Vom Nutzen und Schaden der Brenner-Blockade – ein Kommentar

Eigentor oder nicht?

Freitag, 12. Juni 2026 | 01:19 Uhr

Von: ka

Bozen/Brenner – Fast zwei Wochen nach der Brenner-Blockade am 30. Mai ist der Pulverdampf verraucht und langsam lichtet sich der Blick auf die eigentliche Frage: War die lange vorher angekündigte Blockade des Brenners mit mehrstündiger Sperre der Autobahn und der Bundesstraße der „Sache“ – der Verbesserung der Lebensverhältnisse der Bevölkerung durch Verringerung der Transitbelastung – dienlich, oder besteht eher die Gefahr eines „eklatanten Eigentors“, wie Südtirols Landeshauptmann Arno Kompatscher vermutet?

APA/APA/EXPA/ JOHANN GRODER/EXPA/ JOHANN GRODER

Sicherlich, der Aufschrei kam an. Die Demonstration erhielt zwar viel Aufmerksamkeit in den Medien, verschwand dann aber bald wieder im deutschen, österreichischen und italienischen Blätterwald. Das lag auch daran, dass das befürchtete Desaster ausblieb. Die lang vorher angekündigte Blockade gab den Touristen und Frachtunternehmen, aber auch den Behörden im gesamten Alpenraum genug Zeit, sich vorzubereiten – sprich, vorher oder nachher zu fahren oder einen weiten Umweg zu nehmen und Lkw frühzeitig aufzuhalten.

Insgesamt änderte sich dadurch natürlich nichts, denn der Verkehr, der für einige Stunden zum Stillstand kam, verlagerte sich lediglich auf andere Tage. Negativ ist jedoch, dass die Sperre nicht „nur” zwischen Österreich, Deutschland und Italien, sondern auch zwischen Nord- und Südtirol neue Wunden aufriss. Dies ist einer einvernehmlichen Lösung vor dem Showdown des von Italien angestrengten EU-Verfahrens gegen die Alpenrepublik wenig förderlich.

LPA/Maja Clara

Bei näherer Betrachtung ist die Zunahme des Transitverkehrs nichts anderes als eine Folge des Zeitgeists. Urlaube werden immer häufiger, aber auch immer kürzer, was den Urlaubsverkehr in die Höhe treibt. Die Lust, jegliche Konsumgüter sofort verfügbar zu haben und sie sich gerne durch Speditionen frei Haus liefern zu lassen, lässt auch den Schwerverkehr brummen. Mauterhöhungen bremsen dieses Treiben nur sehr bedingt, denn die umgelegten Kosten bewegen sich bestenfalls im Promillebereich.

Verbesserungen werden erst eintreten, wenn umweltfreundliche Wasserstoff- und Elektro-Lkw ebenso zahlreich werden wie E-Autos. Alle drei betroffenen Länder setzen große Hoffnungen in den Brennerbasistunnel. Um jedoch mehr Verkehr auf die Schiene zu bringen, sind neben dem Tunnel auch Druck und weniger Zugstreiks vonnöten. Viele Lösungen liegen auf der Hand. Neben der Verlagerung des Transits wären Mautabschläge und „freie Fahrt” für umweltfreundliche E-Fahrzeuge und -Lkws eine Möglichkeit.

TBM „Lilia“ durchbricht erfolgreich die Haupttunnelröhre Ost
BBT SE

Um die Gräben zu kitten, demonstrierten die Landeshauptleute von Tirol und Südtirol Einigkeit in Sachen Transit. Man verfolge „eine gemeinsame Zielsetzung“, nämlich dessen Reduktion, so der O-Ton. Die Gefahr eines Eigentors scheint gebannt. Dem Aufschrei der Bevölkerung ist Rechnung zu tragen, aber es ist nützlicher, zu reden und länderübergreifend gemeinsam zu handeln, als den Nachbarn „gegen das Schienbein zu treten”, wie es am 30. Mai geschah.

Bezirk: Bozen

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