Psychologen geben Tipps für die aktuelle Situation

“Regeln einhalten – einfach schwer”

Dienstag, 20. Oktober 2020 | 11:28 Uhr

Bozen – Die Exponenten des Hilfsnetzwerks PSYHELP Covid 19, Roger Pycha, Sabine Cagol und Francesca March, wollen die Öffentlichkeit psychologisch zu geeignetem Verhalten in dieser Zeit animieren. Es wird davon gesprochen, dass die neuen sozialen Normen unangenehm seien. Leichter ertragen könne man sie, indem man sich deren Ende vor Augen hält. Gerne könne man über die Regeln wie Sicherheitsabstand usw. schimpfen, befolgen sollte man sie aber genau, so Pycha, Cagol und March.

 

Regeln einhalten – einfach schwer

Vor Kurzem stellte der ehemalige deutsche Bundespräsident Joachim Gauck in Bozen sein Buch mit dem eingängigen Titel „Toleranz- einfach schwer“ vor, und weckte uns den gesamten Abend lang Assoziationen zur aktuellen Situation in der Coronakrise. Was wir bisher dem Virus vorbeugend entgegensetzen können, ist bloßes Verhalten. Verhalten wird durch die Psyche gelenkt, und die Psyche durch Information. In diesem Sinne ist Wissen, auch nur teilweises Wissen, Schutz und Macht. Anderseits ist Wissen etwas, was wir dauernd auch in Zweifel ziehen. Und inoffizielles Wissen, Gerüchte, persönliche Erzählungen wiegen häufig schwerer als jeder allgemeine Grundsatz, der uns ohnehin überall vorgebetet wird. Den wir nicht mehr hören können und den wir aktiv in unserem Gehirn unterdrücken. Heimliche Zusatzinformationen bieten den Einzelnen, Firmen und Staaten Überlebensvorteile. Deshalb ist Klatsch so attraktiv, deshalb gibt es Werkspionage und Geheimdienste. Es ist auch leichter, gegen Regeln aufzustehen, als sie einzuhalten. Es ist ergiebiger, über Umstände zu schimpfen, als andere und sich selbst dauernd dazu aufzufordern, sie einzuhalten. Deshalb gehen viele Influencer und solche, die sich dafür halten, diesen leichteren Weg. Medial fällt die grölende Minderheit vor dem deutschen Reichstag viel mehr auf als die glücklicherweise schweigende Mehrheit, die sich an die Coronavorgaben hält. Protestieren gibt viel mehr persönliche, narzisstische Befriedigung. Die gesamte 1968-er Generation hat davon gelebt, dass „dagegen“ zu sein „in“ war, auch ganz unabhängig von den einzelnen, durchaus erkämpfenswerten Zielen. Jetzt aber geht es darum, klug mit sinnvollen Regeln zurechtzukommen, die lästig fallen und unbequeme Konsequenzen wie Quarantäne und unangenehme Tests, unsichere Ergebnisse und quälendes Warten darauf, Erkrankung und Behandlung nach sich ziehen können. Das geht fast nur, indem wir uns Luft verschaffen, klagen und uns beschweren, Fehler und Schwierigkeiten im Ablauf aufzeigen, aber gleichzeitig hoch diszipliniert die Abstandsregeln einhalten, im heißen Herbst noch besser, zwei Meter anstellen von einem. Indem wir bei allen möglichen Gelegenheiten Masken tragen, um andere und uns zu schützen, aber auch um die Atmosphäre zu schaffen, in der Gefahr respektiert und Vorsicht gepflogen wird. Indem wir möglichst nichts und niemanden berühren, uns oft die Hände waschen, möglichst Vieles virtuell und elektronisch regeln, und indem wir uns gegenseitig freundlich ermahnen, kontrollieren und auf die Einhaltung der Regeln hinweisen. Indem wir beim Begrüßen, Verabschieden, Kennenlernen immer wieder Corona mit bedenken, die Besonderheit der Situation erklären, damit unsere Zurückhaltung nicht missverstanden wird, damit aber auch Respekt entsteht vor einer gefährlichen Situation.

Hinzu kommt die Pflege der Masken. Tägliches Wechseln, regelmäßiges Waschen (auch der Papiermasken, es ist möglich), Ablehnung der Schlauchtücher, die nur aussehen, als würden sie schützen. Einige Glückliche auf dem Lande haben bisher von Lockdown und Infektionen wenig mitbekommen, höchstens 600 Euro kassiert, und schaffen es gut, das ganze „Theater“ gering zu schätzen. Klug ist aber, bei jeder unsicheren Gelegenheit die mögliche Präsenz des Virus zu beschwören. Dann kann mindestens vereinbart werden, wie riskant man sich verhalten will, wie Grüße stattfinden können und persönliche Begegnungen auf ein symbolisches Nivau gehoben werden können. Mit unseren smartphones verteilen wir auch emoticons, sind also den Umgang mit virtuell vermittelten Sympathien gewohnt.

Im Augenblick ist sozialer Abstand heilsam, und alles, was darauf hinweist, oder dazu verhilft, von Vorteil. Die Utensilien sind eben Mund-Nasenschutz, Desinfektionsmittel, Warnplakate (die wir meist nicht mehr wahrnehmen), Abstriche, Bluttests, Schutzanzüge. Strategien sind das Verschieben privater Feiern, das Meiden von Menschenansammlungen, auch wenn sie sympathische Gründe wie Geburtstage, Siegesfeiern, Vereinsfeste und Törggelen beinhalten, die Fahrt zur Arbeit mit dem eigenen Auto statt mit öffentlichen Verkehrsmitteln. Ganz ehrlich: Offizielle Anlässe mit öffentlichen Veranstaltern sind weniger gefährlich, die haben ein Sicherheitskonzept, das durchdacht, überwacht und eingehalten wird. Und wir sind weder Feiglinge noch Außenseiter, wenn wir uns selbst schützen und andere dazu, und wieder andere auffordern, die Abstandsregeln einzuhalten.

Vor allem aber wird auch ein zweiter, weniger schwerer Gegner damit bekämpft: Die Grippe. Wenn Grippeinfektionen in diesem Herbst abnehmen, weil Menschen sich nicht gegenseitig anniesen, sondern in die Maske, nicht in die Gegend husten, sondern in die Armbeuge, ist dies ein Etappensieg. Die andere Strategie, nämlich Impfung für die Meisten, wird nämlich nur teilweise gelingen. In Südtirol hat die öffentliche Hand Grippeimpfungen praktisch aufgekauft, die Apotheken werden für den privaten Vertrieb nur späte Reste erhalten. Wieder ist das Verhalten die wirksamste Waffe. Man muss es halt üben.

Alle diese neuen sozialen Normen sind unangenehm und können leichter ertragen werden, wenn wir uns und anderen sagen, dass sie bald enden werden: Vermutlich in einem halben Jahr, vielleicht früher. Ein halbes Jahr lang werden Jung und Alt noch so diszipliniert leben müssen wie Menschen in Japan immer. Die richtige Einstellung dazu brauchen wir. Gerne über die Regeln schimpfen, aber sie peinlich genau beachten.

 

Roger Pycha, Sabine Cagol, Francesca March

PR Beauftragte des Netzwerks PSYHELP Covid 19

Von: luk

Bezirk: Bozen

Kommentare

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21 Kommentare auf "“Regeln einhalten – einfach schwer”"


Sortiert nach:   neuste | älteste | Relevanz
Dublin
Dublin
Kinig
1 Monat 11 Tage

…ist tatsächlich zu viel verlangt, so einfache Regeln einzuhalten?…kaum zu glauben…müssen die Leute zum Psychiater, wenn sie mal Mund-Nasenschutz tragen?…
😆

nuisnix
nuisnix
Universalgelehrter
1 Monat 11 Tage

Beim Schmusen stören die Masken schon gewaltig!!

primetime
primetime
Universalgelehrter
1 Monat 11 Tage

Es geht hier viel eher um die ganzen Verboten. 2 Wochen Lockdown zu Hause eingesperrt. Existenzen werden bedroht weil man nicht weis ob man morgen noch eine Arbeit hat um sich ein Dach über den Kopf und Verpflegung leisten kann.

Bitte etwas weitsichtiger denken

Sag mal
Sag mal
Kinig
1 Monat 10 Tage

Dublin wohl keine Ahnung wie unerträglich eine psychische Erkrankung Sein kann😏

wellen
wellen
Universalgelehrter
1 Monat 11 Tage

Bei den jungen Leuten stehen die Biologie und die Hormone im Wege.Der Mensch ist nicht gebaut für soziale Distanz, und sie sind dem Vergnügen zugeneigt. Deshalb nutzen Appelle nix und das Virus lacht sich ins Fäustchen

Ars Vivendi
Ars Vivendi
Universalgelehrter
1 Monat 11 Tage

@wellen…du stellst “die jungen Leute” ja ganz pauschal als hormongesteuert hin. Findest du das ok ?? und sprichst du aus eigener Erfahrung ???

Diezuagroaste
Diezuagroaste
Tratscher
1 Monat 11 Tage

Dann bin ich auch ein Opfer meiner Hormone…. ich bin nämlich gerne unter Menschen, auch mit fast 50 und drücke mir schon den Einen oder Anderen an die Brust.
Ich sehe in meinem Umfeld, wie traurig die Menschen geworden sind.

Missx
Missx
Kinig
1 Monat 11 Tage

@wellen
Jeder normale, GESUNDE Mensch will Kontakt haben, am besten Körperkontakt. Vor allem die jungen Leute. Wer das nicht versteht, ist entweder alt oder kaputt oder beides. Bin voll deiner Meinung.

gschaidian
gschaidian
Superredner
1 Monat 10 Tage
Der Mensch ist nicht für den Lockdown gemacht, Alte wie Junge alle leiden. Mit dem monatelangen Lockdown im Frühjahr hat man es sich mit den Leute vertan, sie kooperieren nicht mehr. Und recht haben sie. Der Virus verbreitet dich so und so auch jahreszeitenbedingt. Also Risikogruppen schützen, die anderen ihr Leben leben lassen und die Kranken behandeln. Bleibt eh nichts anderes übrig. Da kann die Politik Alibiaktionen machen so lang sie will. Die kaputtgesparte Sanität ist keine Rechtfertigung für die Einschränkung von Verfassungsrechten(Urteil von deutschen Richtern). Das Einsperren von Leuten ist gegen die Verfassung weil Menschenrecht. Da steht kein Conte… Weiterlesen »
mandela
mandela
Superredner
1 Monat 10 Tage

Leider ist es so, der drang zu sozialen kontakten ist stärker als die vorsicht… aber das kann schnell zu einem zustand führen den wir wirklich nicht wollen.

Missx
Missx
Kinig
1 Monat 10 Tage

@mandela
Die Menschen sind nicht schuld, sie verhalten sich nicht anders als im Sommer. Mit der Kälte verbreitet sich das Virus schneller.
Die Maßnahmen im Frühjahr haben auch erst gegriffen, als es auch in der Nacht wärmer war.
Nicht einmal ein totaler Lockdown über den ganzen Winter würde die niedrigen Infektionszahlen vom Sommer zurück bringen.

falschauer
1 Monat 11 Tage

da gar einige überzeugt sind, wenn überhaupt weniger als mit einem blauen auge davonzukommen und die solidarität dem nächsten gegenüber, genauso wie respekt und verantwortungsgefühl in der heutigen gesellschaft abhanden gekommen ist, halten sich gar einige, zum teil auch aus unwissen, falschinformation und bequemlichkeit nicht an die paar einfachen regeln und die folgen scheinen nun wohl evident zu sein

primetime
primetime
Universalgelehrter
1 Monat 11 Tage

Die Handvoll “Verweigerer” machen den Kohl nicht fett. Die sind nur der Sündenbock weil irgendwoanders gepfuscht wurde.
Warum sonst waren im Sommer so wenig infizierte? Du glaubst wohl nicht wirklich dass man dort mehr aufgepasst hat als jetzt?

Diezuagroaste
Diezuagroaste
Tratscher
1 Monat 11 Tage

Es gibt keine Schuld und auch keine Schuldigen. Es gibt einen Virus, vernünftige Massnahmen und sehr viel Theater drumherum. Es gibt kaum Reisende und wenig Bewegung international, also wie schlimm kann es werden?

Waltraud
Waltraud
Universalgelehrter
1 Monat 10 Tage

@primetime
Nein, im Sommer hat man nicht mehr aufgepasst. Jetzt wird mehr getestet und je mehr man testet, um so mehr positive. Positiv sein heißt aber nicht, dass dass man Symptome bekommt, also daran erkrankt.

thomas
thomas
Universalgelehrter
1 Monat 11 Tage

liebe Psychologen, Ihr unterliegt einer Fehleinschätzung: ein grossteil dieser Regeln wird uns in Zukunft u wohl lebenslang begleiten!

Ars Vivendi
Ars Vivendi
Universalgelehrter
1 Monat 11 Tage

@thomas…das wird das Studium und der einträglichste Beruf der Zukunft. Psychologie/PsychologeIn

Schnauzer
Schnauzer
Tratscher
1 Monat 11 Tage

@ Thomas
diese Befürchtung habe Ich insgeheim selber…

a sou
a sou
Superredner
1 Monat 11 Tage

Ohh, jetzt schon schlauchtücher ablehnen, es wird echt lächerlich… leute die betetis in 5 meter abstand im freien „maskerina“ schreien… JA! Leute die Masken tragen brachen offensichtlich psychologische Unterstützung… zumindest das sieht man hier richtig!

bislhausverstond
1 Monat 11 Tage

….und i verstea vollkommen, wenn olte odor kronke an de mossnohmen verzweifln… i mecht kuan lebn, wo mi meine kindor odor enklkindor net bsuachn odor umormen derfn (i woass wovon i red)….de distanz mochat mi mehr fertig als jedes virus

bislhausverstond
1 Monat 11 Tage

Die regln einholtn war eigntlich wichtig, obor verständlicherweise net leicht mochbor. Mir als mittvierziger sollatns relativ leicht schoffn, für kindor, jugndliche und olte menschn isch des obor psychisch schwar nochvollziechbor. I kenn einige olte odor a kronke, de sogn, aso untor de bedingungen wellnse net no 1-2 johr länga lebn, sem liaba lei mehr kurz, obor lebnswert

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