsorten, um die Grundlagen für eine erneute Nutzung einzelner Landsorten zu schaffen. Auf Anfrage können kleine Mengen an Samen der gesammelten Landsorten an interessierte Anbauer abgegeben werden.

Von: mk

Bezirk: Bozen, Überetsch/Unterland

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