Kampagne in Bozen eröffnet

sweet afFAIR: 24 offene Türen für faire Schokolade

Freitag, 01. Dezember 2017 | 15:20 Uhr

Bozen – Im 24-Stunden-Takt tourt ein Adventskalender mit fairer Schokolade vom 1. bis 24. Dezember durch 24 Südtiroler Ortschaften. Auftakt war heute am Bozner Dom im Beisein von Dekan Bernhard Holzer, Landeshauptmann Arno Kompatscher und Bürgermeister Renzo Caramaschi.

Die oew-Organisation für Eine solidarische Welt und die 15 Südtiroler Weltläden funktionieren den klassischen Adventskalender um und öffnen vom 1. bis 24. Dezember in 24 Südtiroler Ortschaften im 24-Stunden-Takt 24 besondere Türen. Unter dem Motto sweet afFAIR laden sie zum Seitensprung mit fairer Schokolade ein und informieren über die Anbaubedingungen auf den Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste und in Ghana. Sie tun dies mit einem Theater des Schauspiel-Kollektivs binnen-I, mit einer Kakao-Ausstellung, einer Kakao-Zeremonie und dem Schaukochen von Schokolade. In Deutschland werden pro Kopf und Jahr rund zwölf Kilogramm Schokolade konsumiert, die Zahlen für Südtirol liegen vermutlich nur knapp darunter. Weltweit werden pro Jahr mit Kakao mehr als 100 Milliarden Euro umgesetzt. Viele wollen von diesem riesigen Schokokuchen etwas abhaben: Laut Dachverband der Europäischen Süßwarenhersteller Caobisco verarbeiten in Europa mehr als 12.000 Betriebe Kakao. Doch die 5,5 Millionen Kakaobauern und Bäuerinnen und die insgesamt 14 Millionen Menschen, die in Äquatornähe von Kakao leben, sehen nur Krumen davon. Weil viele keine Perspektiven auf den Kakaoplantagen sehen, suchen vor allem junge Menschen ihr Glück in der Stadt oder eine Zukunft in Europa. Sie setzen dabei häufig ihr Leben aufs Spiel. Wenn sich auf den Kakaoplantagen an der Elfenbeinküste und in Ghana nicht maßgeblich etwas ändert, wird die Kakaokrise in Kürze auch Europa erreichen. Fair gehandelte Schokolade ist eine Alternative. Nur knapp ein Prozent der in Südtirol verkauften Schokolade ist fair gehandelt.

Locker und leicht kommt sweet afFAIR daher. Vier Theaterspielerinnen des Schauspielkollektivs binnen-I (Marlies Untersteiner, Alexa Brunner, Viktoria Obermarzoner und Katharina Gschnell) lassen sich auf Blinddates und Seitensprünge mit fairem Kakao ein und sind angetan von der Affäre. Doch die harten Zahlen folgen der süßen Versuchung auf dem Fuß: Nur einen halben Euro täglich verdienen die Kakaobauern und -bäuerinnen auf den Plantagen an der Elfenbeinküste; die absolute Armutsgrenze liegt bei einem Euro. Kindersklaverei ist weit verbreitet. Häufig werden Kinder aus den Nachbarstaaten gekauft oder entführt. Schätzungen zufolge arbeiten derzeit rund 150.000 Kinder auf den Kakaofeldern der Elfenbeinküste, ein Siebtel davon stammt aus anderen Ländern. Sie werden nur wenig oder gar nicht bezahlt.

Der Bozner Rudi Dalvai, Präsident der World Fair Trade Organization, erklärt die Dynamik: “In den konsumierenden Industriestaaten wird Schokolade meist viel zu billig verkauft, um sie nachhaltig und fair produzieren zu können.“ Einige wenige Konzerne dominieren den Markt, allen voran Mondelēz (mit Milka, Toblerone, Oreo), Nestlé (mit Kitkat, Lion, Nuts, Smarties, Yes, Nesquik), Mars (mit Mars, Bounty, Snickers, m&m’s, Twix, Balisto), Hersheys, Ferrero (mit kinder, Duplo, Hanuta, Nutella, ferrero rocher), Lindt & Sprüngli und Storck (mit Merci, Dickmann’s, Riesen, Toffifee, Knoppers). Sie vereinen viel Macht auf sich.
Ihr Drängen auf niedrige Preise provoziere problematische Anbaubedingungen, sagt Rudi Dalvai.

Matthäus Kircher, Geschäftsführer der oew-Organisation für Eine solidarische Welt, erklärt: „Der Kakaopreis war im Verlauf der Geschichte noch nie so niedrig wie heute.“ Seit 35 Jahren sei der Auszahlungspreis praktisch gleich geblieben. Gleichzeitig haben sich seit dem starken Preisverfall in den 1980er-Jahren die Arbeitsbedingungen auf den Plantagen kontinuierlich verschlechtert. Der Kakaopreis müsste sich für die Bauern und Bäuerinnen um das Vierfache erhöhen, um ihnen ein halbwegs menschenwürdiges Leben zu ermöglichen. Derzeit bekommen sie nur 6,6 Prozent des Verkaufspreises einer Schokolade in den Verkaufsregalen der Südtiroler Geschäfte. Schokolade einfach zu verdammen, bringe nichts, sagt Matthäus Kircher. Er plädiert zwar für Reduktion in der Menge und dafür für mehr Qualität, glaubt aber nicht, dass sich der Konsum kurzfristig verändern wird. Daher ruft er auf, beim Schokoladekauf nach fair gehandelter Schokolade zu greifen.

Brigitte Gritsch von den Südtiroler Weltläden erklärt: „Es ist notwendig, Rahmenbedingungen zu schaffen, damit die Menschen am Beginn der Handelskette nicht ständig im Nachteil sind, damit sie am Handel teilhaben können, der Motor für eine nachhaltigere Entwicklung sein kann.“ Damit das passiere, müsse sich viel bei uns verändern. Das berühre Fragen des Handels, der Wirtschaftspolitik, der Landwirtschaftspolitik bis zu den Handlungen jedes*jeder Einzelnen: „Unser Leben und unser Tun ist mit dem Dasein anderer Menschen auf dem Planeten untrennbar verbunden“, sagt Brigitte Gritsch und verweist auf Asylsuchende in den verschiedenen Südtiroler Flüchtlingshäusern, die unter anderem aus Ghana und der Elfenbeinküste stammen. „Die Menschen brauchen ein Auskommen mit ihrem Einkommen“, plädiert sie.

Auch die Konditorin Nathalie Trafoier vom Sternerestaurant Kuppelrain ist überzeugt vom fairen und lokalen Handel. Seit sie denken kann, wird in der hauseigenen Konditorei in Kastelbell nur faire Schokolade verwendet: Fair Trade sei ein Qualitätsmerkmal von guter Schokolade, sagt sie. Die von ihr verwendete faire Schokolade beinhalte nur reine Kakaobutter und keine schlechten Fette. Außerdem: „Die Menschen bekommen einen fairen Lohn, tun sich in Genossenschaften zusammen, können neue Bäume pflanzen und ihre Kinder können eine Schule besuchen.“

Verena Gschnell verantwortet bei der oew den Bereich „Bewusster Konsum“. Seit 20 Jahren hat die oew den „Schokokoffer“ im Bildungsangebot. Das ist ein Methoden- und Informationsworkshop zu Kakao und Schokolade, der bisher bereits in 1800 Schulklassen durchgeführt wurde. „Wir müssen bei den Kindern ansetzen“, sagt Verena Gschnell. Diese könnten mit einer veränderten Haltung manchmal auch die Eltern sensibilisieren.

Verena Dariz, Leiterin der Katholischen Jungschar Südtirols (KJS) bestätigt die nachhaltige Arbeit mit Kindern: „Kinder sind sensibel und offen für Gerechtigkeit“, sagte sie bei der heutigen Pressekonferenz. Die KJS hat den Schokokoffer mitentwickelt und setzt in ihrer Arbeit mit Kindern ebenfalls auf Fair Trade, Partizipation und entsprechende Bewusstseinsbildung.

Marialaura Lorenzini, Assessorin von Bozen, verwies auf Bozen als erste Fair-Trade-Stadt Südtirols. Damit einher geht die verstärkte Verwendung von fairen Produkten in öffentlichen Einrichtungen und eine wachsende Zahl an Restaurants und Geschäften, die ihr faires Angebot erweitern.

Landeshauptmann Arno Kompatscher unterstrich den Willen des Landes Südtirol, die Provinz Bozen zu einem Fair-Trade-Land zu etablieren. Hilfreich dafür sind die 15 Weltläden im ganzen Land, die ausschließlich fair gehandelte Produkte verkaufen. Ihr Bestand kann dank Dutzender Freiwilliger gesichert werden, die sich Tag für Tag mit Idealismus für die Idee des fairen Handels einsetzten. Auch die Zahl der Privatbetriebe, die faire Produkte – inklusive Schokolade – in ihrem Angebot haben, wachse. Er persönlich esse schon seit Langem faire Schokolade, sagte Kompatscher.

In keinem anderen Monat gehe so viel Schokolade über die Ladentische wie im Dezember, erklärte Ladina Ingold aus Basel. Die Designstudentin hat die Kakaoausstellung und die Grafik von sweet afFAIR konzipiert. sweet afFAIR tourt ab sofort bis Heiligabend durch Südtirol. In Zusammenarbeit mit verschiedenen Vereinen werden die Türen von Rathäusern, Schulen, Schlössern, Pfarrheimen, Einkaufszentren und zu einem Zugwaggon geöffnet. Ziel von sweet afFAIR ist es, in der Südtiroler Bevölkerung ein Umdenken zu bewirken. Es müsse möglich sein, dass Konsument*innen vermehrt nach fairer Schokolade greifen und Restaurants und Geschäfte sie in ihr Angebot aufnehmen, sagen die Veranstalter*innen. Letztendlich sei es zum Nutzen aller: erstens der Kakaobauern und -bäuerinnen, die auf ihren Plantagen ein Auskommen hätten und zweitens der Schokoladeliebhaber*innen in Europa, die sich auch künftig von Kakao und Schokolade verführen lassen können.

Begleitend zum lebendigen Schokolade-Adventskalender sind die Südtirolerinnen und Südtiroler aufgerufen, auf der Facebook-Seite der oew www.facebook.com/oew.org unter dem Hashtag #sweetaffair ein Foto von sich und ihrer liebsten fair gehandelten Schokolade zu posten. Am 7. Jänner 2018 findet die Verlosung eines Korbes voll schokoladiger Köstlichkeiten statt. Weitere Informationen und die Termine der Türöffnungen finden Interessierte unter www.sweetaffair.it.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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3 Kommentare auf "sweet afFAIR: 24 offene Türen für faire Schokolade"


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krakatau
krakatau
Superredner
17 Tage 3 h

Wer soll kontrollieren ob dies Schokolade wirklich “fair” hergestellt wurde ?

Orschgeige
Orschgeige
Grünschnabel
16 Tage 22 h

Wer wirklich wissen möchte wie es in der Kakao-Branche zugeht und was die fair-trade Zertifikate wert sind, sollte unbedingt diesen Beitrag anschauen: http://www.report.rai.it/dl/Report/puntata/ContentItem-8af62339-0e42-4f20-b117-6ffc6d0e0e8e.html

Orschgeige
Orschgeige
Grünschnabel
16 Tage 21 h

Wenn der Link meines vorherigen Post’s nicht funktionieren sollte, auf Internet nach “report cioccolato amaro” suchen, ab Minute 16 wird’s richtig interessant. 

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