Erst übernehmen – und irgendwann selbst loslassen

Wenn Frauen übernehmen: Generationenwechsel im Handwerk

Sonntag, 30. August 2026 | 10:10 Uhr

Von: Lukas Unterkofler

Bozen – Einen Betrieb zu übernehmen heißt, Verantwortung zu übernehmen. Doch für einen gelungenen Generationenwechsel braucht es mehr. Beim Sommerempfang der Frauen im Handwerk zeigte sich, worauf es wirklich ankommt.

Am Larcherhof in Bozen stand heute die Betriebsnachfolge im Mittelpunkt. Der Sommerempfang der Frauen im Handwerk stand unter dem Motto „Starke Wurzeln, neue Wege – übernehmen, gestalten, weiterführen“. Dabei ging es um eine Frage, die viele Familienbetriebe beschäftigt: Wie lässt sich Bewährtes erhalten und zugleich Platz für Neues schaffen?

„Frauen gestalten Handwerksbetriebe heute aktiv mit und übernehmen selbst unternehmerische Verantwortung“, betonte Petra Holzer, Landesobfrau der Frauen im Handwerk. „Wir wollen sie darin bestärken, diesen Schritt zu gehen und Betriebe nach ihren eigenen Vorstellungen weiterzuentwickeln.“

Auch Daniela Bortolon, Vizelandesobfrau der Frauen im Handwerk, richtete den Blick auf die Nachfolge: „Frauen müssen von Anfang an als mögliche Nachfolgerinnen gesehen werden. Wer einen Betrieb übernehmen will, braucht Vertrauen, Anerkennung und Gestaltungsautonomie.“

Eine Übergabe beginnt nicht beim Vertrag

Wer einen Betrieb weitergibt, muss mehr klären als rechtliche und wirtschaftliche Fragen: Wer entscheidet künftig? Wie viel darf sich verändern? Wie bleibt wertvolles Wissen erhalten? Und wie gelingt das Loslassen?

„Die Nachfolge ist eine der zentralen Zukunftsfragen für unser Handwerk“, erklärte lvh-Vizepräsidentin Angelika Wiedmer. „Eine erfolgreiche Übergabe sichert Betriebe, Wissen und Arbeitsplätze. Dafür müssen wir rechtzeitig die Voraussetzungen schaffen.“ In dieselbe Kerbe schlug auch lvh-Vizepräsident Hannes Mussak: „Ein Betrieb ist wie ein Baum, der wachsen will und soll. Damit dies geschehen kann, müssen wir der jungen Generation unsere Erfahrungen, unser Know-how, aber auch das Vertrauen mitgeben.“

Neben Wiedmer nahmen unter anderem Landesrat Luis Walcher, die Landtagsabgeordneten Waltraud Deeg und Maria Elisabeth Rieder, die Obfrau von „Frau in der Wirtschaft“ im Bezirk Landeck Petra Erhart Ruffer, die Bezirksbäuerin von Eisacktal/Wipptal im SBB, Irmgard Santer, sowie Priska Reichhalter, Landesobfrau der Junghandwerker/innen im lvh, am Sommerempfang teil.

Die menschliche Seite rückte Vera Nicolussi-Leck in ihrem Impulsvortrag in den Mittelpunkt. Bei einer Betriebsübergabe verändern sich nicht nur Zuständigkeiten, sondern auch Beziehungen. Vertrauen, Kommunikation und klare Rollen sind deshalb entscheidend.

Erst übernehmen – und irgendwann selbst loslassen

Wie persönlich dieser Prozess ist, zeigte Anna Graus von der Graus Bauunternehmung GmbH (Wiesen). „Einen Betrieb zu übernehmen bedeutet, zuerst den eigenen Platz zu finden“, sagte Graus. „Die Erfahrung der vorherigen Generation ist dabei enorm wertvoll. Aber irgendwann steht man selbst auf der anderen Seite und muss Verantwortung weitergeben. Dann merkt man, dass auch Loslassen Teil einer gelungenen Übergabe ist.“ Wichtig sei es, Wissen weiterzugeben, ohne die nächste Generation an die eigenen Entscheidungen zu binden.

Den eigenen Weg finden

Dagmar Dantone vom Malerbetrieb Dantone (St. Lorenzen) brachte die Perspektive der Übernehmenden ein. Für sie bedeutete die Übernahme, selbst zu entscheiden und eine eigene Vorstellung davon zu entwickeln, wohin sich der Betrieb bewegen soll.

„Mit der Übernahme verändert sich der Blick auf den Betrieb“, unterstrich Dantone. „Erfahrung ist wichtig – genauso wie das Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten und der Mut, manches anders zu machen.“

Die beiden Erfahrungen zeigen zwei Seiten desselben Prozesses: Eine Generation muss bereit sein, Verantwortung zu übernehmen. Die andere muss bereit sein, sie abzugeben.

Dabei muss Wissen nicht verloren gehen. Die ältere Generation kann weiterhin begleiten und beraten – führen und entscheiden muss die neue.

Der Sommerempfang zeigte: Am Ende kommt es nicht nur darauf an, wer übernehmen will – sondern auch darauf, wer bereit ist, loszulassen.

Bezirk: Bozen

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