Szene vor der von einer Explosion verwüsteten Bar

40 Tote bei Silvesterparty im schweizerischen Crans-Montana

Donnerstag, 01. Januar 2026 | 23:57 Uhr

Von: APA/AFP/dpa/sda/Reuters

Ein verheerendes Feuer bei einer Silvesterfeier in einer Bar im Schweizer Nobel-Skiort Crans-Montana hat offiziellen Angaben zufolge rund 40 Menschen das Leben gekostet. Außerdem wurden 115 weitere Menschen größtenteils schwer verletzt. Einige der Opfer schwebten Donnerstagabend noch in Lebensgefahr. Österreicherinnen oder Österreicher waren nach derzeitigem Stand nicht unter den Opfern, hieß es am Donnerstag auf APA-Anfrage aus dem Außenministerium in Wien.

Donnerstagabend bot Österreich der Schweiz im Rahmen der Katastrophenhilfe über das Innenministerium die medizinische Betreuung von vorerst fünf schwer verletzten Personen an. Weitere medizinische Kapazitäten würden derzeit überprüft und im Fall umgehend den zuständigen Schweizer Behörden übermittelt, teilte das Innenministerium der APA mit. Bei Bedarf solle das Nachbarland auch kriminalpolizeiliche Assistenz aus Österreich erhalten, hieß es aus dem Ministerium weiter.

“Es handelt sich um eine der schlimmsten Tragödien, die es in der Geschichte dieses Landes gab. Wir sind bestürzt”, sagte der Schweizer Bundespräsident Guy Parmelin, der vom “Drama von Crans-Montana” sprach. “Dieser Abend sollte eigentlich ein Fest sein, doch er wurde zu einem Alptraum”, erklärte der Präsident der Regierung im Kanton Wallis, Mathias Reynard. ÖVP-Bundeskanzler Christian Stocker sprach der Schweiz “im Namen der österreichischen Bundesregierung und auch persönlich” sein tief empfundenes Beileid aus.

Inferno binnen kürzester Zeit

Die Silvesterparty in der Bar “Le Constellation” in dem beliebten Touristenort hatte sich in der Silvesternacht binnen weniger Minuten in ein Inferno verwandelt. “Es herrschte absolute Panik, alle schrien”, berichteten die Französinnen Emma und Albane im Sender BFMTV über die dramatischen Momente nach dem Ausbruch des Feuers. “Jemand schlug ein Fenster ein, damit die Leute rauskamen.”

Ein anderer Augenzeuge, Samuel Rapp, berichtete von schreienden jungen Menschen auf der Straße mit versengten Haaren, die sich die Kleider vom Leib rissen. “Es war der Horror”, sagte er dem Schweizer Fernsehen.

“Flashover”als mögliche Ursache für Tragödie

Die Ursache für den Brand ist weiter unklar. “Es gibt mehrere Hypothesen, unsere Hauptthese ist, dass der gesamte Raum Feuer gefangen hat, und das zu einer Explosion geführt hat”, sagte die Generalstaatsanwältin des Kantons Wallis, Beatrice Pilloud. Die Ermittlungen liefen. Dazu würden auch am Brandort gefundene Telefone ausgewertet. Der für Sicherheit zuständige Staatsrat des Wallis, Stéphane Ganzer, sagte, die Explosion habe sich erst nach dem Ausbruch des Feuers ereignet, der Brand sei nicht durch explosive Gegenstände ausgelöst worden.

Die Kantonsregierung des Wallis schrieb in einer Mitteilung von einem “Flashover” in der Bar. “In der Silvesternacht vom 31. Dezember auf den 1. Januar 2026 kam es in der Bar ‘Le Constellation’ in Crans-Montana infolge eines Brandes zu einem Flashover, der eine oder mehrere Explosionen zur Folge hatte und zahlreiche Tote und Verletzte forderte”, hieß es in der Mitteilung des Staatsrats (der Regierung des Kantons).

Die Brandschutzsachverständige Sandra Barz erklärte das Phänomen “Flashover” als ein “kleines Brandereignis”, das die Hitze an die Umgebungstemperatur abgebe – dann sammele sich unter der Decke die Hitze. Dieser Wärmestau werde heißer und heißer, erklärte die deutsche Expertin in der ARD-Sendung “Brennpunkt”. Alle brennbaren Materialien in dem betroffenen Raum würden dann irgendwann chemisch zersetzt und bildeten bestimmte Gase.

“Und bei dem richtigen Mischungsverhältnis und bei einer immer höher werdenden Temperatur ist das eine Durchzündung, eine Feuerwalze, die komplett alles gleichzeitig in Brand nimmt, ohne dass es durch eine Flamme berührt wird.” Im Zuge eines “Flashovers” erfolgt nach Darstellung von Barz ein Temperaturanstieg innerhalb von geringer Zeit, auf etwa 1.000 bis 1.200 Grad. Zusätzlich falle der Sauerstoffgehalt auf unter vier Prozent. Sie betonte: “Das heißt, unser menschlicher Körper ist dafür nicht gemacht.” Selbst für Feuerwehrleute stelle das eine schwierige Situation dar. Für Menschen ohne Schutzkleidung sei sie nicht zu überleben.

Die Augenzeuginnen aus Frankreich sagten, das Feuer sei durch Kerzen verursacht worden, die in Champagnerflaschen gesteckt hätten. Eine davon sei zu nah an die Decke gekommen, die dann Feuer gefangen habe. Demnach hatten sich zum Unglückszeitpunkt rund 200 Gäste in der Bar aufgehalten, die meisten zwischen 15 und 20 Jahre alt. Ein junger Mann, der sich während des Unglücks in der Bar aufhielt, sagte der Schweizer Zeitung “24 Heures”, Feuerwerkskörper auf Flaschen hätten einen Deckenbrand ausgelöst, der sich schnell ausgebreitet und Panik ausgelöst habe.

“Viele Schwerverletzte, viele stark Verbrannte”

Die Identifizierung der Todesopfer dauert an. “Wir haben viele Schwerverletzte, viele stark Verbrannte”, sagte Kantonspräsident Reynard. “Die Identifizierung der Leichen und der Verletzten kann leider noch etwas Zeit brauchen. Wir haben volles Vertrauen in die Teams, die sich um die Identifizierung kümmern.” Dies sei vor allem für die Angehörigen “ein furchtbarer Moment”.

Bei den Opfern handelt es sich nach Angaben der Polizei überwiegend um junge Leute, womöglich auch Minderjährige, wie der Kommandant der Kantonspolizei, Frédéric Gisler, sagte. Es werde “wahrscheinlich auch Opfer aus dem Ausland” geben, ergänzte Gisler.

Nach Angaben des italienischen Außenministers Antonio Tajani wurden zwischen zwölf und 15 Italiener bei dem Feuer verletzt und in Krankenhäuser eingeliefert. Etwa 16 Italiener würden vermisst. Das französische Außenministerium erklärte am Donnerstagabend, dass mindestens neun Franzosen verletzt worden seien und acht weitere noch vermisst würden.

Bewohner und Touristen in Crans-Montana äußerten sich schockiert. “Wir haben eine Explosion gehört, aber das hörte sich überhaupt nicht wie Silvesterfeuerwerk an”, sagte Jeoffrey d’Amecourt dem Sender RTS. Das Gebäude, in dem sich die Bar befand, sei schwer beschädigt worden. Die Polizei hat das Gelände rund um die Bar auf der Hauptstraße des Ortes weiträumig abgesperrt.

Der 18-jährige Alexis Laguerre, der mit Freunden an der Bar vorbeikam, sagte dem Schweizer Sender SRF: “Menschen rannten durch die Flammen (…). Menschen benutzten Stühle, um die Fenster einzuschlagen.”

Viele offene Fragen

Zu den Brandschutzvorkehrungen in der Bar machte Pilloud zunächst keine Angaben. “Die Untersuchung wird zeigen, ob Sicherheitsmaßnahmen eingehalten wurden oder nicht”, sagte sie. Wie viele Leute sich zum Zeitpunkt des Unglücks in der Bar aufhielten und für wie viele Besucher sie zugelassen war, konnte sie ebenfalls nicht sagen. Auf Nachfrage äußerte sie sich nicht dazu, ob die Bar über die korrekten Notausgänge verfügte und ob diese auch funktionierten.

Die vielen Opfer wurden per Hubschrauber in umliegende Krankenhäuser gebracht, etwa in Sitten, Zürich, Lausanne und auch ins rund 100 Kilometer Luftlinie entfernte Genf. Nachbarländer hätten Aufnahmen angeboten, teilten die Behörden mit. So sollten Opfer etwa nach Mailand in Italien verlegt werden.

Der Alarm ging bei der Polizei gegen 1.30 Uhr ein. In der Bar feierten noch zahlreiche Besucher der Silvesterparty in das neue Jahr. Die Einsatzkräfte seien innerhalb von zwei Minuten vor Ort gewesen, so die Polizei. Angesichts des Ausmaßes der Tragödie eilte unter anderem auch die Bergwacht aus dem Aostatal in Italien zu Hilfe.

Nobel-Skiort

Crans-Montana liegt im Kanton Wallis und gilt als mondäner Ferienort mit vielen Prominenten. Berühmtester Einwohner war James-Bond-Schauspieler Roger Moore (1927-2017). Der Ort auf etwa 1.500 Metern Höhe hat ein großes Skigebiet. Ende Jänner und Anfang Februar finden dort auch Rennen des Ski-Weltcups statt.

Über die Feiertage ist der Ort in der Regel ausgebucht. Auf rund 10.000 Einwohner kommen in etwa 2.600 Hotelbetten, davon acht Hotels in der Luxuskategorie, und Hunderte Ferienwohnungen. Bei rund einer Million Übernachtungen im Jahr kommen nach Angaben der örtlichen Tourismusbehörde etwa 20 Prozent der Gäste aus dem Ausland. Der nächste große Flughafen ist Genf. Auf dem Landweg sind es von dort aus 180 Kilometer.

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