Mitarbeiterunterkünfte im Check

Zwischen Notlösung und „echtem“ Zuhause

Freitag, 27. Februar 2026 | 10:39 Uhr

Von: mk

Bozen – Südtirols Arbeitgeber suchen händeringend Personal, doch der Südtiroler Mietmarkt ist leergefegt. Sind temporäre Mitarbeiterunterkünfte in Gewerbezonen die Antwort auf Fachkräftemangel und Wohnungsnot? Im neunten Webinar der Reihe „AFI im Dialog“ diskutierte das AFI | Arbeitsförderungsinstitut gemeinsam mit Experten über Möglichkeiten und Grenzen des betrieblichen Wohnens.

Die Abhängigkeit der Südtiroler Wirtschaft von auswärtigen Arbeitskräften ist in den letzten 20 Jahren stetig gestiegen. Gleichzeitig verlassen jährlich rund 1.500 meist hochqualifizierte Südtiroler das Land. Einer der Hauptgründe für Abwanderung und schleppende qualifizierte Zuwanderung: fehlender und teurer Wohnraum.

Der rechtliche Rahmen: Wohnen im Gewerbegebiet

Um Hürden bei der Rekrutierung von Fachkräften von auswärts abzubauen, hat das Land Südtirol die Errichtung von Mitarbeiterunterkünften in Gewerbezonen erleichtert. Elena Lucio vom Landesamt für Handwerk und Gewerbegebiete klärte über die aktuelle Regelung auf: „Die rechtlichen Hürden wurden gesenkt, sodass Unternehmen nun leichter Unterkünfte für ihre Mitarbeitenden schaffen können. Es handelt sich dabei jedoch um temporäre, auf maximal zwölf Monate befristete Lösungen, die an den Arbeitsvertrag gebunden sind.“

Aus Sicht der Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer könnte genau diese Koppelung ein Problemfaktor darstellen: Der Verlust des Arbeitsplatzes hat automatisch auch den Entzug der Unterkunft zur Folge, was die Beschäftigten in eine hohe Abhängigkeit vom Arbeitgeber bringt, heißt es aus gewerkschaftlichen Kreisen.

Die Sicht der Arbeitgeber

Für die Unternehmen ist die Situation paradox: Die Auftragsbücher sind oft voll, neue Jobs würden angeboten, aber viele Stellen bleiben unbesetzt. Für Mirco Marchiodi (Direktor Unternehmerverband Südtirol) steht fest, dass die zeitweiligen Unterkünfte zwar eine kurzfristige Hilfe, aber keine strukturelle Lösung für das Wohnungsproblem sind. „Gewerbegebiete sind nicht für Wohnzwecke geeignet. Hier gilt es gemeinsam mit Politik und Sozialpartnern alternative Lösungen zu finden. Viele Unternehmen leisten trotzdem schon aktiv ihren Beitrag: Sie unterstützen bei der Wohnungssuche, mieten Unterkünfte an oder wären bereit, auf ungenutzten Flächen wie beispielsweise den Militärarealen, Wohnungen für ihre Mitarbeitenden zu bauen.“

Unternehmen als Partner im gemeinnützigen Wohnbau?

Einen möglichen Ausweg aus dem Dilemma zwischen temporärer Unterbringung im Gewerbegebiet und echtem Zuhause skizzierte Lisa Ploner von „Arche im KVW“. Sie sieht im gemeinnützigen Wohnbau großes Potenzial für Kooperationen. „Wenn Unternehmen sich zusammentun und etwa über Stiftungen Wohnungen bauen, entsteht mehr als nur eine Schlafstätte. Wir schaffen damit ‚echten‘ Wohnraum, der leistbar, dauerhaft und sozial eingebettet ist“, so Ploner.

Die Diskussion lieferte weitere spannende Impulse. Ein vielversprechendes Beispiel ist die Initiative Temporary Home von Coopbund: Die Genossenschaft aktiviert leerstehenden Wohnraum, indem sie Objekte anmietet und diese gezielt an Unternehmen für deren Mitarbeitende weitervermittelt.

Zusammenfassend lässt sich festhalten: Auch wenn temporäre Unterkünfte im Gewerbegebiet kurzfristig eine wirksame Pufferlösung darstellen, muss auf lange Sicht der Fokus auf Modellen liegen, welche die Interessen aller Beteiligten in Einklang bringen. Davon profitieren Arbeitgeber und Beschäftigte gleichermaßen – und schlussendlich ganz Südtirol.

Bezirk: Bozen

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