Wertvolle medizinische Fachkräfte halten – ein Kommentar

Schuss ins Knie

Freitag, 09. Dezember 2022 | 01:01 Uhr

Bozen/Andrian – Weil er nach seinen eigenen Angaben bereits fünf Mal durch die Zweisprachigkeitsprüfung gerasselt war, gab der 35-jährige Hausarzt aus Andrian, Matteo Gottardi, seine Praxis auf. Angesichts dieses Verlustes wird im Südtirol News-Artikel die Frage aufgeworfen, ob sich Südtirol auf diese Weise nicht selbst ins Bein schießt. Die Frage kann eindeutig mit Ja beantwortet werden.

Die Zweisprachigkeitsprüfungen wurden in einer Zeit eingeführt, als kaum Mangel an medizinischen Fachkräften herrschte. Zu Recht stand damals das Ziel im Vordergrund, jedem Patienten zu ermöglichen, sich in seiner eigenen Muttersprache an den Arzt wenden zu können. Dabei fiel kaum auf, dass an den mitunter praxisfernen Sprachprüfungen auch Mediziner scheiterten, die sich in der zweiten Sprache gut ausdrücken konnten. Trotz seiner guten Deutschkenntnisse erwies sich auch für den Andrianer Hausarzt die Zweisprachigkeitsprüfung als unüberwindbares Hindernis.

APA/APA/ZB/Monika Skolimowska

Dabei ist der gezeigte Einsatz von Matteo Gottardi sogar besonders lobenswert. Infolge des Ärztemangels tun sich heutzutage viele Mediziner die Mühe, für diese Prüfung zu lernen und zu ihr anzutreten, erst gar nicht mehr an. Wer im Landl bleiben will, findet in den Arztpraxen und in den Privatkliniken genügend medizinische Betätigungsfelder. Andere hingegen kehren nach dem Medizinstudium nicht mehr nach Südtirol zurück und ziehen es vor, im Ausland zu bleiben.

In Südtirol möge man sich diesmal die übliche Ethnodiskussion und die liebgewonnene Paragrafenreiterei ersparen, denn machen wir uns nichts vor: Während europaweit Hausärzten mit lukrativen Gehältern und Arbeitsbedingungen der rote Teppich ausgerollt wird, wird in Südtirol immer noch scheinbar alles getan, um wertvolle medizinische Fachkräfte zu vergraulen. Dies gilt nicht nur für die Hausärzte, sondern für alle fachmedizinischen Berufe bis hin zu den Krankenpflegern. Nebenbei leistet das Beharren auf strenge Regeln der Zweiklassenmedizin Vorschub.

fotolia.de/bnenin – Symbolbild

Auch wenn der Abschied von manch Hürde schwer wiegt, gilt es, die Frist für die Erlangung des Zweisprachigkeitsnachweises weiter zu verlängern und die Prüfungen praxisnäher zu gestalten. Es kann nicht sein, dass Prüflinge medizinischer Berufe fachfremde Prüfungsthemen über sich ergehen lassen müssen.

Diese Reformen müssen zeitnah erfolgen. Ansonsten wird sich die „Abstimmung mit den Füßen“ fortsetzen und dabei noch beschleunigen. Aber für die Kritiker und Gegner wird das kein Problem darstellen. Wie einige Verhaltensweisen bestimmter Gruppen während der Pandemie zeigten, kann man sich anstatt des Rats und der Hilfe des Hausarztes zu bedienen auch alle notwendigen Informationen auf YouTube, Facebook und Telegram zusammenklauben oder sich – noch besser – gleich an den örtlichen Schamanen wenden.

Von: ka

Bezirk: Bozen

Kommentare
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Kinig
1 Monat 30 Tage

Solange sich ein Arzt mit seinen Patienten über gesundheitliche !! Probleme und Anliegen zu deren Zufriedenheit verständigen kann, sollte man ihn seine WICHTIGE Arbeit machen lassen.

Lohmann
Lohmann
Neuling
1 Monat 28 Tage

Das ist leider sehr oft nicht der Fall und die Nivellierung der Sprachstandards im öffentlichen Gesundheitsbereich ist ein ernstes Problem. Hierzu folgende Anekdote: Ein Freund ließ sich in Brixen wegen eines gebrochenen Schlüsselbeins behandeln. Da mein Freund auf Deutsch beharrte und der Arzt dieser Sprache nicht mächtig war, musster er ihm den Befund mit Google Translate übersetzen. Das ist eine Zumutung!

Kinig
1 Monat 28 Tage

@Lohmann..das geht natürlich gar nicht. Darum habe ich auch “Solange” geschrieben. Ich war schon auf der ganzen Welt unterwegs und brauchte auch manchmal einen Arzt. Wenn es nicht auf 🇬🇧, 🇨🇵, 🇪🇦, 🇮🇹 oder 🇩🇪 funktionierte, dann halt mit 👐 und🦵🦵. Denn in erster Linie zählt, dass Patient und Arzt einander beim “Problem” verstehen. Die Sprachprüfung deckt aber ein viel größeres Spektrum als nur Medizin und Psychologie, denn für sehr viele Patienten ist auch Verständnis wichtig, ab…

Staenkerer
1 Monat 28 Tage

do man als laie mit de medizinischen fochausdrücke meist eh wienig unfongen konn und sunst eh (fost) jeder im lond guat italienisch konn( (zumindest soll man des selber kennen wenn mans von ondre verlong) und viele der u40 a englich kennen derf es heitzutoge dech koan problem sein sich mit an orzt zu verständigen!

Lohmann
Lohmann
Neuling
1 Monat 28 Tage
Vor allem aus dem ländlichen Bereich gibt es viele Menschen, denen es schwer fällt sich auf Italienisch über Gesundheitsthemen zu unterhalten. Umgekehrt verfügen in den Städten viele nicht über ausreichende Deutschkenntnisse um sich mit einem (das halte ich aber für einen absoluten Ausnahmefall) rein deutschsprachigen Arzt zu unterhalten. Ich halte Ihr Argument aber für wenig überzeugend. Der Bürger sollte sich ordentlich organisierte öffentliche Dienstleistungen und genügend Respekt vor seiner Sprachwahl erwarten können. Der Bürger hat hier keine Bringschuld, sich an die Gegebenheiten anzupassen und auf sein Recht auf Gebrauch der Muttersprache zu verzichten. Die Bringschuld liegt beim Sanitätsbetrieb / bei… Weiterlesen »
schnegge
schnegge
Tratscher
1 Monat 27 Tage

@Staenkerer voll deiner meinung. leider siehts im wirklichen leben anders aus. viiiele südtiroler können kaum italienisch sprechen und LEIDER weigern sich viele die sprache zu sprechen!
ich arbeite mitlerweile schon jahrelang mit außschließlich italienisch- sprachigen zusammen und habe somit meine sprachkenntnisse verbessert. und dafür bin ich dankbar! eine sprache mehr auf dem kasten zu haben bringt nur vorteile im leben!!!

Staenkerer
1 Monat 27 Tage

@schnegge leider hosch du recht, i honn meine italienischkenntnisse a durch meine italienischn orbeitskollegn sehr verbessert,
ober in oan bin i eines besseren belehrt wortn,, in meiner letsten orbeitsjohr honn i mit studentn zommgeorbeitez de sich dort eppas fürs studium dazuaverdient hobn, und wor, gelinde gsog, erstaunt über deren mongelhofte italienischkenntnisse, i honn a poormol sogor als “übersetzer” fungiern gemiet!

schnegge
schnegge
Tratscher
1 Monat 25 Tage

@Staenkerer i denk dass dei mangelnden italienischkenntnisse vl a af di schuile zruckziführn isch
i zbsp. hon a italienischlehrerin kop wos NUR italienisch gired hot und mir dogsessn sein und gor nix kapiert no gilernt houbm!

N. G.
N. G.
Kinig
1 Monat 30 Tage

Vollste Zustimmung! Nur, lassen wir das am besten die Freiheitlichen, STF und die Schützen nicht wissen. Für die, ist das der Supergau.
Obwohl, die meisten sind privat versichert, können doch ins benachbarte deutschsprachige “Heimatland” um sich behandeln zu lassen.

berthu
berthu
Universalgelehrter
1 Monat 29 Tage

dies unsägliche Massenprüfung – anstatt Maß-Prüfung für die Praxis ist schon bald nach Einführung mehr “gegen” die hießige Sprachmehrheit gerichtet. Dabei hat die öffentliche Hand immer mehr Hintertüren eingeführt und weggeschaut, wenn es um offensichtlichen Unwillen geht, die Muttersprache zu respektieren. Weg mit dieser unnützen Prüfung – zugunsten von internen Sprachtests bei Bewerbung/Arbeitsantritt. Alles andere ist Verschwendung öffentlicher und persönlicher Resourcen! Massen von Menschen und Arbeitgebern die Chance einer Zusammenarbeit zu nehmen, weil man drei Fremdsprachbegriffe nicht kennt? Welch Idiotismus!

ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 29 Tage

Bravo 👍

obr jetz.
obr jetz.
Tratscher
1 Monat 29 Tage
Man schaue auch zur Claudiana, der ach so hochgepriesenen Universität zur Ausbildung von Krankenpflegeberufen. Dreiviertel der Fächer NUR auf italienisch, man verlangt mittlerweile auch B2 für die Aufnahme. Wer sagt dass man mit B1 oder gar nur A2 ein schlechter Krankenpfleger ist. Das ist vollkommen ausreichend um Patienten zu verstehen. Und schließlich lernt man die Sprache auch durch Praxis. Ich finde da werden unnötig Prügel in den Weg gelegt, wo wir doch diese Menschen brauchen. Ich kenne mittlerweile 3 junge Menschen, die in Innsbruck die Ausbildung machen weil sie B2 nicht geschafft haben. Und diese kommen vermutlich auch gar nicht… Weiterlesen »
ebbi
ebbi
Universalgelehrter
1 Monat 29 Tage

Das gleiche gilt für
die Freie Universität Bozen und deren Studiengänge.

Lohmann
Lohmann
Neuling
1 Monat 28 Tage
Auflockerungen der Zweisprachigkeitspflicht gingen in der Vergangenheit immer zu Lasten der Deutschen Sprache. Es kann nicht sein, dass es als normal angesehen wird, dass Bürger gezwungen sind sich über ein so wichtiges Thema wie das der eigenen Gesundheit in einer Fremdsprache unterhalten zu müssen. Es gibt Studien (z. B. aus Kanada) die belgen, dass sich eine schlechte Verständigung zwischen Patient und Arzt aufgrund von Sprachbarrieren negativ auf den Behandlungserfolg auswirkt. Zudem kann das Sterberisiko steigen. Ich sehe hier die Landesregierung in der Pflicht die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, dass Ärzte beide Landessprachen erlernen können und dass mehr junge Ärzte aus… Weiterlesen »
Lohmann
Lohmann
Neuling
1 Monat 28 Tage
Auflockerungen der Zweisprachigkeitspflicht gingen in der Vergangenheit immer zu Lasten der Deutschen Sprache. Es kann nicht sein, dass es als normal angesehen wird, dass Bürger gezwungen sind sich über ein so wichtiges Thema wie das der eigenen Gesundheit in einer Fremdsprache unterhalten zu müssen. Es gibt Studien (z. B. aus Kanada) die belgen, dass sich eine schlechte Verständigung zwischen Patient und Arzt aufgrund von Sprachbarrieren negativ auf den Behandlungserfolg auswirkt. Zudem kann das Sterberisiko. Ich sehe hier die Landesregierung in der Pflicht die Vorraussetzungen dafür zu schaffen, dass Ärzte beide Landessprachen erlernen können und dass mehr junge Ärzte aus Österreich… Weiterlesen »
gschaidian
gschaidian
Superredner
1 Monat 28 Tage

Es gibt genügend junge Südtiroler Ärzte die ein Medizinstudium abschließen, alles potentiell zweisprachige Leute. Wenn nur ein Bruchteil davon jährlich in Südtirol anfangen würde, hätten wir zweisprachigen  Nachwuchs genug. Aber nicht einmal das gelingt.
Es ist wahrscheinlich gewollt dass die Leute sich immer mehr Dienste außerhalb des öffentlichen Gesundheitsdienstes holen sollen und dafür selber bezahlen. Sonst könnte man das kleine Land Südtirol leicht versorgen auch indem man bürokratische, organisatorische und finanzielle Hürden abbaut. Sage keiner dass das nicht möglich ist.

schwejk
schwejk
Grünschnabel
1 Monat 27 Tage
Das hat nichts mit Ethnodiskussion oder Paragrafenreiterei zu tun. Hier geht es um unsere Gesundheit!! Internationale Studien haben längst gezeigt, dass schlechtere Therapieerfolge erzielt werden, wenn es Verständigungsprobleme gibt. Außerdem wird auch jemand, der sonst gut Italienisch spricht, kaum medizinischen Ausdrücke wie Stirnhöhlenentzündung, Nebenniere, Vorhofflimmern, Schlüsselbein usw. auf Italienisch kennen. Krankheitsbilder erklären ist halt etwas Anderes, als in der Dorfbar mit dem “maresciallo” über Fußball zu quatschen.  Daher mein Vorschlag: eine Prüfung für Mediziner einführen – wie übrigens in Deutschland bereits Gang und Gäbe. Und wenn ein Arzt bei der Prüfung an und für sich gut Deutsch kann, dann muss… Weiterlesen »
Lafrenger
Lafrenger
Neuling
1 Monat 26 Tage
1. Das beweist, dass die Kommission sehr wohl alle Kandidaten gleich behandelt. Oft wird den italienisch muttersprachlichen Kandidaten vorgeworfen, dass sie sich die deutsche Sprachprüfung erschlichen haben. 2. Die deutsch muttersprachlichen Südtiroler beherrschen vielfach kein gutes Hochdeutsch. Was passiert? Der Hausarzt übernimmt unbewusst dialektale Wörter in der Meinung sie entsprechen der deutschen Hochsprache. Kein Wunder wenn man in der Prüfung durchfällt, Mundart wird von der Kommission nicht geduldet. 3. Ein ausgebildeter Arzt weist viele Jahre Studiums und Praktika auf. Auch hat er Wissen in Latein und Englisch. Und weiss wie man generell lernt. In 5 Jahren sollte es schon für… Weiterlesen »
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