Ohne Reformen gibt es in zehn Jahren 100 Hausärzte weniger

Studie zu Hausärztemangel: “Wollen keine Bürokraten sein”

Freitag, 18. November 2022 | 17:38 Uhr

Bozen – In Südtirol herrscht Hausärztemangel. Derzeit fehlen schon knapp 80 Hausärzte und in den kommenden Jahren werden weitere Stellen frei, da viele Hausärzte und Hausärztinnen in Pension gehen. Bis 2031 werden mehr als 100 Hausärztinnen und Hausärzte in den Ruhestand treten. In Südtirol gibt es derzeit 288 Ärztinnen und Ärzte für Allgemeinmedizin.

Warum so wenig junge Hausärzte nachrücken, dazu hat das Institut für Allgemeinmedizin der Claudiana in Bozen Medizin-Studenten befragt. Das Ergebnis dürfte aufrütteln: Viele angehenden Ärzte empfinden den bürokratischen Aufwand im Berufsalltag des Hausarztes als zu enorm. Es bleibe nur wenig Zeit, auf die Patienten einzugehen. Außerdem gebe es wenig Wertschätzung. Von ihren fachärztlichen Kollegen oder der Politik werden Hausärzte oft als zweitklassige Mediziner betrachtet. Außerdem würde die Organisation des Gesundheitswesens in Italien, die schwierige Zusammenarbeit mit den Krankenhäusern und die limitierten Möglichkeiten für Zusatzdiagnostik dazu beitragen, den Job unattraktiv zu machen.

Der Koordinator des Forschungsprojekts, Christian Wiedermann, kommt zu dem Schluss, dass Bürokratie abgebaut und Gemeinschaftspraxen geschaffen werden müssen, um den Beruf wieder attraktiver zu machen. Außerdem meint er, dass in Italien eine Facharztausbildung in Allgemeinmedizin helfen würde. Hier sollte Südtirol mehr Druck auf Rom machen.

In der Studie werden zehn Vorschläge für Maßnahmen gegen den Hausarztmangel in Südtirol genannt:

1. Mehr Zusatzdiagnostik in den Hausarztpraxen (z.B. Ultraschall und EKG)
2. Mehr Gemeinschaftspraxen mit bereitgestelltem nicht-ärztlichen Personal
3. Bürokratieabbau für mehr Betreuungsqualität, wo immer möglich
4. Anstellungsverhältnis aller Ärztinnen und Ärzte in Ausbildung
5. Aufwertung der allgemeinmedizinischen Ausbildungstätigkeit im
Krankenhaus unter Tutoren
6. Verbesserung der Zusammenarbeit zwischen Krankenhäusern und
Hausarztpraxen
7. Teilzeitbeschäftigungen in Hausarztpraxen
8. Werbung für die Südtiroler Ausbildung in Allgemeinmedizin an Universitäten
in Italien, Österreich und Deutschland
9. Stärkere Verankerung der Allgemeinmedizin im Medizinstudium
10. Facharzt für Allgemeinmedizin auch in Italien

„Wir müssen endlich das alte Modell des allein arbeitenden Hausarztes aufgeben. Junge Ärztinnen und Ärzten wollen sich viel lieber in einem Team weiterentwickeln. Zudem müssen Hausärztinnen und Hausärzte viel stärker von Aufgaben entlastet werden, die nicht rein medizinischer Natur sind. Das setzt Zeit und Energie für die Betreuung der Patienten frei. Der Einsatz von zusätzlichen diagnostischen Mitteln würde einen gezielteren Diagnoseweg ermöglichen und die berufliche Zufriedenheit der Ärztinnen und Ärzte erhöhen. Südtirol kann diese Entwicklung mit Ressourcen fördern und dem Beispiel anderer Regionen (z.B. Veneto) folgen“, so Dr. Giuliano Piccoliori

„Unsere Umfrage bestätigt, dass Frauen sich eher für die Allgemeinmedizin interessieren und in manchen Aspekten eine positivere Sicht auf den hausärztlichen Beruf haben als Männer. Künftig müsste die Allgemeinmedizin daher vor allem für Frauen attraktiver gemacht werden, etwa durch vermehrte Teilzeitbeschäftigungen im Rahmen eines Anstellungsverhältnisses in einer Hausarztpraxis oder durch die Option der Beschränkung der Zahl an Patientinnen und Patienten“, so Dr. Angelika Mahlknecht.

„Das Medizinstudium ist für spätere Berufsausübung ein Ort der ,professionellen Sozialisierung’. Frühe und verstärkte Studienerfahrungen in Allgemeinmedizin könnten tatsächlich auch mehr jungen Ärztinnen und Ärzten den Weg in die Allgemeinmedizin bahnen. Könnte Medizin auch in Bozen studiert werden, würden sicherlich mehr Junge in Südtirol bleiben. Bozen braucht eine eigene Medizinfakultät“, so  Prof. Dr. Christian Wiedermann.

„Ich bin davon überzeugt, dass die Gründung einer Medical School in Bozen mit einem innovativen Curriculum und einer starken Verankerung der Allgemeinmedizin in Praxis und Theorie ein zentraler Lösungsansatz wäre, um dem Hausarztmangel entgegenzuwirken“, schließt Dr. Adolf Engl.

Claudiana

 

Von: luk

Bezirk: Bozen