Wenn das Grün dem Beton weicht

Verbautes Südtirol?

Freitag, 20. November 2020 | 23:05 Uhr

Bozen – Südtirol hätte eine wunderschöne Natur zu bieten, wenn sie nicht sukzessive dem Beton weichen müsste. Mittlerweile sind bestimmte Areale weit entfernt von Ästhetik und grüner Lunge. Die Frage ist, ob es so weitergehen soll oder eine Umkehr höchste Zeit ist. Weiters stellt sich die Frage, ob das Mieten nicht eher zu fördern wäre als das Bauen. Mittlerweile weichen immer mehr Grünflächen kalten, riesigen Blockbauten aus Beton und damit sinkt der Wohlfühlfaktor erheblich. Bestehendes zu nutzen und zu revitalisieren und so Ressourcen schonen, darum ging es beim Symposium von IDM. Die Plattform Land und die Architektenkammer bringen Lösungsansätze gegen “Raumknappheit”. Ein Mehr an Grünflächen und die Nutzung des Bestehenden wären zu begrüßen. Ansonsten werden einst nette Dörfer fortan zu unwirtlichen Städten und Städte ergrauen zunehmend.

Wie sieht die Zukunft des Bauens in einem Land aus, in dem nur 5,5 Prozent der Fläche bebaubar ist? Sie dreht sich auf jeden Fall um die Frage, wie man die Landschaft sorgsam nutzen kann, damit Südtirol weiterhin ein attraktiver Lebensraum für Südtirolerinnen und Südtiroler, aber auch für Gäste bleibt. Und Konzepte wie Sanierung, Aufstockung und Leerstandsmanagement werden darin breiten Raum finden. Darüber waren sich die Experten aus dem In- und Ausland einig, die gestern zum Webinar „Symposium Innenentwicklung“, organisiert von IDM Südtirol, der Plattform Land und der Kammer der Architekten, geladen waren. Vorgestellt wurde dabei vor den
über 300 Teilnehmern des Events auch das neue Landesgesetz „Raum und Landschaft“, das im Juli in Kraft getreten ist. In einer Gesprächsrunde diskutierten im Anschluss Expertinnen und Experten, darunter Maria Hochgruber Kuenzer, Landesrätin für Raumordnung, zum Thema „Sanieren: Wichtig, aber richtig!“. Nachhaltigkeit ist das Gebot der Stunde auch beim Bauen.

„Unsere Vision für Südtirol ist es, dazu beizutragen, dieses Land zum begehrtesten nachhaltigen Lebensraum Europas zu machen. Wenn wir das erreichen wollen, ist es wichtig, unsere Ressourcen mit großem Respekt zu behandeln. Braun vor grün ist eine von vielen Möglichkeiten, das zu tun: Wenn wir die bereits vorhandenen Bestände achtsam nutzen, indem wir sie renovieren, ausbauen und sinnvoll neu verwenden, sorgen wir dafür, dass unsere Dörfer und Städte attraktiv bleiben, und halten Flächen für Neubauten frei, wo diese notwendig sind“, sagt Vera Leonardelli, Direktorin der Abteilung Business Development von IDM. „In diesem Krisenjahr unternimmt jeder Sektor große Anstrengungen, Chancen für die Zukunft zu ermitteln. Im Austausch mit den Vertretern der Baubranche wurde der Bereich Aufstockungen, Anbauten und Sanierungen als eine Marktnische erkannt, die noch ungenutzte Chancen aufweist.“

Hier ergeben sich laut den beim Symposium anwesenden Experten Potentiale, die es zu nutzen gilt: ökologische, weil weniger Flächen beansprucht werden; soziale, indem neue Wohnangebote für verschiedene Bevölkerungsgruppen geschaffen werden; und wirtschaftliche, weil attraktiver, wenn möglich energetisch sanierter
Wohnraum entsteht. So können etwa Dachaufstockungen ein Lösungsansatz sein für leistbares Wohnen ohne zusätzlichen Flächenverbrauch. Großes Augenmerk sollte dabei auf die Verwendung nachhaltiger regionaler Materialien wie etwa Holz NOI Techpark gelegt werden, ihnen sollte der Vorzug gegeben werden gegenüber billiger Materialen aus dem globalen Markt, die eine schlechtere CO2-Bilanz aufweisen und bei denen es dann große Probleme mit der Entsorgung gibt. Fokus auf Nachhaltigkeit heißt es auch bei der Plattform Land, die sich den Erhalt der Attraktivität des ländlichen Raumes auf die Fahnen geheftet hat und dabei besonders die Balance zwischen Wirtschaft, Gesellschaft und Umwelt im Auge hat. „Gerade im ländlichen Raum führt der Weg zu mehr Nachhaltigkeit über die Gemeinden. Denn auch wenn die Nachhaltigkeit ein globales Thema ist, müssen
viele Probleme lokal gelöst werden, wie etwa das Thema Bauen bei Mangel an bebaubaren Flächen“, sagt Ulrich Höllrigl, Geschäftsführer der Plattform Land. „Wir haben deshalb bereits 2017 ein Projekt zum Leerstandsmanagement gestartet, bei dem Leerstände in Südtiroler Gemeinden erhoben werden. Ziel ist es, den
Gemeinden einen Überblick über diese leerstehenden Bauten zu geben, damit sie in einem zweiten Schritt wieder genutzt werden könnten.“

Dieses Projekt, das einen wichtigen Beitrag zum Flächenschutz in Südtirol leisten will, wurde den Teilnehmern beim Webinar präsentiert. Wie Dachaufstockung und Sanierung im städtischen Raum und bei denkmalgeschützten Gebäuden aussehen kann, erzählten die Architekten Sylvia Dell’Agnolo und Marco Sette an konkreten Beispielen; besonders die Beratung der Bauherren durch die Architekten führe zu funktionalen Gebäuden, unter Berücksichtigung ihrer Geschichte. Sanierungen werden zudem derzeit auch vom Staat mit dem Dekret „Rilancio“ kräftig unterstützt: Privatpersonen können einen Steuerabzug von 110 Prozent auf energetische Sanierungen geltend machen, wenn sich die Energieklasse des Gebäudes um zwei Stufen erhöht.

„Hier sind die Rahmenbedingungen genau zu studieren und die dafür verwendeten Materialien müssen den ökologischen Mindestumweltkriterien (CAM) entsprechen, also weitestgehend natürlich und nachhaltig sein“, sagte Manuel Benedikter vom gleichnamigen Architekturbüro in Bozen und Vertreter der Kammer der Architekten, bei der Diskussionsrunde. „Durch eine gute Planung des Architekten ist es einerseits möglich, behutsam mit der Bausubstanz umzugehen und trotzdem, beispielsweise mittels geeigneter Dämmmaterialien und unter Einsatz einer angemessenen Beschattung, im Winter wie im Sommer die Innentemperatur auch ohne Klimaanlage im Komfortbereich zu halten“, so Benedikter.

Welche Lösungen man andernorts für die Themen  Leerstandsmanagement und Sanierung gefunden hat, wurde am Exempel des österreichischen Bundeslands Vorarlberg gezeigt. Dort werden sogenannte „Sanierungslotsen“ eingesetzt, die Besitzern von alten oder zu groß gewordenen Häusern dabei helfen, sie zu sanieren anstatt leer stehen zu lassen. Das Projekt läuft seit Anfang 2019. Zwölf „Sanierungslotsen“ sind derzeit im Einsatz, allesamt ausgebildete Architekten und Architektinnen, die über 60 Projekte begleiten.

Von: bba

Bezirk: Bozen

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

13 Kommentare auf "Verbautes Südtirol?"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Missx
Missx
Kinig
10 Tage 3 h

Gottseidank trifft der Artikel nicht für das grüne Pustertal zu. Stimmt, auch dort sind die Dörfer gewachsen, Wiesen mussten weichen. Aber seht euch die enormen Waldflächen an!

bern
bern
Superredner
10 Tage 32 Min

@Missx
wir haben im Pustertal genug verbaut. Bettenstop für die Hotels ist dringend notwendig um die Lebensqualität für die Einheimischen zu erhalten.

Missx
Missx
Kinig
9 Tage 21 h

@bern
Wenn man aber bedenkt, die Monokulturen vom Unterland bis ins Vinschgau hinauf. Bei uns gibt es wenigstens noch Wälder und Auen

halihalo
halihalo
Grünschnabel
9 Tage 19 h

es wird im ganzen Land… auch im Pustertal zu viel verbaut !!!…dank Massentourismus…man muß nur jetzt in die Skigebiete fahren mit den ganzen Hotelburgen …dort ist keine Spur von krise ..überall Bagger …letzte Vorbereitungen für die Wintersaison

Zugspitze947
9 Tage 21 h

Es dürfte KEINE Neubagenehmigung mehr geben wo nicht gleichzeitig eine Tiefgarage gebaut wird !!! Es wird viel zu VIEL wertvoller Boden  sinnlos verbaut ! Auch keine Einfamilienhäuser dürfte es mehr geben ,sondern mindestens 2,5 Stöckig ! 🙂

Missx
Missx
Kinig
9 Tage 20 h

@ zug
was ist eine Neubagenehmigung?
Bei uns in Südtirol machen wir, was wir wollen. Schau du bei dir in Oberammergau.
Ich habe ein neues Einfamilienhaus, 4stöckig ohne Tiefgarage. Das darf ich schon behalten wenn du erlaubst?

Zugspitze947
9 Tage 5 h

Missx: 4 stöckig ist schon mal sehr GUT ! Aber wenn es vom Gelände her möglich ist muss eine Tiefgarage drunter ! Denn dieser Platz ist für immer verloren. Also in Lana werden seit über 145 Jahren kaum Häuser gehnemigt die keine Tiefgarage haben ! Ich denke an unsere Nachkommen ,denn wir haben die Heimat nur geliehen ! 🙂

1litermuelch
1litermuelch
Tratscher
10 Tage 5 h

Und das ergebniss von lehr stehenden, nicht genutzten gebäuden ist? Klimaerwärmung!!!!!
Viel foch isch is problem, dass viel leit(familien) sich net entscheiden kennen wose mit ihmene gonzn, ougstondenen hab und gut tian sollen.
Des mottet johrzehnte weis vor sich hin und es miassn desholb nuie grianflächen verwendet werden, dass die nächste generation bauen konn.

Zugspitze947
9 Tage 5 h

Jo weil die Mieter zu VIELE Rechte hobn und viele sich nimmer trauen zu vermieten. 🙁 Man müsste viel mehr Renovieren nit lei nui Bauen 🙁

Jane
Jane
Neuling
9 Tage 21 h

Ganz allgemein: ich war an der Riviera, italienisch oder französisch: Betonverbauungen sind entsetzlich, machen die Luft nur unangenehm heiß und versiegeln unnatürlich den Boden.   

anonymous
anonymous
Universalgelehrter
9 Tage 20 h

Betonlandschaft U es geht immer weiter , Baukräne Wachsen wie die Pilze

Missx
Missx
Kinig
9 Tage 19 h

@zugspitz
Für Hunger und für Durst würdest du gerne wieder nach Südtirol zurück kommen. Das merkt man dir an. Aber wir wollen dich nicht mehr.

Zugspitze947
9 Tage 5 h

Missx: HAHAHAHA…………… einfach erbärmlich DEIN Post 🙁 denn ich werde mich NIE mehr in ITALIA Abhängigkeit begeben= Ich will FREI sein und DAS bin ich in Bayern ;-(

wpDiscuz