Von: APA/sda/dpa/AFP
Die Identifizierung aller 40 Todesopfer des Brandinfernos im Schweizer Skiort Crans-Montana ist abgeschlossen. Viele derjenigen, die es nicht lebend aus der brennenden Bar schafften, sind noch nicht volljährig gewesen. Das jüngste Todesopfer ist eine 14-jährige Schweizerin. Im Fokus der Ermittler stehen die Betreiber der Bar “Le Constellation”. Die Kriterien für eine Untersuchungshaft sind derzeit nicht erfüllt, heißt es von der Walliser Staatsanwaltschaft.
Derzeit bestehe kein Verdacht, dass sich die Beschuldigten, ein französisches Paar, dem Strafverfahren oder einer zu erwartenden Strafe durch Flucht entziehen wollen. Auch die anderen Kriterien wie Rückfall- oder Kollusionsgefahr kommen nicht in Betracht, sagte die Generalstaatsanwältin Béatrice Pilloud.
Strafuntersuchung läuft seit Samstag
Die Walliser Staatsanwaltschaft hatte am Samstag Ermittlungen, im Schweizer Recht “eine Strafuntersuchung”, gegen die beiden Betreiber des Lokals eröffnet. Ihnen werden fahrlässige Tötung, fahrlässige Körperverletzung sowie fahrlässige Verursachung einer Feuersbrunst vorgeworfen. Bis zu einer rechtskräftigen Verurteilung gilt die Unschuldsvermutung, wurde betont.
Laut Staatsanwaltschaft deutet alles darauf hin, dass das Feuer von “Wunderkerzen” ausging, die auf Champagnerflaschen angebracht waren. Wie auf Bildern in den sozialen Netzwerken zu sehen ist, dürfte eine Person auf den Schultern einer anderen Person versehentlich die Decke in Brand gesetzt haben. Die Ermittler konzentrieren sich nun unter anderem auf den Lärmschutzschaum, der an der Decke angebracht war.
In dem Verfahren tritt die Gemeinde Crans-Montana als Zivilklägerin auf, wie sie mitteilte. Die Gemeinde wolle, dass die Tragödie schnell vollständig aufgeklärt werde.
Einer der Barbetreiber ist offenbar für die französische Justiz kein Unbekannter. Der Franzose geriet bereits früher wegen anderer Vergehen ins Visier der Ermittler, wie AFP am Montag aus mit dem Fall vertrauten Kreisen erfuhr. Demnach wurde er vor 20 Jahren in der Region Savoyen wegen Zuhälterei festgenommen.
Auch alle Verletzten identifiziert
Neben den Todesopfern sind nun auch alle 116 Verletzten identifiziert. 83 Personen sind nach Angaben der Walliser Staatsanwaltschaft derzeit noch in Krankenhäusern. Die Opferzahl habe sich geringfügig verringert. Drei in jener Nacht in der Notaufnahme behandelte Personen seien zunächst dem Ereignis zugerechnet worden, obwohl sie nicht damit im Zusammenhang standen.
Bei den Verletzten handelt es sich laut den neuesten Angaben großteils um Frauen und Männer aus der Schweiz, Frankreich und Italien. Zudem waren auch zwei Polinnen, eine Belgierin, eine Portugiesin, eine Staatsangehörige der Tschechischen Republik, vier männliche serbische Staatsangehörige, ein Australier, ein Bosnier, ein Staatsangehöriger der Republik Kongo, ein Luxemburger sowie vier Männer mit doppelter Staatsangehörigkeit betroffen.
Das Bundesamt für Bevölkerungsschutz (BABS) teilte mit, dass insgesamt 38 verletzte Patienten in ausländische Spitäler und Kliniken gebracht worden sind.
Fokus auf Brandschutz in anderen Gemeinden
Nach der Feuerkatastrophe legen zwei andere bekannte Wintersportorte des Alpenlandes einen verstärkten Fokus auf Brandschutz. Im Schweizer Radio SRF kündigten am Montag Lokalpolitiker in Adelboden und Lauterbrunnen vor den Ski-Weltcuprennen der nächsten Wochenenden an, Gastronomie-Betriebe in die Pflicht zu nehmen, um für die Sicherheit der Fans zu sorgen.
Der Schweizer Präsident Guy Parmelin verwies im TV-Sender SRF auf Berichte, wonach bereits viele Lokalbetreiber in der Schweiz beschlossen hätten, künftig auf Pyrotechnik in Innenräumen zu verzichten. Die Regierung müsse kein offizielles Verbot beschließen, “aber ich glaube, dass die notwendigen Lehren zum gegebenen Zeitpunkt daraus gezogen werden”, sagte der Politiker der rechtskonservativen SVP.
Leichen nach Italien überstellt
Unterdessen ist ein Transportflugzeug der italienischen Luftwaffe mit den sterblichen Überresten von fünf der sechs bei dem Brand ums Leben gekommenen Italiener am Montag am Militärflughafen Mailand Linate gelandet. Eine weitere italienische Tote befindet sich noch in Lugano und soll demnächst nach Italien überführt werden.
Die Särge waren zuvor vom Flughafen von Sitten aus nach Italien gebracht worden. An der Ankunft in Mailand nahmen mehrere hochrangige Vertreter aus Politik und Zivilschutz teil. Der italienische Staat übernimmt die Kosten für die Überführung und die Beisetzungen. Bei den Opfern handelt es sich um zwei Mädchen und um vier Burschen im Alter zwischen 15 und 16 Jahren. Am 7. Jänner soll in allen italienischen Schulen eine Schweigeminute zum Gedenken an die Opfer abgehalten werden.
Elf Verletzte werden in Mailänder Krankenhaus behandelt
Nach Angaben des Krankenhauses Niguarda in Mailand werden dort elf Verletzte behandelt, überwiegend Jugendliche im Alter von 15 und 16 Jahren. Sechs Patienten befinden sich demnach in ernstem Zustand auf der Intensivstation, drei von ihnen gelten als kritisch. Alle Betroffenen sind noch nicht außer Lebensgefahr. Die Behandlung werde mehrere Wochen dauern, hieß es.
Italiens Außenminister Antonio Tajani erklärte, die Sicherheitsmaßnahmen in dem Lokal, in dem der Brand ausgebrochen ist, seien offensichtlich unzureichend gewesen. Auch Italiens Botschafter in der Schweiz, Gian Lorenzo Cornado, sprach im Interview mit der römischen Tageszeitung “La Repubblica” (Montagausgabe) von einer vermeidbaren Tragödie und verwies unter anderem auf brennbares Material an der Decke sowie unzureichend gekennzeichnete Notausgänge.




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