Von Gewalt betroffene Seniorinnen suchen nur selten Hilfe

Gewalt gegen ältere Frauen unerforscht und “unsichtbar”

Montag, 23. März 2026 | 12:25 Uhr

Von: apa

Im Jahr 2024 waren nach Zählung des Vereins Autonome Österreichische Frauenhäuser (AÖF) 51 Prozent aller Opfer von Femiziden in Österreich ältere Frauen (60 plus). Dies gilt aber nur als Spitze des Eisbergs eines wachsenden Problems: Gewalt gegen ältere Frauen sei großteils unerforscht und dadurch “unsichtbar” und werde noch dazu teils “als normal angesehen”, hieß es am Montag bei einer Abschlussveranstaltung zum EU-Projekt MARVOW, das diese Mängel beheben helfen soll.

Knapp ein Viertel der Frauen zwischen 65 und 74 Jahren innerhalb der EU hat geschlechtsspezifische Gewalt erlebt. Diese Zahl geht auf eine Erhebung aus 2024 in den 27 Mitgliedstaaten zurück, die auf Befragungen von rund 114.000 Frauen basiert. Da berichteten 24,2 Prozent der älteren Frauen – hier eingeschränkt auf die Gruppe von 65 bis 74 Jahren – über Gewalt durch beliebige Täter. Bei der Gruppe der 18- bis 74-Jährigen waren es 30,7 Prozent.

Fälle im Verborgenen

“Ein Großteil der Fälle” bleibe aber im Verborgenen, sagte Martina Knoll vom AÖF und MARVOW-Projektkoordinatorin. Viele Betroffene “sprechen nicht darüber, EU-weit meldet nur etwa jede achte Betroffene Gewalt”. In Österreich berichteten bei einer schon länger zurückliegenden Erhebung (2014) 23,8 Prozent der Frauen ab 60 plus, die in privaten Haushalten lebten, von Gewalterfahrungen. Am häufigsten wurde emotionale Gewalt (fast 20 Prozent) genannt, vor Vernachlässigung (6,1 Prozent), finanzieller Gewalt (4,7 Prozent) und “verschiedenen Arten von Missbrauch” (wie häufige Belästigungen, insgesamt 4,5 Prozent).

Bei Hilfesuchenden machen ältere Frauen aber auch in Österreich einen geringen Anteil aus, berichtete Knoll: 2024 seien nur zwei Prozent der Bewohnerinnen in AÖF-Frauenhäusern über 60 gewesen und lediglich 5,4 Prozent der Anruferinnen bei der Frauenhelpline. Nur 4,5 Prozent der in Gewaltschutzzentren Betreuten zählten 2023 über 60 Jahre.

Komplexe Abhängigkeiten und Isolation

Gerade im höheren Alter werde Gewalt häufig nicht erkannt, auch nicht von Schutzzentren und Behörden, so Knoll. Abhängigkeiten, gesundheitliche Einschränkungen, soziale Isolation oder Scham würden es Betroffenen schwer machen, Hilfe zu suchen. “Besonders komplex wird es, wenn der Täter eine Pflegeperson ist”, womöglich der Partner oder das eigene Kind. Die Lebensumstände seien häufig von finanzieller Abhängigkeit, Krankheit und Isolation geprägt. Unterstützungsangebote seien oft nicht auf solche Herausforderungen vorbereitet, meinte Knoll. Noch dazu ende die europäische Datenerhebung bei 74 Jahren, wodurch die Situation von Frauen über 75 kaum erfasst ist.

Das europäische Projekt MARVOW 2.0 (Multi-Agency Response to Violence against Older Women) liefert nun Vorschläge für Verbesserungen. Seit 2023 haben neun europäische Partnerorganisationen daran gearbeitet. Ein Handbuch und eine Checkliste, die als ergänzendes Instrument zur Risikobewertung gedacht ist, sollen Fachkräften aus Gesundheitswesen, Sozialdiensten, Polizei, Justiz, Helplines, Opferschutzdiensten und Täterprogrammen bessere Instrumente in die Hand geben.

Schlechte Datenlage

Für weitere Maßnahmen seien dringend bessere Daten nötig, betonte Knoll. “Bisher liegen kaum Studien zu Gewalt gegen ältere Frauen vor.” Die drei Hauptarten seien die Misshandlung älterer Menschen, häusliche Gewalt und Missbrauch sowie Gewalt in Paarbeziehungen. Laut Zählung der Frauenhäuser betrafen im Jahr 2019 noch 14 Prozent aller Femizide in Österreich Frauen ab 60 Jahren, 2020 waren es 33 Prozent, ein Jahr später 29 Prozent und im Jahr 2022 dann 34 Prozent. 2024 sei der Anteil auf 51 Prozent angewachsen. Eine Erklärung für den drastischen Anstieg des Anteils älterer Frauen habe sie nicht, “da bräuchte es eine große Studie”, so die Expertin.

(S E R V I C E – https://marvow.eu/ – Informationsstelle gegen Gewalt www.aoef.at – Frauenhelpline gegen Gewalt 0800-222-555 www.frauenhelpline.at – Polizei-Notruf bei akuter Gewalt: 133, Gewalt im Alter Prosenectute Beratungstelefon: 0699/11-20-00-99)

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