Von: apa
In Österreich werden immer mehr Kinder und Jugendliche zwangsweise in der Psychiatrie untergebracht. 2025 waren 1.305 Minderjährige in Kliniken gegen oder ohne ihren Willen, drei Viertel der Untergebrachten waren Mädchen. Österreichweit gab es im Vorjahr 16.917 Betroffene aller Altersgruppen, so die Patientenanwaltschaft von Vertretungsnetz in einer Aussendung am Mittwoch. 35 Prozent der Untergebrachten wurden mit Gurten am Bett fixiert. Eine Person starb 2025 währenddessen.
Im Schnitt seien täglich rund 770 Patientinnen und Patienten gegen oder ohne ihren Willen auf psychiatrischen Stationen untergebracht. Insgesamt ist die Zahl der psychiatrischen Unterbringungen in Österreich erneut gestiegen. So wurden im Jahr 2025 knapp über 25.800 Unterbringungen gemeldet – ein Plus von drei Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. Betroffen waren 16.917 Personen. Grundlage dafür sei die ärztliche Einschätzung, dass eine Gefährdung für die Betroffenen selbst oder andere Menschen bestehe. Die Patientenanwaltschaft vertritt Betroffene während der Unterbringung direkt in den Kliniken.
Zusätzlich zur Unterbringung können sogenannte weitergehende Beschränkungen verhängt werden. Patientinnen und Patienten dürfen dann z.B. nicht nur die Station, sondern auch ein Zimmer nicht verlassen. Auch sedierende Medikamente und Gurtsysteme am Bett kommen zum Einsatz. Diese Art der Beschränkung ist nicht selten: Rund 35 Prozent der Patientinnen und Patienten wurden 2025 auf einen Raum beschränkt, etwa ein Viertel wurde sogar mit Gurten am Bett fixiert. 2019 waren es noch 30,7 Prozent, nunmehr 34,6 Prozent. In absoluten Zahlen sind das 1.629 Unterbringungen mehr, wo die Betroffenen mit Gurten am Bett fixiert werden. Laut dem Jahresbericht starb im Vorjahr ein junger Mann während einer Fixierung. Details dazu nannte das Vertretungsnetz unter Verweis auf derzeit laufende Verfahren nicht.
Eins zu Eins-Begleitung gefordert
Die Patientenanwaltschaft fordert bei Gurtfixierungen jedenfalls eine “durchgehende Eins zu Eins-Begleitung”, sagte Bernhard Rappert, Fachbereichsleiter der Patientenanwaltschaft, im Gespräch mit der APA. Laut dem Experten werden Fixierte meist auch sediert, und dabei wird immer wieder die Lungenfunktion beeinträchtigt, noch dazu, wenn die Betroffenen am Rücken liegen. Bei einer Videoüberwachung könne man die Vitalparameter nicht sehen, weshalb es wichtig sei, dass eine Person mit im Raum sei und diese massiv psychisch belastende Phase auch begleitet.
Besonders kritisch ist die Entwicklung von Gurtfixierungen laut Jahresbericht bei Minderjährigen: Der Anteil der Unterbringungen mit weitergehenden Beschränkungen stieg von 19,5 Prozent im Jahr 2019 auf 28 Prozent im Jahr 2025. Insgesamt gibt es bei den Fixierungen große regionale Unterschiede: In Kärnten und Tirol werden Fixierungen bei einem höheren Anteil der Unterbringungen angewendet als etwa in Niederösterreich oder dem Burgenland. Hochgerechnet auf 100.000 Einwohner lag die Zahl der Unterbringungen mit Fixierung am Bett in Kärnten bei 114, im Nordburgenland dagegen bei 23. Im Österreichschnitt gab es 75 Gurtfixierungen pro 100.000 Einwohner. “Viele Zwangsmaßnahmen lassen sich durch ausreichendes Personal, professionelle Deeskalation und geeignete bauliche Strukturen vermeiden”, erklärte Rappert. Er appellierte an die Spitäler, sich zu dem Thema vermehrt auszutauschen.
Nicht alle Psychiatrien halten sich an das Unterbringungsgesetz, geht aus dem Jahresbericht hervor. So wurde etwa einer minderjährigen Person, die mehrere Tage hinweg immer wieder viele Stunden lang fixiert wurde, eine Notrufglocke vorenthalten. Eine solche ist jedoch unverzichtbar, um sich in Notsituationen bemerkbar machen zu können. Es darf nicht übersehen werden, dass jede Fixierung im Bett – besonders wenn sie länger andauert – auch eine potenziell lebensbedrohliche Situation darstellt, betonte das Vertretungsnetz. Das Landesgericht Wiener Neustadt hielt es jedoch für ausreichend, dass die betroffene Person durch Rufen auf sich aufmerksam machen hätte können.
Lage bei Jugendlichen kritisch
Besonders besorgniserregend entwickelt sich laut den Experten die Situation bei Kindern und Jugendlichen. Seit Beginn der Covid-19-Pandemie seien die Unterbringungstage Minderjähriger stark angestiegen und hätten sich auf hohem Niveau stabilisiert. Gegenüber 2019 betrage die Zunahme 36 Prozent. Zwar seien die Unterbringungstage seit 2024 leicht um zwei Prozent auf 16.750 gesunken, die Zahl der betroffenen Minderjährigen stieg jedoch von 1.165 im Jahr 2019 auf 1.305 im Jahr 2025.
“Steigende Belastungen für Kinder und Jugendliche und viel zu geringe Ressourcen im niedergelassenen Bereich führen zu immer häufigeren Aufnahmen im Krankenhaus”, sagte Rappert. Das stationäre Angebot sei seit Jahrzehnten nicht ausreichend ausgestattet und überlastet. Junge Patientinnen und Patienten würden wegen des hohen Bettendrucks oft zu früh entlassen. Dadurch steige das Risiko erneuter Aufnahmen. Rappert fordert daher einen deutlichen Ausbau der Ressourcen für die psychische Gesundheit von Kindern und Jugendlichen. “Die Entwicklung betrifft die Erwachsenen von morgen. Die Kosten, die auf das Gesundheitssystem zukommen, weil psychisch erkrankte Kinder und Jugendliche nicht ausreichend und adäquat behandelt werden, sind kaum abschätzbar”, sagte er.
Regional deutliche Unterschiede
Insgesamt gibt es regional deutliche Unterschiede. Während westliche Bundesländer höhere Unterbringungszahlen verzeichnen, fallen die durchschnittlichen Aufenthaltsdauern dort kürzer aus. In Salzburg und Tirol dauert eine Unterbringung im Schnitt 7,8 Tage, in Wien hingegen 13,77 Tage. Minderjährige Untergebrachte werden rascher entlassen als Personen anderer Altersgruppen. Insbesondere ältere Menschen warten manchmal sehr lang auf einen Pflegeplatz in einer betreuten Einrichtung.
Der der Unabhängige Monitoringausschuss fordert dringend mehr Mittel und einen Ausbau der Versorgung, betonte er in einer Aussendung. “Die steigende Verwendung von Freiheitsbeschränkungen zeigt den desolaten Zustand der psychosozialen Versorgung von Kindern und Jugendlichen auf. Dabei fehlt es weiterhin an Ressourcen und aussagekräftigen Daten, um ein bundesweit koordiniertes adäquates Versorgungsangebot aufzubauen. Es herrscht dringender Handlungsbedarf”, forderte die Ausschuss-Vorsitzende Katta Spiel.




Aktuell sind 0 Kommentare vorhanden
Kommentare anzeigen