Von: apa
Die Situation von Jugendlichen in Tirol, die einen hochriskanten Drogenkonsum betreiben, hat sich in den vergangenen Jahren zugespitzt. Experten beobachten seit 2018 einen enormen Anstieg von Minderjährigen, die allerlei Substanzen konsumieren und auch intravenös spritzen. Der Innsbrucker Oberarzt für Kinder- und Jugendheilkunde, Klaus Kapelari, sprach gegenüber der APA von einer Verdoppelung der Aufnahmen auf der Intensivstation im Jahr 2022. Hauptbetroffen sind Mädchen.
“Wir haben den Anstieg schon vor der Corona-Pandemie bemerkt”, blickte Kapelari im APA-Gespräch zurück. “Richtig explodiert” seien die Zahlen dann in den Pandemie-Jahren und erreichten 2022 “ein absolutes Hoch”. Während davor jährlich zwischen 25 und 35 Intensivstation-Aufenthalte in Tirol verzeichnet wurden, waren es 2022 plötzlich 56. Momentan dürfte es im Bundesland zwischen 160 und 170 Jugendliche geben, die “gefährlich und regelmäßig konsumieren, davon 30 immer wieder mit schweren Vergiftungen”.
Und dann gäbe es fünf bis zehn Jugendliche, die ein extrem hohes Risiko haben, in nächster Zeit an den Folgen ihres risikoreichen Konsums zu versterben. “Um die mache ich mir im Moment ganz ernste Sorgen”, meinte der Leiter der Kinderschutzgruppe und ärztliche Leiter des “Kompetenzzentrum – Gewaltambulanz”.
Mehrere minderjährige Mädchen nach Überdosis tot
Dieselben Erfahrungen machte Gerhard Jäger, Geschäftsführer des Innsbrucker Drogen-Beratungszentrums “Z6”, der von zunehmenden Belastungen berichtete. Seit 20 Jahren macht er nun seinen Job. “In den ersten 15 Jahren habe ich vier oder fünf Todesfälle mitbekommen. Seit 2019 hab ich aufgehört, zu zählen”, sprach er bereits von vier drogenbezogenen Todesfällen allein im heurigen Jahr. In den vergangenen Wochen wurde über Medienberichte der Tod von drei Mädchen im Alter von 13, 14 und 16 Jahren bekannt, die in Innsbrucker Wohnungen und im Unterland offenbar an einer Überdosis gestorben waren.
Erschreckend sei auch, dass die Klientinnen und Klienten im “Z6” immer jünger werden: “Vor drei Jahren waren wir schockiert, als die ersten 14-Jährigen bei uns waren. Letztes Jahr waren dann die ersten Zwölfjährigen da.” Auffallend sei zudem, dass überwiegend Mädchen betroffen seien. All jene, die im Vorjahr wegen intravenösen Konsums beraten wurden, seien weiblich gewesen, erzählte Jäger. Dies zeigt sich auch im Spital, großteils landen Mädchen wegen ihres Konsums dort, bestätigte Kapelari. “Je jünger, desto weiblicher”, fasste er zusammen. Burschen scheinen eine “bessere Kontrolle” über ihren Konsum zu haben bzw. weniger oft die Drogen von anderen Personen verabreicht zu bekommen.
Eindeutige Trends beobachteten die Experten auch bei den konsumierten Drogen. Früher habe man es vorwiegend mit Cannabis in den Beratungen und im Spital zu tun gehabt. Mittlerweile werde vielfach ein hochriskanter – häufig intravenöser – Konsum von Opiaten und Kokain in Kombination mit Benzodiazepinen, Ecstasy, Alkohol und Cannabis betrieben, am Vormarsch sei auch Ketamin. Vieles davon werde einfach übers Internet gekauft. “Bei Jugendlichen muss man sich – im Gegensatz zu Erwachsenen – bei der Einlieferung fragen, was sie nicht konsumiert haben”, schilderte Kapelari eine Herausforderung. Es sei dann oftmals schwierig herauszufinden, was man gegen die Vergiftung verabreichen könne.
Trauma liegt hochriskantem Konsum meist zugrunde
Über die Gründe für die dramatische Entwicklung konnte Jäger indes “nur Vermutungen” anstellen. Die Pandemie mit ihren Lockdowns sei definitiv eine “einschneidende Geschichte” gewesen, “aber irgendwann muss es ja aufhören”. Bei den hochriskant-konsumierenden Jugendlichen stecken in den allermeisten Fällen ein “frühkindliches Trauma” oder eine psychische Erkrankung dahinter, bei Mädchen gehe es oft um sexualisierte Gewalt im Kindesalter oder auch im Zuge des Drogenkonsums. Kapelari erzählte, dass Mädchen im Gegenzug für Drogen häufig sexuell ausgebeutet würden.
“Es gibt aber auch genügend Fälle, wo wir keine Ahnung haben, wieso es so eskaliert”, meinte Jäger wiederum und berichtete von Eltern, die einen “extrem bemühten, umsorgenden Eindruck” machen. Es könne jedoch “so viele Gründe” geben, nannte er eine Scheidung, die an sich “nichts Besonderes” sei, als Beispiel: “Manche wirft es aber dadurch aus der Bahn.” Ein “gewaltfreies und liebevolles Aufwachsen” sei jedenfalls die beste Suchtprävention.
Social Media liefert “verstörende Inhalte”
Die Prävention sah Jäger daher auch als “gesamtgesellschaftliche Aufgabe”. Auf Social Media etwa seien die Jugendlichen permanent “extrem verstörenden Inhalten ausgesetzt” und würden “alles, was in ihrem Leben passiert, dort teilen”. Insgesamt mache er jedoch die Beobachtung, dass der Großteil der Jugendlichen “angepasster und gesünder unterwegs” sei, “als sie jemals waren”. Dennoch sei ein “beträchtlicher Teil sehr riskant unterwegs”. Im “Z6” sei man gut aufgestellt, dennoch “übersteigt der Bedarf das Angebot”. Alleine im Vorjahr wurden dort 1.846 Beratungen gemacht, Angebote wie Streetwork oder Drogenchecks nicht miteingerechnet.
Kapelari wünschte sich zur Risikominderung einen Schutzraum für konsumierende Jugendliche, der jedoch aufgrund der aktuellen Gesetzeslage rechtlich problematisch sei. Dabei gehe es nicht darum, den Konsum zu fördern, sondern dies sollte der Gesundheitsprävention – so wie der Spritzentausch – dienen. Zudem bräuchte es mehr Plätze und Personal in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sowie ein Rund-um-die-Uhr-Konzept für Unter-14-Jährige und Wohnungsangebote, wo der Drogenkonsum nicht zwangsläufig ein sofortiger Ausschlussgrund sei.




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