Interreg-Projekt

Gletscher als Indikatoren des Klimawandels

Mittwoch, 01. Dezember 2021 | 12:14 Uhr

Bozen – Mit großer Wahrscheinlichkeit ist davon auszugehen, dass gegen Ende des 21. Jahrhunderts nur mehr weniger als ein Zehntel der aktuellen Wasserspende aus Gletscherschmelze zur Verfügung stehen wird. Vier Jahre lang haben Forscher und Forscherinnen mit traditionellen Gletschermessverfahren und modernsten Fernerkundungstechnologien die Gletscher in Südtirol und Tirol untersucht. Heute wurde das Interreg-Projekt Glacier Inventory South Tyrol-Tyrol GLISTT via Videokonferenz dargelegt und zusammengefasst.

“Die Beobachtung der Veränderungen der Kryosphäre und der Morphologie des Hochgebirges ist von grundlegender Bedeutung”, betonte der Direktor des Landesamtes für Hydrologie und Stauanlagen in der Agentur für Bevölkerungsschutz Roberto Dinale. Mit Rudolf Sailer von der Universität Innsbruck und Claudia Notarnicola von Eurac Research war er federführend am innovativen Konzept zum grenzübergreifenden Gletschermonitoring unter besonderer Berücksichtigung der Anwenderorganisationen in den Bereichen Hydrologie, Naturgefahren, Wasser- und E-Wirtschaft, Landwirtschaft und Tourismus beteiligt.

“Der Rückzug der Gletscher”, erklärte der Direktor der Agentur für Bevölkerungsschutz Klaus Unterweger bei der Eröffnung der Abschlusskonferenz, “hat gravierende Auswirkungen auf den Wasserhaushalt und die Fließgewässer. Deshalb gilt es, die zentrale Bedeutung für ihren Schutz noch stärker in das gesellschaftliche Bewusstsein zu heben.”

Der Rektor der Universität Innsbruck Tilmann Märk verwies auf die gute und konstruktive Zusammenarbeit der Projektpartner und hob hervor, dass dieses Projekt einen wichtigen Beitrag zum besseren Verständnis des Gletscher- und Klimawandels in den Alpen leiste: “Für die vor uns stehenden Aufgaben zur Bewältigung der Folgen des Klimawandels bilden diese wissenschaftlich fundierten Erkenntnisse eine wichtige Grundlage.” Die Gletscher als “die augenscheinlichen Indikatoren des Klimawandels”, unterstrich auch der Präsident von Eurac Research Roland Psenner, “werden damit zu Vorboten seiner zu erwartenden schwerwiegenden Folgen”.

20 Prozent Flächenverlust in weniger als eineinhalb Jahrzehnten

Die Gletscheränderungen in Fläche, Volumen und Masse wurden im Verlauf dieses Projektes mit modernsten Verfahren auf Basis von Laserscanaufnahmen, Orthophotos und Satellitenbildern erfasst, quantifiziert und inventarisiert, fasste Christoph Klug vom Institut für Geographie an der Universität Innsbruck zusammen: In Tirol wie in Südtirol beträgt der mittlere Flächenverlust, den die Gletscher in etwas weniger als eineinhalb Jahrzehnten erfahren haben, fast 20 Prozent. In nur drei Regionen Südtirols und nur einer Region Tirols wird dieser Wert unterschritten. Die geringste Veränderung der Gletscherfläche erfolgte im Südtiroler Teil der Stubaier Alpen mit 13 Prozent. Am größten ist der Flächenverlust bei den Zillertaler Alpen mit 20 Prozent auf Südtiroler und mit 30 Prozent auf Nordtiroler Seite.

Beobachtung mit innovativen Satelliten Sentinel-1 und Sentinel-2

Im Rahmen des GLISTT-Projektes wurden neue Methoden für die Verarbeitung von Satellitendaten entwickelt, führte Mattia Callegari von Eurac Research aus: Dank einer speziellen Datenverarbeitung, das heißt durch Interferometrie, können die Sentinel-1-Radardaten Oberflächenbewegungen erkennen. Diese Eigenschaft wird für die Kartierung von schuttbedeckten Gletschern genutzt, die auf den uns vertrauten optischen Bildern nur schwer zu erkennen sind. Mit Schutt bedeckte Gletscher bewegen sich in der Regel ebenfalls hangabwärts und sind daher auf Sentinel-1-Radarbildern leicht zu erkennen.

Fünf Foto-Webcams überwachen die Gletschergebiete

Um die Gletscher im grenzüberschreitenden Projektgebiet kontinuierlich und in Echtzeit beobachten zu können, wurden im Rahmen von GLISTT fünf Webcams installiert, um die Gletschergebiete zu überwachen. Bilder in Echtzeit können über die Projekt-Website www.uibk.ac.at/geographie/projects/glistt/ abgerufen werden. Eine Zusammenfassung der Projekt-Ergebnisse findet sich im Final Report im Anhang.

Leadpartner des Projektes GLISTT – Interregionales Gletschermonitoringkonzept für die Region Südtirol-Tirol Interreg V-A Italien-Österreich 2014-2020 sind das Institut für Atmosphären- und Kryosphärenwissenschaften und das Institut für Geographie an der Universität Innsbruck, Partner sind Eurac Research und die Agentur für Bevölkerungsschutz in Bozen.

Von: mk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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2 Kommentare auf "Gletscher als Indikatoren des Klimawandels"


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Ludwig1
Ludwig1
Grünschnabel
1 Monat 19 Tage

Die Gletscher gehen vor allem während der Sommermonate zurück. Daher könnte man diese mit Eisbrei aus Schneekanonen bedecken, um das abschmelzen zu verlangsamen. Der Ausbau von Skigebieten belastet Umwelt und Klima. Deshalb wäre es eine Überlegung wert, den Ausbau von Skigebieten in Südtirol zu unterlassen und stattdessen die Gletscher zu retten… was noch zu retten ist.

Faktenchecker
1 Monat 19 Tage
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