Erfolgsgeschichte aus Südtirol erreicht internationale Anerkennung

Medizinisches Wunder nach 23 Stunden im Lawinenkegel

Donnerstag, 21. März 2024 | 12:38 Uhr

Von: luk

Bozen – Ein Mann überlebt 23 Stunden unter den Schneemassen einer Lawine. Trotz äußerst niedriger Körperkerntemperatur und dank der Bemühungen der Notfall- und Intensivmedizin im Südtiroler Sanitätsbetrieb kann sein Leben gerettet werden. Eine wissenschaftliche und medizinische Sensation, die nun durch einen Bericht in einem skandinavischen Wissenschaftsmagazin gewürdigt wurde.

Mit Superlativen sollte sparsam umgegangen werden, aber der Fall des Skitourengehers, der nach 23 Stunden mit einer Körperkerntemperatur von nur mehr 23 Grad Celsius und schweren Erfrierungen an einer Hand aus dem Schnee geborgen und wieder ins Leben geholt werden konnte, ist wissenschaftlich und medizinisch einzigartig. Denn es war eine der längsten Verschüttungen mit gutem Überleben, die je dokumentiert werden konnte. Das beherzte Vorgehen der behandelnden Notfall- und Intensivmediziner am Landeskrankenhaus Bozen rettete nicht nur sein Leben und seine Hand, sondern setzte neue Maßstäbe für die Behandlung von schwer unterkühlten Lawinenverschütteten mit Erfrierungen.

Ein extremer Fall – die spektakulären Umstände der Bergung

Der Fall ereignete sich im Januar 2023 in den Südtiroler Alpen. Die Familie hatte den 53-Jährigen, der von einer Skitour in den Dolomiten nicht zurückgekehrt war, am Abend als vermisst gemeldet. Die Bergrettung begann noch in der Nacht mit der Suche, hatte jedoch nur Hinweise auf die möglichen Routen, die der Vermisste begangen haben könnte. Auch die nächtlichen Suchflüge waren erfolglos. Erst am nächsten Vormittag, als ein Rettungsteam vom Hubschrauber aus einen Lawinenkegel entdeckte, aus dem eine Hand ragte, konnte der verschüttete Freizeitsportler rasch geborgen werden. Die Temperatur am Verschüttungsort auf 2.300 Metern Höhe lag zu diesem Zeitpunkt bei minus acht Grad Celsius.  Nach 23 Stunden, rund einen Meter tief im Schnee begraben, war seine Körperkerntemperatur in einen absolut lebensbedrohlichen Bereich von 23,1 Grad Celsius abgefallen. Der Geborgene war bewusstseinseingetrübt bei noch erhaltenem Kreislauf und vorhandener Spontanatmung.

Ein warnendes Beispiel aus der Vergangenheit und neue Prioritäten in der Therapie 

Der Verschüttete wurde in die Intensivstation am Landeskrankenhaus Bozen gebracht. Unter der Leitung von Primar Marc Kaufmann, einem Experten in der Behandlung von lebensgefährlich unterkühlten Patienten aufgrund seiner langjährigen Tätigkeit als Oberarzt an der Universitätzsklinik Innsbruck, wurde sofort mit der Wiedererwärmung des Körpers begonnen. Dabei kamen unter anderem zwei Warmluftgebläse zum Einsatz, die warme Luft (bis zu 40°C) nach dem Prinzip der Konvektion über die Körperoberfläche verteilen. Mit dieser nicht invasiven Technik konnte eine Erwärmung des Patienten um 3,5 Grad Celsius pro Stunde erreicht werden. Die Behandlung von schwer unterkühlten Patienten setzt das Vorhandensein einer ganz besonderen medizin-technischen Ausrüstung, der „mobilen Herz- Lungenmaschine“ oder sogenannten ECMO (Extrakorporale Membranoxygenierung) und entsprechender medizinischer Spezialkompetenzen voraus. Diese neue Therapieoption konnte am Landeskrankenhaus Bozen von Kaufmann und seinem Ärzteteam im Rahmen der Covid-19 Pandemie implementiert werden und ist bereits mehrfach erfolgreich zum Einsatz gekommen.

Hermann Brugger, langjähriger Notarzt und Gründer des Instituts für Alpine Notfallmedizin von Eurac Research, erinnert sich an einen nahezu identischen Fall: „Es hatte einen Lawinenunfall in der Schweiz gegeben, wo ein junger Mann mit einer Hand außerhalb des Schnees verschüttet worden war. Leider musste seine Hand aufgrund der erlittenen Erfrierungen abgenommen werden“, erzählt Brugger und schließt: „Auch beim aktuellen Fall des Südtiroler Verschütteten hatte die rechte Hand starke Erfrierungen erlitten und war extrem gefährdet.“ Die Hand, die ausschlaggebend dafür gewesen war, dass die Suchmannschaft den Verschütteten noch rechtzeitig entdeckte, stand auf dem Spiel.

Hand konnte gerettet werden

Nach Erreichen einer „sicheren“ Körperkerntemperatur (über 30 Grad Celsius), begann das medizinische Team der Landesintensivstation bereits wenige Stunden nach Aufnahme mit der medikamentösen Spezialbehandlung der Erfrierungen. „Vermutlich durch die vorgezogene Erfrierungstherapie konnte die Hand gerettet werden, ohne dass der Patient auch nur eine Fingerkuppe verlor – das ist ein toller Erfolg“, resümiert Brugger. Denn die Kombination aus Lawinenverschüttung und schweren Erfrierungen sei selten und auch in der Forschungsliteratur nicht ausreichend untersucht. Es gibt demnach auch keine gesicherten Erkenntnisse, ob und wie Medikamente, die bei Erfrierungen eingesetzt werden, in einem unterkühlten Körper wirken. Bislang galt die Priorität bei der Behandlung stets der vollständigen Wiedererwärmung des Körpers, wie Brugger erklärt, der Experte für Lawinenmedizin ist. Beim Fall in der Schweiz verstrich nach der Wiedererwärmung viel Zeit bis zur Verlegung des Patienten in ein Referenzkrankenhaus, wo die Erfrierungstherapie in einem zweiten Schritt begonnen wurde. Seine Hand konnte schlussendlich nicht mehr gerettet werden, „und das war für uns ein warnendes Beispiel“, so Brugger, der bei der Aufarbeitung des Schweizer Unfalls beteiligt war.

„Es fehlen bislang genaue Empfehlungen für die Behandlung von Erfrierungen bei schwer unterkühlten Patienten. Wir glauben aber, dass möglichst früh und parallel zur lebenswichtigen Wiedererwärmung auch schon mit der medikamentösen Therapie der Erfrierungen begonnen werden muss, denn in diesen Fällen geht die größere Gefahr eines Dauerschadens nicht von der Unterkühlung, sondern von der Erfrierung aus“, so Kaufmann. Die Tatsache, dass der Südtiroler Lawinenverschüttete trotz der extremen Umstände, abgesehen von therapiebedürftigen Schmerzen an der Hand überlebte, gibt dem Ärzteteam in Bozen recht.

Man sei beim aktuellen Fall einer Kombination von verschiedenen Literaturempfehlungen und Therapieprotokollen gefolgt, darunter auch einem Behandlungsschema für Erfrierungen, das im Krankenhaus Bruneck ausgearbeitet worden war. Zentrale Punkte sind der früheste mögliche und zeitgleiche Einsatz von Medikamenten zur Gefäßerweiterung, sowie zur Hemmung der Blutgerinnung und nicht zuletzt der Beginn einer multimodalen Schmerztherapie. „Die Medikamente, mit denen Erfrierungen behandelt werden, sind immer mit einer gewissen Blutungsgefahr verbunden. Die Unterkühlung selbst beeinflusst ebenfalls die Blutgerinnung und hemmt sie. Beides wirkt also in dieselbe Richtung und erhöht das Risiko von Hirn- oder Organblutungen“, erläutert Elisabeth Gruber, Intensivmedizinerin an der Landesintensivstation und erfahrene Schmerztherapeutin. „Die thrombolytische Therapie wurde in diesem Fall direkt in die Armarterie verabreicht. Dadurch habe sie eine weniger starke systemische Wirkung, sondern wirke vielmehr direkt auf die Erfrierung ein“, erklärt Gruber. Nach zehn Tagen konnte der Patient nach Hause entlassen werden. Es dauerte noch zehn Monate, bis die rechte Hand und alle einzelnen Finger wieder voll funktionsfähig waren.

Forschung und Klinik arbeiten Seite an Seite

„Dieser Fall ist spektakulär aufgrund des guten Ausgangs trotz der langen Verschüttungsdauer, der sehr tiefen Körpertemperatur und der extremen Erfrierungen“, sagt Brugger und unterstreicht die gute Zusammenarbeit zwischen dem Forschungsinstitut Eurac Research und der Notfallmedizin im Südtiroler Sanitätsbetrieb. Das Institut für Alpine Notfallmedizin von Eurac Research hat unter anderem verschiedene Register eingerichtet – das Traumaregister, das Hypothermie- und das Frostbite-Register – in denen Fälle aus dem gesamten Alpenraum und darüber hinaus systematisch mit Details zum Unfall, zur Behandlung und zum Outcome gesammelt werden. Sie dienen zum einen der Forschung, sind zum anderen aber auch für alle zugänglich, die in der Bergrettung tätig sind. „Über diesen Fall werde ich in Kürze auf einer internationalen Tagung an der Universität in Aberdeen in Schottland berichten. So wird das Thema in kürzester Zeit auch von internationalen Expertinnen und Experten im Bereich der Lawinenmedizin behandelt werden“, schließt Brugger.

Der aktuelle Fall wurde vom behandelnden Team der Notfall- und Intensivmediziner des Südtiroler Sanitätsbetriebes zusammen mit dem Institut für Alpine Notfallmedizin von Eurac Research wissenschaftlich aufgearbeitet und im Scandinavian Journal of Trauma, Resuscitation and Emergency Medicine publiziert.

Bezirk: Bozen

Kommentare
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krokodilstraene
2 Monate 7 Tage

Ein Glücksfall für den Pazienten, wenn die Expertisen aus mehreren Fachgebieten zusammentreffen und die erhofften Ergebnisse sich letzten Endes auch einstellen.
Man kann dem Team nur gratulieren und den Pazienten beglückwünschen, dass er ohne größere Folgen einen solchen Unglücksfall überlebt hat.

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