Freiliegende Bodenflächen nehmen innerhalb von zwei Jahren um 351 Prozent zu

Krieg in Gaza zerstört auch Vegetation

Donnerstag, 09. Juli 2026 | 11:58 Uhr

Von: luk

Bozen – Eine Studie der Freien Universität Bozen stellt eine Methode auf Basis frei verfügbarer Daten und Open-Source-Software vor, mit der sich die Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf Böden selbst in unzugänglichen Gebieten dokumentieren lassen.

Bewaffnete Konflikte hinterlassen nicht nur menschliches Leid und zerstörte Infrastruktur, sondern verursachen auch tiefgreifende Schäden an der Umwelt. Besonders betroffen sind die Böden: Ihre Degradation beeinträchtigt zentrale Ökosystemleistungen – von der landwirtschaftlichen Produktion über die Regulierung des Klimas und die Wasserqualität bis hin zum Erhalt der biologischen Vielfalt. Das Ausmaß dieser Schäden lässt sich jedoch in Kriegsgebieten meist nur schwer erfassen, da der Zugang zu den betroffenen Regionen häufig eingeschränkt oder gar unmöglich ist.

Ein Forschungsteam der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften der Freien Universität Bozen hat nun eine neue Methode entwickelt, mit der sich Bodendegradation anhand von Satellitenbildern analysieren lässt. Das Besondere daran: Die Methode basiert ausschließlich auf frei zugänglichen Daten und Open-Source-Werkzeugen. Dadurch ist sie vollständig nachvollziehbar und kann ohne Einschränkungen reproduziert und weiterentwickelt werden. So können Umweltveränderungen auch dort dokumentiert werden, wo direkte Erhebungen vor Ort nicht möglich sind. Für ihre Analysen nutzten die Forschenden Daten und Bilder der europäischen Sentinel-2-Satelliten, die Plattform Google Earth Engine sowie den Datensatz Dynamic World, der mithilfe Künstlicher Intelligenz die Bodenbedeckung klassifiziert. Der vollständige Arbeitsprozess wurde zudem auf GitHub veröffentlicht, sodass die Methode auch in anderen Konfliktgebieten oder Regionen mit fortschreitender Umweltdegradation angewendet werden kann.

Zur Überprüfung der Methode analysierte das Forschungsteam die Entwicklung im Gazastreifen zwischen September 2023 und September 2025 und verglich sie mit Gebieten in Israel, die ähnliche klimatische Bedingungen aufweisen. Die Auswertung der Satellitendaten zeigt deutliche Veränderungen: Die Vegetationsflächen – darunter Ackerland und Grasland – gingen im Gazastreifen innerhalb des Untersuchungszeitraums um 65 Prozent zurück, von 5.941 auf 2.056 Hektar. Gleichzeitig vergrößerte sich die Fläche freiliegender Bodenflächen um 351 Prozent – von 3.918 auf 17.663 Hektar. In den untersuchten Gebieten in Israel fielen die Veränderungen deutlich geringer aus: Die Vegetationsflächen nahmen lediglich um 4,5 Prozent ab und die freiliegenden Bodenflächen nur um 3,4 Prozent zu. Dies spricht dafür, dass die im Gazastreifen beobachteten Veränderungen auf die Folgen des bewaffneten Konflikts zurückzuführen sind und nicht auf regionale Umwelt- oder Klimaeinflüsse.

Die Forschungsarbeit zeigt zudem, dass bewaffnete Konflikte langfristige Spuren in Ökosystemen hinterlassen. Die Schäden an den Böden können weit über das Ende der Kampfhandlungen hinaus bestehen bleiben und über Jahrzehnte ökologische, gesundheitliche und gesellschaftliche Folgen nach sich ziehen – wie Beispiele aus den jüngsten Konflikten in der Ukraine, in Syrien, im Jemen und im Sudan zeigen.

Die Studie ist Teil eines Forschungsschwerpunkts der Freien Universität Bozen, die den Einsatz von Erdbeobachtungstechnologien zur Erfassung der Umweltauswirkungen bewaffneter Konflikte untersucht. Erstautor Michele Torresani war bereits an der Entwicklung eines Frühwarnsystems beteiligt, das mithilfe von Satellitendaten und Verfahren der Künstlichen Intelligenz kriegsbedingte Waldverluste in der Ukraine erkennt. Mit der aktuellen Studie erweitert das Forschungsteam diesen Ansatz auf die Erfassung der Bodendegradation und stellt dafür eine vollständig reproduzierbare Methode auf Basis frei verfügbarer Daten und Open-Source-Software zur Verfügung.

„Wenn der Zugang zu einem Gebiet nicht möglich ist, besteht die Gefahr, dass auch die Umweltschäden unsichtbar bleiben“, erklärt Luigimaria Borruso, Professor an der Fakultät für Agrar-, Umwelt- und Lebensmittelwissenschaften der Freien Universität Bozen und Letztautor der Studie. „Mit unserer Arbeit stellen wir der wissenschaftlichen Gemeinschaft, internationalen Organisationen sowie Journalistinnen und Journalisten eine offene, transparente und reproduzierbare Methode zur Verfügung, mit dem sich die Auswirkungen bewaffneter Konflikte auf die Umwelt ausschließlich auf Grundlage öffentlich verfügbarer Daten dokumentieren lassen. Der freie Zugang zu diesen Daten schafft zudem die Grundlage für unabhängige, wissenschaftlich fundierte Bewertungen, die für die Wiederherstellung geschädigter Ökosysteme unverzichtbar sind.“

Die Studie mit dem Titel „Soil health in a conflict-affected area: An open-source Google Earth Engine framework to map land degradation in Gaza“ (Bodengesundheit in einem Konfliktgebiet: Ein Open-Source-Framework auf Basis von Google Earth Engine zur Kartierung der Bodendegradation im Gazastreifen) ist in der Fachzeitschrift Progress in Physical Geography erschienen und ist hier abrufbar.

Im Anhang zwei Satellitenbilder des nördlichen Teils des Gazastreifens zu, die im September 2023 bzw. im September 2025 aufgenommen wurden. Die rote Farbgebung kennzeichnet die Vegetation und macht den deutlichen Rückgang der Vegetationsbedeckung zwischen den beiden Aufnahmezeitpunkten sichtbar. Die Grenze des Gazastreifens ist gelb markiert.

Bezirk: Bozen

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